Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 329 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. § e f d? u r it tt. Seite 329. glauben des 12. und 13. Ialubunberls eine große Nolle. Es giebt auch eine christliche Schrift aus derselben Zeit, welcher das Tholdotb-Buch augehört, ebenfalls in Italien entstanden, worin die Wahrheit des Christentums gerade so durch die wunderbare Wirkung des GotteSnamenS erhärtet wird, wie in dem Tholdotb-Buche. Diese Schrift handelt von der sagenhaften Disputation zwischen Christen und Inden, die unter Papst Sylvester I. vor dem Kaiser Constantin und seiner Mutter Helena stattgesuudeu haben soll. Hier tötet der Jude einen Ochsen, indem er ihm den gros;en Gottesnamen ins Ohr ruft. Sylvester aber vollführt das größere Kunststück, daß er den toten Ochsen durch Anrufung des Namens Jesus Christus ivieder lebendig ucacht. Die etwas seltsame, durch einen Ochsen verrilittelte Judenbekehrung hat in der deutscheit Nationallitterattir mehrfache Bearbeitung gefunden, so von Conrad von Würzburg, in derKaiserchrouik, im lpaienspiegel u. s. w. (vgl. „Sylvester", herausgegeben von W. Grimm, Göttingen 1841). Ganz so, wie in der Sylvestersage der Zauber mit dem Gottesitamen durch einen gleichartigen wettgeitiacht wird, verhält es sich auch mit dein jüdischen Buche von der (beschichte Jesu. Denn hier wird Jesus durch einen anderen von den Weisen Israels angestisteten Talmudjünger besiegt, der ebenfalls durch den Zauber mit dent Gottesuamen Wunder wirkt. Es scheint sogar, daß ein direkter Zusammenhang zwischen der christlichen Sylvestersage und dem Dholdoth Buche besteht. Hier vollführt nämlich Jesus feine Wunder vor der Königin Helena von Adiabene, die bekanntlich mit ihrem Sohne, dem Könige JzateS im nentestamentlichen Zeitalter zum Judentume übertrat. Oiegt hier nicht ein merkwürdiges Zusammentreffen mit der Bearbeitung der Sylvestersage vor, in welcher die Disputation ebenfalls vor einer Königin Helena und ihrem Sohne (Constantin) stattfindet? Die Prioritütsfräge der Bearbeitung mag dahingeitellt bleiben, aber das Zusammentreffen kann nur aus der Vermischung von jüdischen und christlichen Sagen erklärt werden, deren Bestand, wie schon bemerkt wurde, darthut, daii gegen Ende des ersten Jahrtausends christlicher Zeitrechnung das Christentum noch tiefer im Fahrwasser des Judentums dahinzog, als ihm beivußt war. _ Dem Judentume erging es ähnlich mit dein Ehristentmne. Ersteres reklamierte nämlich die Begründer des letzteren für sich, zu welcher seltsamen Anschauung die Erinnerung an den Ursprimg des Christentums den Anstoß gegeben haben mag. Dem Tholdoth-Buche ist der Abriß von einer Art Apostel- Geschichte angehängt, in welcher Paulus unter Zustimmung der Weisen Israels sich gleichsam für das Judentum opfert, indem er sich den Christen als einer der ihrigen vorstellt und ihnen, gleichfalls unter zauberischer Anwendung des Gottesnamens, im Zinnien Jesu befiehlt, die Juden und das Judentum zu lassen. Damit verfolgt aber Paulus, welcher hebräisch Elisahn heißt und als Revenant des Propheten dieses A'amens zu denken ist, nur den Zweck, das Judentum voit den Adepten der neuen Bchre zii befreien. Paulus führt den ihm gewordenen Auftrag in der Weife aus, daß er den Christen Surrogate für die jüdischen Institutionen und Feiertage giebt, also Sonntag für Sabbat, Pfingsten für das Wocheufeü u. f. w. Diese eigentüinliche Reklamation des Heidenapvstels für das Judentum stehen nicht für sich allein da iiff dem jüdischen Schristtume. In andereit Schriften aus derselben Zeit, welcher das Tholdoth-Bnch angehört, opfert sich Petrus in der gedachten Weise für das Judentum. Er gilt sogar als der Berfaffer eines Gebetes, welches heute noch in der jüdischen Sabbat-Liturgie vorkommt. Man ersieht aus diesen hnbriden Sagengebilden, daß gegen Ende des ersten christlichen Jahrtausends Christen und Juden noch nicht zum wirklichen Bewußtsein gekommen waren, was christlich und was jüdisch sei. Bon dent Nebel dieser gemischten Vorstellungen hat man in dem Tholdoth-Bnche einen Niederschlag. Aber dieses Buch ist, wie gesagt, nicht das einzige Denkmal jenes Nebels. Da ich der erste war, welcher denselben auszuklären versucht und auch das Tholdoth- Bnch in den Kreis seiner Forschungen einbezogen hat (vgl. meine „(beschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden", II, Note I und In), so bin ich wohl auch berechtigt, dein Herausgeber der vorliegenden Schrift den guten Nat zu geben, feine Untersuchungen in der angegebenen Richtung anzustellen, nicht aber Veranlassung zu der falschen Vorstellung zu geben, als ob die Juden eine Art geheimen ArchiveS von Schriften und Nachrichten über die Entstehungsgeschichte des Christentums und dessen Stifter besessen und erhalten hätten. * * * Nach Beendigung dieser Anzeige, zu welcher ich von der Redaktion dieses Blattes eingeladen worden bin, sehe ich zu meinem Bedauern, daß ich mit meinem guten Rat schon zu spät komme, wie ja dies überhaupt mit guten Ratschlägen gewöhnlich der Fall ist. In dem Mürzheste der „Gesellschaft" findet sich nämlich eine Anzeige der vorliegenden Schrift von Herrn Merian mit folgendem bedenklichen 'Nachwort: „Damit schließt das Tholdoth-Bnch, das gewiß als hochinteressantes Dokument jenes merkwürdigen Volkes gelten kann, das leider immer noch viele seiner Schriften ängstlich geheim hält. Ich sage .leider', denn es ist meine feste Ueberzengnng, daß gerade infolge dieser Geheimniskrämerei jene absurden Sagen entstehen, die zur Schande des neunzehnten Jahrhunderts immer und immer wieder auftauchen und dann in jenen halb widerlichen, halb lächerlichen Ritualmvrdprozeffen ihren Ansdruck finden." Nun, ich kann Herrn Merian ans Ehre und Gewissen versichern, daß meine Glaubensgenossen — ein jüdisches „Volk" giebt es dermalen so wenig, wie ein katholisches oder protestantisches -- keine ihrer Schriften jemals geheim gehalten haben noch geheim halten. Das Tholdoth-Buch ist bereits zwei Male, und zwar von Christen herausgegebcn worden. Indessen kann ich es Herrn Merian nicht verdenken, wenn er an eine „(Geheimniskrämerei" der Juden glaubt, da der Herausgeber des vorliegenden Büchleins am Ende seines Vorwortes zu der Behauptung sich versteigt, daß, „wenn die Glocken der Kathedrale zürn WeihnachtSseste läuteten und Helle Ehristsreude in den Häusern der Bürger herrschte, im dunklen Ghetto der versehmte Jude das Tholdotb-Huch aus dem Versteck hervorholte, und mährend die Gläubigen sich neigten vor der Jungfrau Sohn, voll bitteren Hohnes las vom .Jlainssr 1)611 lianiddah“. Das ist sehr salbungsvoll gesagt, aber gänzlich unbegründet, und der Wunsch des Herausgebers: „Möge die Wissenschaft, der diese Veröffentlichung lediglich dient, darüber .sine im et stndio‘ urteilen", nimmt sich neben dieser Insinuation eigentümlich aus. In dem 188(1 von dem Bibliothekar der Bodleiana, Herrn Neubauer (dem der Herausgeber selbst seinen Dank abstattet), veröffentlichten ,,(NtaIc>eu6 ot the Hebrow Manuseripts“, ber jedermann zugänglich ist, findet sich aus Seite 774 unter Nr. 2240,3 eine handschriftliche Geschichteter Verurteilung Jesu angeführt,