Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 22 (31.5.1895)
- Date
- 1895-05-31
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. Seite BB9. 3? f <ß u t u n. innifeit in irrftaiuicn, ittdem er von imuiimicbcit (bebeten sprach. Cb er wo bl int Staube gewesen wäre, zu sagen, welches die aramäischen (Gebete sind, die unsere Liturgie enthält? Cb er wohl bas „getunt Purkon" je gehört und .Kenntnis davon bat, daß es eilte Fürbitte für das Sohl des jüdischen Erilarchen ist? Cer Redner hatte in der Versammlung seinen Sonsflenr nicht bei sich, und ich trete ihm schwerliech ztt nabe, wenn ich der Vermtttnng Ausdruck gebe, dast er ohne diesen Souffleur in arge Verlegenheit gekommen wäre, wenn man ihn nach jenen Einzelheiten befragte. Chile seinen Souffleur und vielleicht nicht einmal mit dessen Hilfe untre er wahrscheinlich nicht im Stande gewesen, ans das andere aramäische Webet hinznweisen, das unmittelbar vor der Aushebung der Tbora gesprochen wird, ohne einen integrierenden Bestandteilder Liturgie ztt bilden, das in seiner Sprache wunderprächtig ist tiitd - o (Gratis! — dem kabbalistische» Sohar entnommen. Atts Esra also berufen sich die Herren vom sogenannten liberalen XomitS um ihre Forderung nach deutschsprachigem Gottesdienst zu begründen. Sie würden dies kaum tbiiu, wenn sie wüstten, was sie damit sagen, dast sie näntlich damit das Bekenntnis ablegen: Sir sind so unwissend, wie unsere Vorsabren in der Zeit tiefsten Niedergangs je gewesen; doch wir haben nicht den Sunsch, ohne Esra oder mit Hilfe eines Esra »ns ztt erheben, sondern wir gefallen uns in dieser Verkommenheit, wir sind stolz auf unsere Unwissenheit und erklären sür einen NeichSfeind, für einen Pietisten ttnd Mucker, für einen Verfechter des Gewissenszwanges jeden, der vott unserer Unwissenheit ein Titelchen wegnebmen will. Sären die Herren aufrichtig, so brauchten sie sich die Blöste eines solchen Bekenntnisses nicht zu geben. Tenn in der Chat haben diejenigen, die im lu-braieis Analphabeten sind, ein Anrecht daraus, dast sür sie eine Gebetsordnung nach Mastgabe ihrer Unwissenheit eingerichtet werde. Saren die Herren aufrichtig, so sparten sie iticht blos dieses beschämende Bekenntnis, sondern sparten sich und uns auch die Beschämung, dast sie in mitleiderregender Furcht vor einigen antisemitischen Schreiern und (bassenjungen ein jüdisches Glaubensbekenntnis ablegten, das in seinem positiven Zn halt hohl und unaufrichtig war ttnd nur die negative Bedeutung einer Abtchwörung der jüdischen Stammesgemeinschaft hatte! Fit der letzten Versammlung versicherte der Sprecher des angeblich liberalen .llomiü's mit eiltet Emphase, die ihm viel zu schwer siel, als dast sie nicht hätte aufrichtig sein sollen, dast wir Juden nur eine religiöse Gemeinschaft bildeten. In der Chat itt die Neligion das uns einigende Band; aber dast wir austerdem eine (bemeinschaft der Abstammung haben, das lehrt der Augenschein und das betveist die (beschichte. Man mag die Thatsache bedauern oder sich ihrer freuen, die Thatsache bleibt bestehen. Sir Juden sind in deutsche Stande gekommeit vor langen Iahrhttnderten. Sir haben hier Fahrhunderte gewohnt, ehe noch der Grostvater des Mannes geboren war, der zum Stammhalter des ältesten Fürstengeschlechtes in Tentschlands werden sollte. Sir haben in Teutschland gelebt nntvandelhaft unter allem Wandel der übrigen kleineren ttnd größeren Stämme, nnvermischt neben der Vermischung aller übrigen Zweige der Bewohnerschaft, wir selbst die dauerndsten Bewohner int Binde. Sir sind hierher gekommen als eine Religionsgemeinschaft und waren von je eine Stammesgemeinschaft. Tank unterer Religionsgemeinschaft und ihrer Äbschließung, die nsir sesigehalten haben, sind wir eine Stammesgemeinfchan geblieben. Unser Teutschtum reicht zurück bis in die Zeiten der Germanen, vott deren Enkeln in Teutschland keine Spur mehr zu finden ist, es ist älter als das Tentschtum irgend eines der übrigen Stämme, die jetzt mit uns Deutschland bewohnen. Ich bin mir meines Teutschtums so sehr bewußt, dast ich es als eine Beleidigung empfinde, wenn jemand für nötig hält, mich daran zu erinnern, .stammt diese Erinnerung gar von einem Nichtdeutschen, so wird die Ueberhebnng, die darin liegt, zur Frechheit. Und wozu der ganze Lärm? Sirklich blos um der Synagoge mit der deutschen (bebetssprache willen? Ich kann die Herren vom sogenannten liberalen .ftotuite für so bescheiden nicht halten, so sehr ich diese Tugend bei ihnen natürlich finden möchte. Nein, die Unansrichtigkeit hat weitergehenden Zweck: es handelt sich darum, die Sählerschaft der Berliner Gemeinde über die nächsten Sahlen und ihre Bedeutung hinwegzutänschen und unter falscher Flagge Personen in die Repräsentanz einzuschmuggeln, die die Verwaltung in der gegenwärtigen Richtung festhalten. Heuchlerisch wird deshalb in den Versammlungen des angeblich liberalen MoiititeS unter Billigung dieses .Uoiititeö die seitherige Verwaltung getadelt. Tie Hervorhebung der kleinen Fortschritte zum Besseren, die unter der gegenwärtigen Verwaltung in den letzten Jahren auf einigen (bebieten erzielt worden sind, soll hinüberleiten vom Tadel zur Anerkennung und von der Anerkennung zur Bestätigung. Ist die Sahl erst vorüber, haben die betrogenen Wähler ihr Vertrauen den Männern wiedergegeben, die es seither gemistbrancht, so kann die Maske fallen, so ist der Zweck erreicht und die alte Verwahrlosung darf weitergehen. Tas soll nicht geschehen und das wird nicht geschehen! Tie Wählerschaft der jüdischen (bemeinde Berlin wird bis zu den Wahlen vollständige Ansklärung erhalten, so dast sie das Mandat zur Repräsentantenversantmlnng keinem geben wird, der nicht ausdrücklich und in bündiger Weise die Verpflichtung eingeht, für sein - Teil dafür zu sorgen, dast das Programm verwirklicht werde, das in diesem Blatte seither entwickelt worden und noch einmal näher dargelegt werden soll. Bei dieser Gelegenheit soll zur Verhütung oder Beseitigung von Mistverständnissen ausdrücklich hervorgehoben werden, dast ich keineswegs glaube, es sei bei allen Mitgliedern des angeblich liberalen ZiontiGs oder auch nur bei ihrer Mehrzahl die Absicht uttd daS Bewußtsein der Täuschung vorhanden. Ich halte mich vielmehr überzeugt, dast das Gegenteil der Fall ist, dast weitaus die meisten in der Gesellschaft, in der sie sind, sich bewegen, weil sie die Verhältnisse selbst nicht kennen und auch nicht einmal die Personen, die bis zttr Stunde an der völligen Verwahrlosuitg der Interessen der Indenheit Berlins, thätig oder durch Unterlassung, mitscbnldig sind. Ich mache kein Hehl daraus, dast ich hierbei nur geringsten Unterschied zu finden weist zwischen den Mitgliedern der seitherigen Mehrheit und den Mitgliedern der sogenannten Cpposition. Eine Minderheit von zehn zu elf, die sich so an die Wand drücken läßt, wie hier geschehen, wie hier seil Jahren geduldet worden, die verdient nichts Besseres, als daß sie an die Wand gedrückt wird, die ist auch keine Cpposition, sondern eine verschiebbare Boulisse. Eine numerisch so starke Minderheit, die in der Verwaltung thatsächlich nullisieiert wird, must den Verdacht erwecken, daß sie aus Nullen besteht. Hier wird es bei den Wahlen an eine Sichtung und Säuberung gehen müssen, und die Prüfung wird nach dem Bibelwort erfolgen: iUc-rtc?. mene, kG<G uplWsin — gezählt, gewogen und zu leicht befunden.