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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · p. Seite 328

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 328 (sequence 8)
Language
German
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m Seile 328. JescHururr. Nr. 21. - *r!- U;'2' m •ai y i ■ f Ist dies nicht Selbsterkenntnis, daß die rabbinischen Gesetze sich nicht int entferntesten messen können mit den biblischen, das; die biblischen Gesetze hundcrtsach mehr respektiert und heilig gehalten werden als die rabbinischen! Und wer beweist diese Wahrheit besser und gründlicher, als Herr- Wiener in seinem Buche über „die jüdischen Speisegesetze" selber! Während er die biblischen Lpeisegesetze mit Glacäe- Handschnhen anfaßt, sie ans tausend Umwegen zu umgehen, zu verleugnen, zu verdrängen sucht, — mit welcher Maßlosigkeit, mit welcher Respektwidrigkeit, mit welcher Geringschätzung und Verachtung spricht er von den rabbinischen Gesetzen! Wie überschüttet er die Weisen Israels mit Hohn und Spott! Wie sucht er alles, was diese Lehrer gesagt und gethan, ins Lächerliche zu ziehen und sie selbst als einfache R'nrren hinzustellen! Ucbrigens „alles schon dagewesen" sagt Ben Akiba. Auch Herr Wiener mit seinen eynischen Schmähungen ist nicht originell. Er hat seine würdigen Vorbilder und Vorgängerin dem von; Talmud gekennzeichneten „Haus Benjamin"! Wer und was ist ein Epiknräer, der des ewigen Lebens verlustig geht? fragt der Talmud. Und die Antwort lautet: (Synhedrin 9!)b) „Wer die Weisen und Gelehrten Israels schmäht und verachtet". Z. B. die aus dem Hause Benjamin, die haben stets voll Verachtung gerufen: „Was -nützen uns diese Rabbiner! Einen Raben zu essen haben sie uns doch nie erlaubt und eine Taube nie verboten!" — Auch eine Kritik der „jüdischen Speisegesetze." Herr Wiener hätte dieses schone Wort als Motto für sein Buch über „die jüdischen Speisegesetze" wühlen sollen! Wir wollen Herrn Wiener mit keinem Worte nahe treten; würde aber der alte Rabbi Jochanan heute leben, er würde ihm in seiner Offenheit und Aufrichtigkeit zurufen: „nr« c’sm nan bv npn“. „Du Bedauernswerter! Du höhnst und spottest der Worte der Weisen und Lehrer Israels, und erwartest, daß dein Wort gehört und in Ehren gehalten werde?! (Spnhedrin 100a). (fin jWlH-imitschkS Lkbkil Mn.*) Von Oberralib. Tr. Al. Gü bemann, Wien. Das unter dem vorstehenden Titel soeben erschienene Büchlein ist nach dem Vorwort der Vorläufer eines größeren Werkes: „Das jüdische Leben Jesu in seinen verschiedenen Fassungen". Die verheißungsvolle Ankündigung könnte glauben machen (wie dies denn der Herausgeber selbst zu glauben scheint), daß in dem jüdischen Schrifttum alte Nachrichten über den Stifter des Ehristentums enthalten seien, welche in den verschiedenen Rezensionen des hebräischen Scyristchens: „Tliolclotli Jescha ha-nozri“ (Geschichte Jesu von Rnzaret), wovon hier eine jüdisch-deutsche Fassung vorliegt, Verwendung gesunden hätten. Dem ist in Wirklichkeit nicht so. Man kann nicht, wie der Herausgeber (L. 0) thut, von „spärlich gewordenen", oder von „alten, verloren gegangenen Talmudstellen" reden, die Historisches über Jesus mitteilen und die in den Toldoth-Rezensionen ansbewahrt sein sollen; vielmehr ist es Thatsache (worin eine zwar stille, aber nicht belanglose Kritik aller bisherigen und künftigen „Leben Jesu" liegt), *) „Ein jüdisch.deutsches ifebcn Jesu. Geschichte Jesu von Narret, geboren im Jahre .')7M seit Erschaüung der Welt." Bon Tr. Erich Bischop-Leipzig. Verlag von Wilhelm Friedrich. Besprochen in der Wochenschrift: „Tie Feit". daß der Talmud ebensowenig wie JosephuS (mit Ausnahme einer interpolierten Stelle) und Philo von Jesus weiß. Allerdings konnnen zahlreiche, bei weitem noch nicht genügend verwertete Stellen im Talmud vor, welche aus die evangelische Geschichte mehr oder minder deutlich Bezug nehmen, aber man muß unter diesen verschiedene Schichten unterscheiden. Die ältesten kennen ein „Evangelium" und Adepten desselben, die „Philosophen" genannt werden. Sie enthalten Religionsgespräche, die aber aus eine so harmlose Art geführt werden, wie sie wohl zwischen verschiedenartig gesinnten Bekennern einer und derselben Religion, aber nicht zwischen Angehörigen verschiedener Religionen, im vorliegenden Falle also zwischen Juden und Ehristen, denkbar sind. Es handelt sich auch bei diesen Kontroversen gar nicht um Dogmatisches, sondern um Rechtsfragen, die schon als solche mit den Grundunterschieden von Judentum und Christentum nichts zu thnn haben. Je mehr die neue Lehre zum förmlichen Christentum sich auswuchs, desto deutlicher kündigt diese Wendung an anderen Stellen des Talmud und des einschlägigen Schrifttums sich an, welche wir als die zweite Schichte von aus das Christentum bezüglichen Mitteilungen der älteren rabbinischen Litteratur bezeichnen können. Inzwischen breitete sich das Christentum nach Westen aus, das Judentum aber verlegte seinen Schwerpunkt nach Osten, nach Babylonien. Es ist klar, daß durch diese topographische Veränderung der letzte Verbindungsfaden zwischen Judentum und Christentum abgeschnitten wurde. Dieser Zeit gehörte die letzte, sozusagen die Diluvialschichte von talmudischen 'Nachrichten über das Christentum an. In denselben ist natürlich schon der Parteiznstand mehr oderminder schroff hervorgekehrt. Es werden hier Namen einiger Apostel, auch die Person Jesu genannt, die nicht zum Besten fortkommen, aber jeder unbefangene, sachverständige Beurteiler sieht diesen Notizen sofort an, daß sie keine alten, ursprünglichen Nachrichten über die evangelische Oieschichte, sondern parteiisch gefärbte Sagen enthalten, welche über das längst zur Weltreligion ausgewachsene Christentum zu den Juden in Babylonien drangen oder unter ihnen entstanden und von ihnen dem Talmud einverleibt wurden. Wenn nun auch diese Notizen in den Tholdoth-Rezensionen benützt wurden, so haben sie doch, wie jeder sieht, für das Leben Jesu keinen größeren Wert, als Schillers Wilhelm Teil für die Oieschichte dieser sagenhaften Persönlichkeit, und ich kann nach dieser Sachlage die Ansicht des Herausgebers von dem wissenschaftlichen Wert des vorliegenden Büchleins, sowie der sämtlichen Tholdoth- Rezensionen, die in dem angekündigten Werke gesammelt erscheinen sollten, insofern es sich dabei um das wirkliche Leben Jesu handelt, nicht im entferntesten teilen. Dagegen liegt der Wert der vorliegenden „Geschichte Jesu von Razaret" oder vielmehr ihrer hebräischen Oirundschrist in einer anderen Richtung. Die Oirundschrist ist elwa zwischen dem achten und zehnten Jahrhundert, aller Wahrscheinlichkeit nach in Italien, entstanden, wo damals die Midrasch-Litteratur eine kurze Nachblüte erlebte, und wirft ein interessantes Streiflicht auf die auch durch andere Erscheinungen bestätigten Zusammenhänge, welche zu jener Zeit noch zwischen Judentum und Christentum trotz der schroffen Scheidung ihrer Bekenner bestände.>. In dem Tholdoth-Buche ist Jesus ein Talmudjünger, welcher, nachdem er sich in den Besitz des geheimnisvollen Oiottesnamens gesetzt hat, mittelst desselben einen Teil der neutestamentlichen Wunder ansführt. Ter Zauber mit dem OiotteSnamen, den der Talmud noch nicht kennt, ist verhältnismäßig jung, spielt aber in dem Aber- und Zauberi! m

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