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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · p. Seite 331

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 331 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21. 5 e f c§ u r u ». Seile 3111. Sophisterei des Pater Raimund war nicht imstande, sie ganz zn dernhigen. An; Nachmittag desselden Tages kehrte sie ins Kloster zurück linb ivurde nicht mehr ins Hans der Marschallin geladen. Pereinsamt Artete sie zusammen mit den Nonnen und brachte ganze Tage über Skarga's Buch „Leben der Heilgen" zn, ohne es zu lesen. Sie sann damals viel über sich nach und träumte, ohne aber über ihre gegenwärtige Vage und die möglichen folgen derselben logisch zu denken. Eines aber erschien ihr klar, das; sie weder länger im Kloster bleiben, noch ins Elternhaus znrückkehreit könne. Bisher lebte sie frei, ohne Sorgen und Arbeit, jetzt war es nötig mtznsangen, für sich z» arbeiten. Ter kleine Kahn würde sich aus dem weiten Meere verlieret;, wenn er sich nicht unter dem Schutze eines großen Schisses befände. Klara schrieb auch wirklich an den Pfarrer Andreas, ihn bittend, er inöchte die Güte haben, nach O. zu kommen, damit sie sich mit ihn; über ihre Zukunft berate. In diesem Briefe erwähnte sie nicht des Vaters, und war sehr bündig und objektiv; sie bemerkte nur mit einem leichten Sarkasmus, daß die Frau Marschallin, welche sie bisher mit so vielen Beweisen ihres Wohlwollens i'cherhüufte, wahrscheinlich ebenfalls nicht auf halbem Wege stehen bleiben werde. XIII. Am dritten Tage kam der Pfarrer Andreas auch wirklich angefahren. Er fühlte, daß er dem Mädchen gegenüber, welches er der häuslichen Zurückgezogenheit entrissen und in des Gebens Oeean gestürzt, heilige Pflichten habe. Er traf Klara int Kloster ernst und niedergeschlagen. Während des (Gespräches mit ihr hatte er iticht den Mut, ihr etwas über das väterliche Haus und insbesondere über den Besuch des Vaters zu erwähnen. Klara stellte auch gar keine Fragen. Sie dankte ihn; herzlich für seine Mühe ihretwegen, weniger herzlich dafür, daß er sie in die christliche (Gesellschaft cinsührte und erösfnete die Konferenz betreffs ihrer weiteren Schritte. „Gar keine Arbeit wird mich abfchrecken, um nur auf eine ehrsame 'Weise leben zn können", sprach sie. „Ich glaube aber, daß es für tnich an: entsprechendsten wäre, wenn ich irgend eine Anstellung als Privatlehrerin bekäme. Staatsexamen habe ich leider nicht gemacht, doch besitze ich gute Zeugnisse aus der Pensioit der Frau Poniedriatkowkas. Ick; kenne Sprachen, kann ein wenig Klavier spielen, obwohl ich dafür nie eine Vorliebe besaß. Ich habe eben mein 17. Lebensjahr beendet — die höchste Zeit also, um die Negion der Theorie, in welcher ich mich bisher bewegt habe, zu verlassen und eine nütztliche und würdige Arbeit zu ergreifen. In welchem Berufe kann man sich dem Lande gegenüber verdienter machen, als in dem pädagogischen?" _ Nur im letzten ausführlicher niotivierten Satze, erklang der Ton der früheren Begeisterung; im übrigen sprach sie ruhig und nüchtern. Tas befremdete Veit Pfarrer einigermaßen und der Umstand, das „Helenchen" von jener religiösen Fieberhitze im gewöhnlichen Netzen, zn welcher die Neophyten und insbesondere die ihres Schlages, so gerne Hinneigen, frei war, das freute ihn. Er fand ihren Plan ganz entsprechend und begann seine Nachforschungen wegen eines Postens. Unterdessen wohnten beide beim ruthenischen Trtspfarrer, der ein Schnlkollege des (geistlichen Andreas war. Ter Pfarrer Andreas brachte bald in Erfahrung, daß Fra» X., die älteste Tochter der Frau Marschallin, eben für ihr Töchterchen eine Lehrerin suche. Tiefe glückliche Verkettung der Umstände freute ihn sehr. „Tie Frau Marschallin", dachte er sich, „hat sich ja Klara so gewogen gezeigt, hat ihre Fähigkeiten und ihren Charakter kennen gelernt, daß sie gewiß ohne zn zögern sie ihrer Tochter empfehlen werde. Abends machte er sich ivirklich mit seiner Kandidatin auf den Weg zur Marschallin. Tiefe einpsing die Gäste etwas hochmütig, aber huldvoll. Sie streichelte Helenchen und verbreitete sich laut über die Eigenschaften „dieses guten Kindes." Als ihr aber der Geistliche unter vier Augen auseinandersetzte, wozu er gekommen sei, veränderte sie den Ton nitd lehnte rund heraus ab. „Aber, gnädige Frau", sprach der (Geistliche, „aus welchen; Grundes Verdient sie nicht diese Rücksichten? Oder sollte sie infolge ihrer Jugend nicht geeignet fein V Oder genügen vielleicht ihre Zeugnisse'nichts" — „Ganz und gar nicht, im Gegenteil, Herr Pfarrer, sondern . . . nun, sehen Ehrwürden, es paßt nur nicht, solch eine Person ins Haus zu nehinen." „Ich verstehe Sie nicht; ich sehe keinen rationellen Grund." „'Nun, sie ist doch immerhin eine — Jüdin . . . eine sich afsichierendc Person, . ." „Umsomehr, umsomehr, gnädige Frau, nachdem nur ihr selbst bei diesen; „Affichieren" geholfen haben, soll man ihr auch weiterhelfen und die gute That ganz üben." Die Marschallin entrüstete sich. „Entschuldigen Ehrwürden. Ich habe nieine Pflicht erfüllt, ich habe ihr das ewige Seelenheil gewährt. Was kann man noch niehr verlangend Gott sieht uieinen guten Willen . . Aber dennoch sage ich Ihnen, Ehrwürden, von den Unsrigen wird niemand Helene zu sich ins Haus nehinen.Sollte es aber notwendig fein . . dann bin ich bereit, eine Kollekte zu ihren Gunsten zu veranstalten." — „Ich danke", erwiderte trocken der Probst. Ich habe in ihren; Namen un; Arbeit gebeten, welche sie mit Gotteshilfe auch finden wird." Beim Abschiede küßte die . Marschallin Klara's Haupt. „Ich glaube, liebes Kind, daß wir uns nicht n;chr sehen werden", begann sie und hielt ihr eine lange Predigt, wie sie sich in der Welt zu verhalten habe, un; sich die Gewogenheit der Menschen und eine himmlische Krone zu erwerben. — Der Pfarrer Andreas erklärte sich das auf die einfachste Weise, daß die Marschallin es nicht »lehr wünsche, mit ihren; Mündel znsammenzntreffen. — „Nun, und wie fteht'S", fragte Klara, „darf ich hoffen?" Haben meine Zeugnisse der Frau Marschallin genügt?" (Fortsetzung folgt). Wochen-(Lhronik. Gemeinde, Synagoge und Schule. * Berliner Nachrichten. In Sachen des jüdischen N eligio nönnte reichts an den höheren Schulen, läßt der (Rmeindevorstand folgende offiziöse Notiz veröffentlichen: „Der (Rmeindevorstand hat sich wegen des jüdischen ReligionS-UnterrichtS an den königlichen Gpmnasien und höheren Schulen an den Kultusininifter gewendet. Zwei Delegierte des Vorstandes hatten demnächst Audienz, an welcher der Unterstaats-Sekretär und zivei Räte teilnahmen. Bei dieser Besprechung zeigten die Vertreter des Knltunlinisteriums ein großes Entgegenkommen, erklärten aber, daß der Unterricht nur ein fakultativer sein könne und sich nicht auf das Hebräische, sondern nur auf den eigentlichen Religionsunterricht beschränken inüsse. Tie näheren Bestinnnungen würde das

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