Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 326. Jescyurun. Nr 21. v. U. j. R. H. Daß der „Deutsche Reichsverband jüd. Religionslehrer" einem Dornbusch gleiche, der keinerlei Frucht noch schützenden Schatten gewahren kann, wurde in dem ersten Kapitel behauptet und ist in einem folgenden zu beweisen. Jedoch ehe ich diesen Beweis erbringe, gestatte man mir, die Entstehungsgeschichte dieses Vereins frei nach vorhandenem Motive zu skizzieren. In der Haupt- und Residenzstadt Breslau hat der Verein israelitischer' Lehrer für Schlesien und Posen seinen Sitz,, in der Haupt- und Residenzstadt Schlesiens hat der zeitige Vorsitzende — pardon! — Präsident des D. R. j. R. keine Stimme. Er ist kein Prophet, gilt aber dennoch nichts in seinem Lande. Um der im Verkehre störenden Stimmlosigkeit zu steuern, kandidierte der zeitige Präsident seit Jahren mit größter Regelmäßigkeit bei den Vorstandswahlen in dem schlesisch-posenschen Vereine, mit gleicher Regelmäßigkeit aber wurde diese Kandidatur immer aus das -— folgende Jahr verschoben. So ging es bis zum Jahre 1894. Aus die Wahl in jenem Jahre hatte der ewige Kandidat große Hoffnungen gesetzt, denn es ward bekannt, daß der in Lissa lebende vielbewährte Schriftführer des Vereins sein Amt niederlegen und die Wahl eines in Breslau, dem Sitze der Vereinsleitnng, domizilierten Mitgliedes empfehlen werde. Jetzt oder nie! Der Dag der Wahlen brach an, mählich auch der entscheidende Moment der Stimmenzählung, und nun ergab ein einfaches Additionserempel das Resultat, daß ein anderer erwählt worden. Wäre es nicht barock, ich würde diesen Moment als den (Geburtstag des D. R. j. R. bezeichnet haben. Denn in diesem Momente entdeckte der Richtgewählte etwas, was vor ihm schon anderen bekannt war: daß die geringe Fürsorge der Vereinsleitnng für die fachwisienschastliche Förderung ihrer Mitglieder ihm nicht gefalle. Und am Tage der Schlacht im Restaurant „Zum weißen Storch" sammelte er vor dem Restaurant „Zum weißen Storch" alle Unzufriedenen um sich und teilte ibnen mit, daß sie beschlossen hätten eine freie Vereinig..ng israelitischer Religionslehrcr für Schlesien und Posen ins Leben zu rufen, um den Verein, der besteht, dahin zu bringen, daß er zu Grunde geht. Die in der Ferne weilenden Vereinsmitglieder wurden zur Teilnahme eingeladen, unter ihnen auch der nachmals unbequeme Biograph des D. R. j. R.; eine Anzahl Unzufriedener sagten ihre Teilnahme zu, unter ihnen auch der nachmals unbequeme Biograph des D. R. j. R. Die also geworbenen Mitglieder wurden später benachrichtigt, daß eine kostitnierende Versammlung — deren Besucherzahl nicht angegeben und den neueren Mitteilungen zufolge einschließlich der Referenten n u r fünf betragen haben soll — in Breslau getagt und beschlossen habe, der Vereinigung den partiknlaristischen Eharakter zu nehmen und sie über das große deutsche Vaterland anszndehnen; ferner daß diese Versammlung ein „Präsidium" erwählt mit dem ewigen Kandidaten ans dem schlesisch-posenschen Vereine an der Spitze, und daß der deutsche Boden verteilt worden unter eine Reihe namhaft gemachter Regierungspräsidenten, die in contumaciam zur Uebernahme der Würde verurteilt wurden. Das war ein Staatsstreich in optima forma — nein, in s ch le ch t est e r Form, eine Revolution von oben, wie sie in den Annalen selbst der winzigsten Vereinigung, nicht vertreten ist. Das war endlich und vornehmlich eine Jntrigne gegen den im Entstehen begriffenen Deutsch-Israelitischen Lehrerbund, dein der Wind ans den Segeln genommen und für ein von vier Mann besetztes, hastig zusammengezimmertes Ruder-Boot nutzbar gemacht werden sollte? Gar mancher, der bereit war, die Reise durch Schlesien und Posen mitzumachen, erklärte angesichts der gezeichneten Vorgänge, daß er auf so schwachem Fahrzeug und unter nicht-sachm ü uni sch er Leitung sich nicht getraue, den Kamps mit den Wellen Indolenz und Energielosigkeit auszunehmen. Da erklärte aber der Steuermann in der selbstgesertigteu Präsideuten-llniform kühn, als wär' er Minister eines deutschen Bundesstaates: „Wenn nicht, denn nicht! Der Starke ist aut mächtigsten allein, und wird mein Boot nicht von den Wellen getragen, so mache ich den erforderlichen Wind selber." Sprach's und ließ das Programm des D. R. j. R. drucken; und da jetzt das Boot nicht von den Wellen getragen ivird, macht er, wie verheißen, den erforderlichen Wind selber. — Das Stichwort „Wind" aber leitet uns unmittelbar in die Thätigkeit des ReichsverbandeS: — in das, was er erstreben will, und das, was er erstrebt hat. Hierüber in einem dritten und letzten Artikel. A„ L. „Die iiiö. KpkiltgMc" tum linlili. Dr. Wiener. Bon :)iabb. Dr. I. St ob», Fiwwrazlcnv. III. Das ist's ja doch nicht allein. Die Dämonologie könnte er dem Talmud noch verzeihen. Herr Dr. Wiener hat aber noch viel wichtigeres und bedeutungsvolleres auf dem Herzen, was ihm den Talmud so unsympathisch, so unleidlich macht, er sindet „daß der Talmud sich über die Bibel erhebe, es besser wisse, besser mache als diese, wie sich ja der Talinu'd selber an mehreren Stellen eine solche Superiorität vindiziere. „r-nr. hrc ernzT p-.rn iry d. h. D i e Weisen haben ihre eigenen Gesetze mit einer stärkeren Schutzmauer umgeben als die Gesetze der Thora" (S. 10. 1.)! Während Herr Wiener über „den Dämon, der den Menschen über die Sabbatgrenze führt" in seiner überlegenen Weisheit nur mitleidig lächelt, ist es jetzt der rollende Donner, der seinem Munde entfährt. Dieser Groll, sittliche Entrüstung entsteigen dräuenden Dämoueu gleich den Diesen seiner Seele und mit mächtiger, weilhintöueuder Stimme kündet er die Unbescheidenheit, den Dünkel, die Ueberhebung der alten Lehrer, die sich über die Bibel erheben, es besser wissen «nd besser machen wollen als diese, kich eine Superiorität vindiziereu über diese u. s. w. Bescheidene Menschen empört nichts so sehr, als Uubefchcidcnheit und Ueberhebung. W.w Wunder, daß Herr Wiener diese Anklage gegen die Lehrer des Talmud erhebt?! Was ist aber au dieser schweren Anklage und ungeheuerlichen Beschuldigung? Kein einziges wahres Wort! Ich betone und wiederhole: kein einziges wahres Wort!! Eitel Täuschung und Blendung! Unwissenheit und Unwahrheit haben sich da einmal einander die Hand zuur Bunde gereicht, um diese unerhörte, beispiellose Schmähung und Lästerung unserer großen Lehrer zu Tage zu fördern. In der That welch' unglaubliche Dberslächlichkeit verrät Herr Wiener, wenn er einen Satz, der das Gepräge