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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 344 (sequence 8)
Language
German
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Seite 344. JefcHurun. Nr. 22. Bewegung, wie auch zu einer ehrlichen thatkräftigen Beteiligung der staatsgruudgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Konfession mit Ernst und Nachdruck zu veranlassen/' „Neuzeit." Die Iii-k» in Rnmiinie».?: Bukarest, im Ptai 1895. Jeder, der das Verfahren der rumänischen Behörden und Staatsmänner beobachtet, kann sich leicht überzeugen, daß diese Persönlichkeiten langsam und systematisch die Tendenz und das Ziel verfolgen, die Inden von jeder öffentlichen Stellung auszuschließen und sie in eine Art von politischem Ghetto zu sperren, wie es bisher in der Weltgeschichte unbekannt war. Es ist bekannt, daß diese Politiker damit begannen, daß sie die Juden von staatlichen Krankenhäusern und Schulen ausschlossen, so daß weder wir noch unsere Kinder mit unseren christlichen Landsleuten in Berührung kommen oder zu ihnen irgend welche enge Beziehungen haben sollten; im Gegenteil! wir sind und bleiben Fremde und Unbekannte in. unserem eigenen Vaterlande. Wer die Zwecke der rumänischen Regierung einmal kennt, wundert sich gar nicht mehr, wenn er erfährt, daß die gesetzgebende Versammlung des Landes grundsätzlich es ablehnst allen Juden, die in Rumänien selbst geboren sind, 'Naturalisations-Bescheinigungen zu verleihen; dabei kommt es gar nicht darauf au, ob die Juden Universitätstitel besitzen, ob sie Aerzte, Rechtsgelehrte, Ingenieure, 'Architekten, Philologen u. s. w. sind und sich dem Lande außerordentlich nützlich erweisen könnten. Dagegen wird das Bürgerrecht Hunderten von Ausländern, Griechen, Bulgaren, Russen u. s. w. verliehen, die erst vor kurzem ins Land gekommen sind, um sich zu bereichern, und die dann gewöhnlich wieder in ihre Heimat zurückkehren. Leidenschaft verblendet unsere Gesetzgeber so sehr, daß sie jedes aufrichtige patriotische Gefühl verlieren. So haben in der gegenwärtigen Session einige Abgeordnete Gesetze in Vorschlag gebracht, welche die Juden hart treffen, zu gleicher Zeit aber die Interessen des Staates ernstlich gefährden. Da war beispielsweise ein Antrag auf Einführung eines Spiritus-Monopols, und zwar so, daß, wie es bei Tabak, Salz u. s. w. der Fall ist, geistige Getränke nur durch Geschäftsträger der Regierung verkauft werden sollten. Aber die Juden, die vor dem Gesetze als Fremde betrachtet werden, können nicht zu Regierungs-Kommissionären ernannt werden. Wenn also das Gesetz durchginge, würden Tausende von Juden, die sich jetzt durch den Branutweinhandel ernähren, ihr tägliches Brot verliefen und der Staat würde bedeutender Summen verlustig gehen. Das scheint man Venn schließlich auch eingeseheu zu haben, und der Gesetzvorschlag wurde verworfen. Aehnlich erging es einem zweiten Gesetzvorfchlage agrarischen Charakters. Er hätte eine beträchtliche Anzahl unserer Glaubensgenossen in den Moldaubezirken ruiniert und durch die Beschränkung der freien Konkurrenz dem Staate ungeheuere Verluste verursacht. Es ist sehr bedauerlich, daß das Parlament nicht auch einen dritten Gesetzvorschlag verwarf, der gegen die Fuoen gerichtet ist. Der Gegenstand dieser neuen Beschränkungsmaßregel gegen die rumänischen Juden ist kurz folgender: Bon der Freiheit des Unterrichts in den öffentlichen Schulen (Gewinn ziehend, haben jüdische Studenten eine so vollkommene Kenntnis der Landessprache erworben, daß die besten Sprachlehrer, Philologen und Geschichtslehrer Juden sind. Sie sind also den anderen Rumünern nicht nur ähnlich geworden, sondern sind' sogar noch mehr Rumänen als jene- Um ihren Charakter als Rumänen zu vervollständigen, fügten sie ihren jüdischen Namen die Nachsilbe „escu" an, so daß Abram—Abrameseu wurde, Moses—Mosescu u. s. w. Sie müssen nun diese Wortanhängsel fallen lassen, weil unsere Politiker fürchten, bei Prüfungen und Wettbewerben von rumänisierten Juden aus dem Felde geschlagen zu werden. Habe ich nicht recht, wenn ich behaupte, daß rumänische Staatsmänner und Politiker die Juden zu isolieren wünschend Uns bleibt nur der Trost, daß die echten Rumänen di'e Ansichten ihrer Abgeordneten nicht teilen. Einheit lind Ethik. Uede, nir Legrülldilllg der „Freien israelitischen riereinigung." Gehalten im Feftsale des Hotels „Hamburger Hof" am 5. Mcii 1895. Bon Tr. T. 1? c i m dörfer, Prediger zu Hamburg. Hochgeehrte Versammlung! Vom Präsidium hierzu ausgesordert, soll ich in diesem Festsaale das Wort ergreifen, um die Notwendigkeit einer „Jsr. Vereinigung" in unserer Zeit zu beleuchten. Erwarten oder fürchten Sie keine Predigt von mir zu hören, dazu bedürfte es einer gründlichen Vorbereitung, aber bitte, schenken Sie auch dem plötzlich und unvermutet zum Worte Berufenen bei gütiger Nachsicht Ihre freundliche Aufmerksamkeit! Die „Freie isr. Vereinigung", deren Anregung von der hiesigen Loge „Bne Bris" ausgeht und welche sich dem eben hier tagenden und so zahlreich beschickten, großen Wohlthätigkeitsbunde Deutschlands anschließt, erblickt das Licht ihres Daseins in unserer Stadt, die als ein gedeihlicher Boden für Menschenvereinignngen angesehen werden kann. Hier ist die Zentralstätte des Weltverkehrs, der Zusammenfluß wie von Erzeugnissen, so auch von Menschen aller Weltstegenden, die Hauptader der Verbindung der Geister und der Ideen von diesseits und jenseits des SeeanS. In dieser Stadt vereinigten sich vor vier Wochen 4000 deutsche Musensöhne' uild die Rektoren aller deutschen Universitäten zur Huldigung des in unserer Nachbarschaft lebenden unsterblichen E i n i g e r s d e S V a t e r l a n des. Hier in Hamburg traten vor kurzem Vertreter der Kunst und auch des Volksschulwesens zu ernsten Beratungen zusammen. Hamburgs hoher Senat und feine Bürgerschaft rüsten sich jetst zum Empfange Sr. Majestät, unseres höchst verehrten Kaisers, der im Vereine zahlreicher Fürstlichkeiten, demnächst hier eintreffen soll zur Weihung eines großen vaterländischen Friedenswerkes, der Wasserstraße, die Nord mir Ost verbinden wird sNordostseekanal). llnd diese Heimstätte der mannigfaltigen Verbindungen siebt heute innerhalb ihrer altehrivürdigen Mauern and) eilte V e r e i n i g u >t g u tt s e re r (st l a u b e n s g e n o f fe n. Warum? Wozu? — Lasten wir alle philosophischen Erörterungen und sagen wir bündig uitd klar, was unser Herz bewegt. Was hat uns heute hier zusammengeführt? — Wir leben in einer Feit der/Stürme, wir leiden, wir cmpsinden tief, was und wie wir leiden. Dft schweben nnS die Fragen vor: Wo soll das hinaus? Wie lange füllen wir schweigen? Was hätten wir zu sagen? Was nützt unser Schweigen oder Reden? Run. — Eines timt uns aus jeden Fall ebenso wohl,

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