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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-31 · 22 (31.5.1895) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
22 (31.5.1895)
Date
1895-05-31
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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siP^ww sss? Seile 338. § o f cß u r u u. Nr. 22. - .■: r. »., iii -I ,j^ 'Blitraten und Mitthaten. Niemand darf sich zurückziehen, nieniand seine Mitwirkung versagen. Wer das dennoch timt, ist mehr lau, als treu. Darum fort mit dem häßlichen Worte: „Wir wollen's atnvarten!" Julius Bach." Wir wollen diesen Appell nicht durch eine längere Nachschrift abschwächen, und nur die Bemerkung hiuzusügen, daß die Satzungen im Sinne der eingelausenen Abänderungsvorschläge neu redigiert morden sind. Mögen nun unsre Lehrer den in letzter Stunde an sie ergehenden Mahnruf nicht unbeachtet lassen, damit das Einigungswerk endlich zu Stande komme. Die Ulnlillinurpiiiji in iicrlin. Bon Al. A. Klausner. Abweichend von den Gewohnheiten früherer Seiten, bat diesmal die Bewegung, die den Neprüfentantenwahlen in Berlin vorausgeht, weit ausgeholt, und sie bat die Gemüter tiefet ersaßt als sonst. Saß dies geschehen, ist nicht zum wenigsten ein Verdienst dieses Blattes, in welchem vor Monaten warnend aufmerksam gemacht wurde aus den Versuch, die jüdischen Gemeindewähler durch einen vorgehaltenen liberalen Schild zu blenden und zu täuschen. Dank der Warnung, die in diesem Blatte ausgesprochen worden, dank der Arsdeckung recht wunderlicher, aber keineswegs würdiger Ränke, ist die allgemeine Aufmerksamkeit hieraus gelenkt worden. Mit erstaunlichem Blute hat man aus jeuer Seite den Versuch der Täuschung fortgesetzt. Man begann damit, in Versammlungen, die man doch für öffentlich ausgegeben batte, (Gegner nicht zum Worte verstatteu, und als dies allgemeine Entrüstung erregte, Schamgefühl selbst unter denen erweckte, aus deren Anhängerschaft man rechnen mußte, da übte man sich in einem anderen Spiel: mau gab preis, was man vorher gepriesen, und proklamierte als Programm, was man bis dahin profkribiert hatte. In den Verfaminlungen des angeblich liberalen Bomitös entschloß man sich, gegen die Gemeindeverwaltung Vorwürfe zu erheben, gegen dieselbe Verwaltung, die man doch stützen und in unveränderter Richtung weitersühreu lassen will. In den Verfaminlungen, die das angeblich liberale Komit9 veranstaltete, wurden Angriffe gegen den Vorstand und die Repräsentanz laut, d'.e von den in diesem Blatte vorgetragenen sich in der Sache gar nicht unterschieden. In den Versammlungen, die das angeblich liberale .9omit^ berufen hatte, wurde die Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts gefordert, mit der nämlichen Entschiedenheit, wie es in den Artikeln dieses Blattes geschehen. In einer anderen Versammlung, von demselben angeblich liberalen .konnte' berufen, wurden bezüglich der Organisation der jüdischen (Gemeinde Vorschläge gemacht, die den in diesem Blatte vorgetragenen ziemlich nahe kommen. 29er irgend in die Verhältnisse eingeweiht war, traute seinen Ohren nicht. Die Versammlungen verliefen regelmäßig genau so, als ob ihre Veranstalter andere Tendenzen verfolgten, als die sie thatfächlich hegen, als würeit sie nur durch ein Mißverständnis, an dem nicht sie die Schuld tragen, in den Verdacht gekommen, daß sie den Liberalismus als .Hoiiliffo benutzen. Nur ganz am Schluß jeder 'Versammlung, wenn die 'Besucher ermüdet ivaren und geschästSordnungsmäßig eine (Gegenrede nicht mehr zuläfiig, gab ein führendes Mitglied jenes Bomitös gewissermaßen als Resum«' der Debatten und als Abriß der von der Versammlung gehegten Anschauungen etwas, was während des Verlaufes der Versammlung kaum berührt und ganz gewiß nicht deutlich gesagt worden war und den Anschauungen der Versammelten keineswegs entsprach. In der letzten dieser 'Versammlungen, über die an einer anderen Stelle dieses Blattes berichtet wird, erregte das Doppelspiel so lebhafte Entrüstung, daß das angeblich liberale lllomitö in seinem Sprecher von der Versammlung mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen wurde. Man erhob lauten P'.oteff gegen die Unterstellung, daß die 'Versammelten billigten, was der Sprecher des angeblich liberalen Vomitös in seinem Schlußwort andeutend verraten. Es ist in der That überaus merkwürdig, daß erwachsene Männer in angesehener Lebensstellung sich dazu hergeben, eine derartige Ziomödie auszusühren, um aus einem Umwege etivaS zu erreichen, was ihnen bei offenem Bekennen ohne jeden Widerspruch zugestanden werden würde. Den Herren liegt am Herren, daß in 'Berlin eine Synagoge mit deutscher Gebetssprache eingerichtet iverde. Das ist eine Forderung, die ihnen zugestanden werden kann, ja die ihnen zugestanden werden muß; denn sie haben die unzweifelhaft beste Begründung: sie verstehen kein herbräisches Gebet, sie können es nicht einmal lesen. Die Herren brauchten dies nur offen und unumwunden zu sagen, und niemand konnte ihre Forderung bekäinpsen. Sie haben aber den merkwürdigen Einsall, sich aus Esra zu berufeu. Dieser habe chaldüische Gebete zugelassen, und >vas Esra gedurft, das dürften auch sie. Unter Esra thun es die Herren jetzt nicht. In einer Iejlschrift zur Erinnerung an die vor fünfzig Jahren erfolgte Begründung der 'Berliner Resormgemeinde wird Herr Siegismund Stern neben Esra gestellt, vielleicht noch eine Stufe höher. Es wäre Unrecht, dies lästerlich zu finden; es ist blos lächerlich. Ob die Herren vom sogenannten liberalen Bomitö wissen, wer Esra gewesene Sie wissen es wahrscheinlich so wenig, wie ich gewußt, wer SiegiSntund Stern gewesen, von dem ich erst jetzt erfahren habe, daß er in Berlin die Resoringemeiude hat begründen helfen, die nicht leben und nicht sterben kann und nach ihrer Auflösung sich sehnt. „Moses hat die Thora gegeben, und sie ward vergessen; Esra hat sie neu begründet/' So spricht der Talmud von Esra. Das brauchen die Herren vom sogenannten liberalen Bomitö nicht zu wissen. Sie sollten aber auch lieber nicht von Esra sprechen, und ihr Souffleur, der ihnen den Namen zugeslüstert, hat sie schlecht beraten. Denn nicht aus Esra's Beispiel berufen sie sich, sondern aus das Beispiel der babplouischen Reichskammerknechte, die aus dem Eril in das heilige 9and unter Esra'S Führung zurückkehrteu. Jene Reichskanuuerknechte waren iu hebraic-is angeführt so gebildet wie die unter dem gegenwärtigen angeblich liberalen Regime ausgewachsenen Juden Berlins. Sie konnten kein Hebräisch, und kein Dekret hätte sie veranlassen können, hebräische Gebete zu sprechen. Es blieb Esra, dem Neubegründer der Thora, dem eifervollen Schriftgelehrten nichts übrig, als chaldüische Gebete zuzulassen. Wir haben heute keinen Esra unter uns; doch die Erlaubnis, die sich zu Esra's Zeiten erzwungen hat, die erzwingt sich in der (Gegenwart auch ohne ESra. Der gelehrte Herr von dem angeblich liberalen Bomit«' setzte seine Zuhörer noch durch iveitere Beweise von Gelehr vl»-£

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