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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22. JescHrrrrrn. Seite 341. einsprogrammes, dessen aber mährend des ganzen Abends mit keiner Silbe Erwähnung geschah. Und da man „was man schwarz ans weif; besitzt, getrost nach Hanse tragen kann", wurde hieraus eine Resolution zur Annahme empfohlen, welche nicht nur die Billigung des nicht besprochenen Programms, sondern auch das bindende, bündige Gelöbnis der Versammlung anssprach, im Herbste nur die Männer in das Repräsentantenkollegium zu entsenden, die der liberale Wahlverein ans den Schild erheben werde. Schon sollte über die Resolution abgestimmt iverden, als ein eigenartiges Jnterinezzo eine Wendung der Dinge herbeisührte. Ein greiser Herr wollte, ehe er sich ewig bindet, seitens der Bereinsleitnng das Zugeständnis erlangen, daß die hebräische Sprache, als unentbehrlich für den jüdischen (Gottesdienst, beibehalten werden sollte. Dieser Wunsch aber brachte den Herrn Vorsitzenden des Gesamtvereins dermaßen aus der Tagesordnung, daß er, trotz der bereits geschlossenen Debatte und des beendeten Schlußwortes, dem ehrwürdigen Manne entgegendonnerte, daß wir Deutsche seien und keine Hebräer, daß wir alles abstreisen müßten, was uns dem Neingermanischen entfremde, daß wir uns loslösen müßten nou dem „jüdisch-nationalen" Gedanken, loslösen auch von allen, die trotz ihres deutschen Empfindens sich von diesem Gedanken nicht losmachen könnten, und so weiter. Nun erhoben sich aber wie ans Kommando zehn Hände und riefen von zehn Seiten zehn verschiedene Stimmen: „Ich bitte nins Wort!" Der Zündstoff, welcher in den Herzen der zuin Schweigen verurteilten Gegner solcher Bestrebungen sich im kniffe des Abends angehäuft, hatte Feuer gefangen, und eine Erplosion erschien unvermeidlich. Der Leiter der Versammlung gedachte zwar die emporlodernde Glut zu ersticken, indem er über sie jählings die Geschäftsordntlng breitete, die ja nach Schluß der Debatte eine Diskussion ebensowenig gestatte, wie etwa an den — verzeihen Sie das hebräische Wort! — Sederabenden den leiblichen Genuß nach Vmpeisung des — verzeihen Sie das chaldäische Wort! — Apliikoman. — allein da hatte der Herr Vortitzende die Rechnung ohne die itämliche Geschäftsordnung gemacht. Unter Bernfttng auf sie erbat und erhielt jemand das Wort, der unter entsprechend kurzer Motivierung den Antrag stellte, die Debatte wieder zu eröffnen, lieber diesen formellen Antrag mußte nun abgestimmt werden und die Majorität der Versammelten entschied sich für den Antrag. Fn der hieraus folgenden, wegen der vorgerückten Stunde nur kurzen Diskussion wurde die erwähnte Resolution vorlänsig zurückgezogen und die Leitung des liberalen Vereins dringend ersucht, mit dem gegen Andersdenkende gebandhabten Ausschließnngssnstem zu brechen und Redefreiheit auch in; liberalen Wahlverein zu gestatten, da ohne Meinungsaustausch alle übrige,; Versammlungen des Vereins ebenso fruchtlos verlausen müßten, wie die letzte nebst ihren Vorgängerinnen. Cb diesen; Wunsche stattgegeben werden wird, — das wißen die Leiter; in der Hoffnung aber, daß ihn; Itattgegeben werde, ging die Versaminlnng auseinander. al. Dir pmatzkinciildkil in Kerlin. Von Bar Miiian. in. Nirgends wird mehr die LandSmannSschaft gepflegt, als in Berlin. Die bestehenden Vereine, besonders unter den Inden, geben Zeugnis davon. Der „Verein der Schlesier", „Cberfchlesier", der „'Märkisch - Friedländer", „Posener", „Lissaer", „Rawitscher", sie alle blühen und wirken unter sich segensreich. In den sechsziger Jahren zählte die Berliner jüdische Gemeinde 20,000 Seelen. Dainals konnte mm; wirklich noch von einer Berliner Kehillah sprechen, darnals gab es noch einen Berliner Raw (Dr. Sachs) und einen Berliner Ehasen (Lichtenstein). Wer zählt heute noch die Herren Doktoren mit und ohne Divlom, die Kantoren und Privatbeamten?! Die Zahl der Mitglieder hat sich in 30 Jahren um das Fünffache verinehrt und zwar nicht durch Geburt, sondern durch Zuzug. In den meisten Füllen vollzieht sich dieser Zuzug nach einen; bestinunten Programm. Ein Sohn nimmt eine Stelle als Kommis, der jüngere Bruder wird Lehrling in einen; Geschäft und nach fünf Jahren ist die ganze Fanülie hier. Oder ein reich gewordener Kaufmann will seine gewonnenen Kapitalien besser verwerten, er zieht nach Berlin und geht an die Börse. Doch die letzteren sind es nicht, die die Privatgemeinden gründen. Auch hier kann das vielgebrauchte Wort des Talmuds angewendet werden: Gebet Acht auf die Armen, denn von ihnen geht die Lehre ans! Unsere Großen haben nur die zwei in; vorigen Kapitel erwähnten Geineinden gegründet, alle übrigen gottesdienstlichen Einrichtungen neben denen der Hauptgeineinde sind aus der Initiative der kleinen Kanfleute oder Handelsmänner aus der Provinz entstanden und werden wohl zun; Teil noch heute von ihnen geleitet. Deswegen brauchen sis nun kein Jota schlechter zu sein als die von Kommerzienräten geleiteten Gemeinden, und dies giebt uns auch wahrlich nicht das Recht die Sonde der Kritik an die Leitung dieser Institutionen zu legen. Wir inüssen hier an; richtigen Platz zunächst die Frage einschalten: Sind die Bethüuser und Religionsschulen an der Peripherie unserer Riesenstadt lediglich deswegen entstanden, weil ein dringendes Bedürfnis dazu vorhanden war? Alan sollte ineinen, die Antwort ergiebt sich von selbst. Wie kann man denn einem religiösen Juden zumuten, etwa vom Halleschen Thore, von Moabit, von; Gesundbrunnen oder Moritzplatz nach dem Zentrum zu wandern um hier in der Heidereutergasse oder etwas nördlicher in der Oranienburgerstraße an; Sabbat einen Gottesdienst anzuwohnen! Ein Vornüttag reicht ja für eine solche Fußtour von 2—3 Stunden kann; aus. Und noch weniger durfte man an den zwei schulfreien 'Nachmittagen die Kinder von den entfernten Punkten nach der einzigen Religionsschule in; Zentrun; senden. (Die zwei Gemeinde-Religions-Schulen in der Lindenstraße und in; Westen existieren erst wenig Jahre.) Das Bedürfnis solcher Privatschulen lag unleugbar vor und wurde auch in allen Fällen gründlich betont, aber der eigentliche Beweggrund für die Gründung von Privatgemeinden war es — nicht. Wer in der Provinz längere Jahre als Parneß eine Gen;sinde geleitet, den; gelüstet es nicht bei den vermehrten Ansprüchen an seine Kraft und Zeit auch hier in Berlin das Aul liazibbur aus sich zu nehmen. Er wartet geduldig bis er es hier zun; Mitglied der Ressource gebracht, — dann fällt ihn; gelegentlich das Amt eines Repräsentanten in den Schoß. Aber wen; es in der Haimat nicht gelungen war, das Amt eines Gabbai zu gewinnen, der konnte hier auf seine Rechnung kommen. Es liegt ein Stück Ethick in den; Zurückschauen auf die Heimatgemeinde, mit der doch noch die meisten hier wohnenden Inden Berührungspunkte haben.

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