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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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-yspi Seite 342 e s ch u r u n. Nr. 22. Als armer Junge ist er von der Heimat ausgezogen, nach fünf Jahren konnte er schon als (Gentleman sich dort wieder präsentieren. Der neue moderne Anzug ist durchaus nicht Nebensache. Ich habe junge Leute gekannt, die mit jedem neuen Anzug sich pünktlich in Krojanke und Usch einstellten, um ihn dort bewundern zu lassen. Selbstredend wird auch die junge Frau und die Nachkommenschaft in der Heimat vorgcführt. Das ist die äußere Seite der Karriere. Wie nun, wenn der in Berlin etablierte Kaufmann seinen Verwandten in — meinetwegen—in Ehodziesen schreiben kann: „Bei der gestrigen Gemeindeversammlung bin ich als Vorsteher oder Repräsentant gewählt worden!", — er, der Sohn des Kantors, Lehrers oder Schammes oder der Sprößling eines Hausieret,! „Ja, der junge Barju hat es weit gebracht" — heißt eS in der Heimat — und dieses Karieremachen ist oft die erste Ursache zur Gründung einer Berliner Privatgemeinde! Da kommen gelegentlich 3—4 Landsleute in einein Bierhause zusammen. Nachdein der geschäftliche Austausch zu Ende ist, beginnt die Unterhaltung über die Kehille-Angelegenheilen, für die Politik haben sie nämlich kein Faible — ich habe in der That leider Handelsleute aus der Provinz gekam t, die nach einem zehnjährigen Aufenthalt mich erstaunt trugen: was ist Reichstag?! — Die Lebensader des jüdischen Volkes ist die Kritik. Der Jude kritisiert und ironisiert alles in der gutmütigsten, aber schärfsten Weise. Kein Wunder! Alles, was man uns in der Weltgeschichte angethan, fordert die Kritik selbst der geduldigsten Menschen heraus. Man hat unsere Ahnen in Egypten geknechtet und mißhandelt und wir sind so frei die Pharaonen dafür als Tyrannen zu bezeichnen. Unsere Väter sind in Spanien und Portugal gemartert und endlich vertrieben worden, — wir stehen nicht an, die Dekadence jenes mächtigen Staates unter seinem blutdürstigen Philipp II. von dem Zeitpunkt an herzuleiten. Man beschimpft uns noch heute, bezeichnet uns als Betrüger, Meineidige, Plünderbande. — Wir senden unsere' Gegenkritik den Staatsanwälten ein und bekommen regelmäßig den Entscheid: Du Joseph oder Eohn bist kein Schuft, deine Raste ist gemeint, — aber wir ruhen nicht und üben an dieser Duplik unsere Replik. Wir raisonnieren weiter, aber wir revoltieren nie. Wir tragen und dulden, aber schweigen nicht! Wir können dieses Kapitel noch weiter ausdehen, doch genügt das Gesagte um das Kommende zu beleuchten. Alle Kritik hat den Völkern und ihren Tyrannen nichts geschadet, aber die schärfste Lauge des Spottes wird ausgeschüttet über — die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden. Was wir oben über die Geschichte unseres Volkes gesagt haben, gilt doch im Grunde nur von unseren Gelehrten oder Rabbinern. -Die gewöhnlichen Gemeindemitglieder raisonnieren nur über deu Parneß, Raw und E Hasen. Die Juden in iUiiljrru. ■ Brünn, Mitte Mm. In der Judenschaft Mährens ist eine Bewegung wahrzunehmen , welcher eine hohe Bedeutung beizumessen ist, die schon demnächst eine Aktualität gewinnen dürfte, ^eit dem Bestände der Verfassung, d. i. seit Anfang der Sechszigerjahre, haben die Juden Mährens stets treu zur deutschliberalen Partei gehalten. Nichts konnte sie abhalten, dem selben Gefolgschaft zu leisten. Auch unter dem Regime Taaffe, als die deutschliberale Partei von der Regierung abgedrängt wurde und in die Minorität gelangte, leisteten die mährischen Juden der Partei Heeresfolge; sie erduldeten alle Drangsale, aber nichts konnte sie schwankend machen in ihrer Opferwilligkeit und ihrem Opfermute. Sie ertrugen den Boykott seitens der Ezechen und die soziale Aechtung der Deutschnationalen mit bewundernswertem Gleichmute. Auch dann, als ihre Eristenz, ihr Erwerb bedroht, gefährdet und unterbunden wurde, blieben sie standhaft und fest, im Vertrauen darauf, daß bei Eintritt einer politischen Wendung all dies ihnen wohl nicht Dank uird Anerkennung — auf diese verzichten sie — wohl aber eine Verbesserung ihrer sozialen und materiellen Stellung bringen werde. Die Juden bilden in Mähren einen politischen Machtfaktor, sie sind bei kommunalen und politischen Wahlen das Zünglein an der Wage. Ohne und gegen die Inden kann kein deutschliberales Mandat in Mähren ausrechterhalten werden, und thatsächlich verdanken die Abgeordneten der deutschliberalen Partei Mährens den Voten der Inden ihre Litze im Parlamente. Die mährischen Juden waren daher zu der Erwartung berechtigt, daß ihnen die Koalition das bringen werde, was sie sich zum Programme gemacht: Bekämpfung und Eindüutmung der ertremen Parteien und Elemente, oder richtiger und deutlicher gesagt, Stellungnahme gegen die moderne, den ganzen Staatsorganismus tangierende antisemitische Seuche. Die Juden in Mähren haben aber die Rechnung ohne die Indolenz und auch Jndulgenz der Deutschliberalen gemacht. Wohl hat die deutschliberale Partei derzeit wieder ihre Vertretung in der Regierung, wohl ist sie ein wichtiger Faktor im parlamentarischen Leben geworden, allein sie hat sich bisher trotz aller Mahnungen und Beschwerden noch imnrer nicht dazu aufraffen können und wollen, für die jüdischen Staatsbürger, für die eigenen Wähler, denen sie ihre Mandate verdankt, mannhaft auf- und einzutreten, geschweige denn eine Lanze einzulegen. Die Situation der Inden hat sich aber während der Herrschaft der Koaltion nicht nur nicht verbessert, sie ist sogar viel schlimmer geworden als zur Zeit der finstersten Reaktion, als zur Zeit des Konkordates. Im Vormärz und während der Reaktionsepoche der Fünfzigerjahre hatte der Jude keine oder nur minimale politische Rechte, aber die Regierung resp. deren Organe duldeten entschieden nicht, daß gegen die Juden und das Judentum im Staate eine rüde, alles Maß übersteigende Hetze öffentlich inszeniert werde. Derzeit aber läßt man ruhig geivühren, daß die Juden und ihre Religion öffentlich und auf dem Predigtstuhl beschimpft, daß ihnen der .Mord an Ehristenkindern und noch viel Aergeres angedichtet, und daß sie als die elendste, verwerflichste Rasse geschildert und hingestellt werden. Man revolutioniert förmlich den Pöbel in Frack und Blouse gegen die Juden und stellt die Forderung, ihre Güter zu konfiszieren und sie aus Oesterreich zu jagen. Man hat aber bisher noch nicht vernommen, daß die Deutschliberalen gegen all dies entschieden Stellung genommen Hütten. Rur einige Beispiele aus der allerjüngsten Zeit. Gegen die Eröffnung einer Debatte über die präjudizierende Jnterpellations - Beantwortung des Landverteidigungsnnnisterinms haben die Dentschliberalen gestimmt. Die Einbringung einer Interpellation wegen der bekannten Affaire in Saybusch mußte unterbleiben, -! f

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