Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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'.Kr. 22. 5 e l u r u tt. Seite 243. und tonnte erst verspätet eingebracht werden, weil die Unterschriften der dentschlidernlen Abgeordneten erst dann zu haben waren, als ihre Passivität einen Eklat hervorzurufen geeignet war. Und gegen die blutrünstigen Kanzelreden sit venio vevbo — Deckert's ivnrde die Interpellation erst dann angebracht — als der ganze Predigteyklus von der Kanzel bereits persolviert war. Den Deutschliberalen waren aber die Juden von jeher nur „Schnuppe" und nur einfaches Stimmvieh.' Sie haben sich der Inden wegen nie gekümmert, oder auch nur ihretwegen einen Finger eingetunkt. Auch zur Zeit, als es noch keinen Antisemitismus gab, als die Staatsgrundgesetze noch ungeschmälert cphandhabt werden — konnten, als die Deutschliberalen noch an der Macht und an der Regierung waren, behandelten sie die Inden immer nur als Parias, als Staatsbürger mit allen Pßichten, aber ohne politische Rechte. Sie machten keinen Einspruch und duldeten es, daß den Juden die Ausnahme i» den Staatsdienst versagt blieb. Welche Kämspe lind Krämpfe verursachte es, bis das Prinzip, daß den Inden auch Sitz und Stimme in den kommunalen Vertretungen in den Städten Mährens einznräumen, resp. zu gewähren sei, zum Durchbruch gelangte. In Olmütz, der zweiten Landeshauptstadt Mährens, einer Hochburg des Dentschliberalismns, stimmte die liberale Bürgerschaft s. Z. gegen die Kandidatur des verewigten Dr. Adolf Brecher als Gemeinderepräsentanten wie ein Mann. Dr. Brecher war aber nicht nur ein in allen, auch christlichen Kreisen beliebter, hochangesehener Arzt, sondern auch eine Keuchte der Wissenschaft i er siel, iveil den erbgesessenen deutschliberalen Bürgern von Olmütz der Judenhaß tief in dem Racken faß und nichts dagegen unternommen ivorden war, ihnen dieses schlimmste aller Erbübel anszutreiben. Der „Fall" Brecher's wird in alle Ewigkeit ein Schandfleck in der Geschichte Olmütz' bleiben. In Proßnitz, der drittgrößten Stadt Mährens, opferte man lieber das Kandlagsmandat, ehe man den Juden das ihnen schon zngesagte Mandat in die Gemeinde-Vertretung geivährte. Auch während der „uneingeschränkten" Herrschaft der Staatogrnndgefetze kamen in Mähren Pöbelereeffe und Miniatur- Revolutiönchen gegen die Inden fo häufig vor, daß rnan diese Ausschreitungen als Gewohnheitsrecht hinnahm unb nichts dagegen that, besonders nichts seitens der Deutfch- Uberale», die sich stets mit der Rolle zufrieden gaben, die Staatsgrundgesetze geschaffen zu haben, dagegen es ablehnten, ihren gewichtigen Einfluß anSznüben, daß diese Staatsgrundgefetze voll und ganz gehandhabt werden gegenüber den Inden — denn diese waren und blieben ihnen iimiuT mir Juden, und nicht vollwertige und vollberechtigte Staatsbürger. Endlich ist aber doch die Zeit gekommen, wo die Juden Mährens des falschen Spieles satt und überdrüssig sind. Bor einigen Wochen hat in Brünn eme Versammlung jüdischer Rotabein stattgesnnden, welche nach eingehender Beratung den Beschluß faßten, an die Abgeordneten der mährischen Städte, in welchen Juden in größerer Zahl domizilieren, eine identische Rote zu richten, dahingehend, daß die betreffenden Abgeordneten sich an die Regierung mit dem energischen Ansuchen ivenden mögen, endlicv das Regierungs-Programm: Stellung nähme gegen die extremen Elemente im allgemeinen und entschiedene Abwehr gegen den verderblichen, den Krieg aller gegen alle bedeutenden Antisemitismus, zur Wahrheit zu machen. - Zn welchem Konklnsum die Inden Mährens in der ermähnten identischen Rote gelangen, ergiebt sich aus der Logik der Dhatfachen und braucht nicht einmal angedeutet zu werden. Es darf wohl der zuversichtlichen Erwartung Raum gegeben werden, daß die „identische Rote" ihre Wirkung nicht verfehlen wird, denn sonst ist der Verlust aller jener Mandate, welche die deutschliberale Partei in Mähren noch innehaben, unausweichlich. Es steht aber auch außer allem Zweifel, daß, falls die „Demarche" der Judenschaft Mährens ohne Erfolg bleiben sollte, sich den mährischen auch die Juden überall dort anschließen würden, wo sie bei den politischen Wahlen ausschlaggebend sind Verliert aber die deutschliberale Partei alle jene Mandate, wo die Juden durch ihr Votum entscheidend sind, so ist sie mehr als dezimiert, sie hat ausgehört einen Faktor im politischen Leben Oesterreichs zu bilden und muß für immer darauf verzichten, zur Regierung zu gelangen. Großes steht daher für die deutschlibernle Partei und für die Deutschen Oesterreichs aus dem Spiele. Alea est jaeta! Wir hoffen von der bessern Einsicht der deutschliberalen Führer, daß sie die richtige Wahl treffen und zur That schreiten werden, ehe es zu spät ist. Die erwähnte „identische Rote" hat nachstehenden Wortlaut. Sie geht von 23 jüdischen Gemeinden aus und trägt ungefähr 1500 Unterschriften. „Euer Hochwohlgeboren! Die .gefertigten deutschen Wähler jüdischer Konfession Ihres Bezirks fühlen sich gedrängt, Ihnen ihr schmerzliches Befremden über die Haltung der Vereinigten Kinken gegenüber der antisemitischen Bewegung ansznsprechen. Die jüdische Wählerschaft steht vor einer doppelten Thatsache. Zuerst vor jener, daß die deutschliberale Partei, trotzdem sie seit ihrem Eintritte in die Koalition zu den maßgebenden Regierungsparteien zählt, es ungeachtet der täglich maßloser und aufreizender werdenden Angriffe gegen die jüdische Glaubensgenoffenschnft unterlassen hat/ ihre Stimme im Parlamente zum Schutze einer Anzahl von Mitbürgern offen und entschieden zu erheben, die seit Jahren mit bewußter Hintansetzung ihrer wichtigsten materiellen Interessen und mit wahrer Selbstverleugnung treu zur deutschen Sache stehen. Sie glaubt sich aber auch weiters durch.das passive Verhalten der Regierung gegen den Antisemitismus zum naheliegenden Schluffe berechtigt, als ob die Vereinigte Linke, auf deren Unterstützung das Ministerium genau so sich stützt wie aus jene der anderen Koalitionsparteien, die jüdische Bevölkerung in das durch die Koalition gegen die extremen Parteien geschaffene Bündnis nick! eingeschlossen habe. Wir halten es für unsere Pflicht, auf die tiefe Verstimmung hinzuweisen, die sich infolge dieser bedauerlichen Wahrnehmung der jüdischen Wählerschaft bemächtigte. Wir besorgen ernstlich, daß beim Andauern jener gleichgiltigen Haltung der deutschliberalen Partei, einer Haltung, welche offenbar dem Wesen und den Grundsätzen, als auch den eigensten wohlverstandenen Lebensinteressen der liberalen Partei selbst widerspricht, ein ferneres Eintreten dieser Wühler für die deutschliberalen Kandidaten weder verbürgt, noch erwartet werden kann. Wir wollen daher diese notgedrungene Kundgebung mit dem Ausdrucke der Erwartung beschließen, daß die deutsche liberale Partei in richtiger Erkenntnis ihrer Grundsätze, sowie im wohlverstandenen eigenen Interesse ihren Einsiuß auf die Regierung fortan dahin geltend machen werde, diese letzteren sowohl zur Bekämpfung jener ordnungs- und staatsgeführlichen I;