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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 330 (sequence 10)
Language
German
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Seite 330. e s d) u v « »t. Nr. 21. ’u welcher der Kopist wörtlich bemerkt: „Obgleich diese Schrift sich bei uns deutschen Juden nicht findet, noch zugänglich ist, so habe ich sie doch der nilgemeinen Neuigkeit halber abgeschrieben, und wer wird mich deshalb anklagen u. s. w." Das will sagen: Der Kopist entschuldigte sich, das; er die Schrift abschreibt, die wenigstens in Deutschland kein Jude besaß und nicht einmal lesen durste! So sieht das phantasievolle Bild des Herallsgebers, in welchen! er sämtliche Inden unter feierlichem Weihnachtsgeläute über die Tholdoth- Schmähschrift gebückt sieht, vor der Kritik ans. Um es kurz zu sagen: der ungelehrte Jude nahvl die Schrift ans religiöser Scheu nicht in die Hand, der gelehrte aber betrachtete sie, gut ivienerisch gesprochen, als einen Schmarren, den er keines Blickes würdigte, der deshalb unter den Juden selten war und heute nur ein interessantes Dokument jüdisch-christlicher Sagenmischnng bildete Feuilleton. (fiitjilr ill! (5uie flrtltjifdjc Erzählung von W iIhel in Feld in au. (Fortsetzung). Nachdruck verböte». Bei der Danse erhielt Klara den Bornamen „Helene" und die Ltatthalterei gestattete ihr den 'Namen zn ändern. Für die Welt starb die Klara Zwiebel und Helene Cybulska wurde geboren. (Zwiebel heißt polnisch: Cybula.) Dieser NamenSwechsel erschien ihr sehr vorteilhaft und sie füllte oft mit ihrer neuen Unterschrift ganze Bogen Papier ans. Sie hatte übrigens hierzu genug Muße. Seit dem Tage, an welchem die Bezirkshauptmannschaft in O. dem Matrikel-Amte in Matinee die Mitteilung zngehen ließ, daß die in den Standesbüchern Band . . Seite . . Pos. . . eingetragene Keile, recte Klara, die uneheliche*) Tochter des Josef und Chase Zwiebel, gutwillig die römisch-katholische Neligion angenommen habe, was in dein betreffenden Buche anznmerken sei, seit diesem Tage änderte sich ihre Lage im Hanse der Marschallin - - nicht zum Bessern. Anders war es vor einigen Wochen, als sie der Plärrer erst nach C. gebracht hatte. Alles war für sie neu und interessant; sie selbst war ebenfalls für alle ein Gegenstand der Neugierde. Nach der Schenke imponierte ihr das Hans der Marschallin, und von den Menschen war sie entzückt. Im Kloster weilte sie nur kurze Zeit mit guten und sausten Ordensschwestern. Der Pater Naimund unterrichtete sie im Katechismus und klärte sie über Neligionssragen aus. Cr erkannte'schnell ihr entzündbares Temperament, ihre ideal-mystischen 'Neigungen und ihre dominierende Phantasie. Dementsprechend behandelt er sie. Zn seinen Neligionsvorträgen legte er auf die theologisch-dogmatische Seite keinen Nachdruck, dafür gab er ihr die Evangelien und die Kirchengeschichte zu lesen.' Aus diese Weise hatten Herz und Phantasie eine erwünschse Nahrung. Sie entbrannte für Ideale und mit dem Herzen war sie ihrem neuen Glauben zugethan. Das Keben Jesu, die Geschichte der Apostel, die Biographien der Heiligen und Märtyrer sättigten ihre romantische Eral tation und sprachen zu ihrem Herzen — nicht so war es aber mit dein trockenen Katechismus. Im übrigen war der Pater Naimund ein guter Lehrer,. Cr disputierte mit ihr gern und viel, lenkte geschickt den Gesprächsstoff, schob ihr entsprechende Bilder unter, und — traf ihren Geschmack ganz. 'Nach jeder Lektion zeigte er eine große Zufriedenheit und küßte ihre weiße Stirn. Des Abends holte sie die Kalesche der Marschallin ab. Aus der winzigen Klosterzelle sah sie sich plötzlich in glänzende Apartements versetzt. Dort traf sie zum ersten Male mit den Figuren der „idealen Welt" znsaminen. Der Herr Marschall war eine Person im mittleren Alter, von imponierender Haltung — eine prachtvolle Null. Unter dem Pantoffel seiner Frau stehend, welche vom Hause aus eine Gräfin war, redete er sie „dobrodzioj“*) an, und befaßte sich mit nichts, als mit Erperimenten in seinem schönen Blumengärtchen. In häuslichen und Geldangelegenheiten hatte er keine Stimme. Die Marschallin hingegen vergaß nicht, trotz ihrer fünfzig Jahre, ihrer Herkunft und ihrer apostolischen „Mission". Sie scheute weder Mühe noch Arbeit, um noch bei Lebzeiten der Kanonisierung teilhaftig zn werden, und unter ihren „geistigen Kindern" hatte sie noch nie ein solches Eremplar wie Klara gehabt. Sie empfing also ihr Mündel im Salon und lud jedesmal viele Personen ein, auf daß sie diese ihre Crorberung für das Christentum bewundern. Bon den „hohen Herrschaften" herzlich und huldvoll behandelt, von allen gelobt und geliebkost, die Salonluft in Gesellschaft von Leuten einatmend, welche zur „Welt der Ideale" gehörten, war Klara mit dem Anfänge ihrer neuen Laufbahn natürlich sehr zufrieden. Ihr Anstand, ihre Bescheidenheit und jene unaussprechliche Anmut, welche sich Herzen erwirbt, machten selbst aus jene, die hinter dem Rücken der Frau Marschallin über ihre „Manie" und ihre „geistigen Kinder" lachten, einen guten Eindruck. Selbst die ivegen ihrer hohen Bildung bekannte Frau Baronin, die Gemahlin eines Erjuden, äußerte im Bertraueu, diese Jüdin sei gar nicht zu übersehen, sie drücke sich französisch mit Accent aus. Kein Wunder, wenn Klara, von solch mannigfachen Gefühlen und Empfindungen erfaßt, in den Tag hinein lebte, wenig ans Elternhaus denkend. Nur manchmal bedauerte sie oen Bater. „Cr i|t öoch kein schlechter Mensch", sagte sie sich. Sie sehnte sich auch nach ihrer Büchersammlung. Die Mutter erivähnte lie nicht. Bis zur Taufe übrigens hatte sie keine Ursache die Malinieeer Schänke zu vermissen. Zur ersten Beichte bereitete sie sich mit einem Feuereifer vor. Sie glaubte fest, daß mit dem Empfange der Kommunion der heilige Geist bei ihr einkehren werde, — bis sie statt des erleuchtenden, ein betäubender Blitz traf. Ihren Bater in der Pose der verzweiflungsvollen Tragik erblickend, fragte sie sich zum ersten Male: „Bielleicht habe ich doch nicht recht daran gethan, indem ich ihn verließ V Als sie aus der Kirche heimkehrte, wurde sie von allen Gästen mit Aufmerksamkeiten und Geschenken bedacht. Bon den Taufpaten erhielt sie ein prachtvolles mit Steinen besetztes Kreuz, von den übrigen Gästen weniger kostbare Präsente. Sie dankte für diese Beiveise des Wohlwollens, war gerührt und voll Dankbarkeit; aber vor ihren Augen flimmerten diese Edelsteine wie Thränen ihres Baters. Die (Gratulationen vermochten nicht seinen Aufschrei zu übertönen, selbst die *) d. h nicht zivilrechtlich getraut. ') „Mündige Iran".

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