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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-24 · 21 (24.5.1895) · p. Seite 325

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
21 (24.5.1895)
Date
1895-05-24
Page
Seite 325 (sequence 5)
Language
German
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Wr. 21. 3 e f c§ u r u n. Seite 325. ft' Deutschland, Rußland oder Frankreich. So sagen die Antisemiten; wir aber wissen es besser. Wir sind solidarisch, aber nur durch unser Gefühl. Eine Freude durchzuckt uns, wenn wir hören, daß einzelne unserer Glaubensbrüder es zu einer Hervorragenden staatlichen oder gesellschaftlichen Stellung gebracht haben; tiefer Schmerz berührt uns, wenn wir sehen, daß ein Fsraelit seinem Namen Schande macht durch Unehrenbastigkeit im Leben, durch Taktlosigkeit im Auftreten oder gar durch den schwersten Eirad der Versündigung: wenn er nur äußerer Vorteile wegen unsere heiligen Lehren verleugnet oder verhöhnt. Sonst aber unterscheiden sie sich ebenso wie die übrigen Völkerschaften in ihren Charakteren und Neigungen. In Deutschland haben wir, so weit gottesdienstliche Einrichtungen in Betracht kommen, zwei — sagen wir Elemente — denn von Stämmen und Gattungen können wir nicht reden, und zwar Gemeinden ltach Minhag Polen und Gemeinden nach Minhag Aschkeuas. Man hört sehr oft von den ostdeutschen Juden das Wort: „Er ist ein Aschkenas!" Etwa in dein Sinne: er ist ein Buchstabengläubiger (?Red.), und im Süden bezeichnet man jeden Juden, der von ostwärts der Elbe kommt, als Polen. Freilich kommen bic Bezeichnungen auch im verächtlichen Sinne vor, denn wir Juden sind garnicht so brüderlich gesinnt, daß wir nicht gelegentlich dem Glaubensgenossen einen Hieb versetzten, wir bleiben deswegen doch Brüder, die sich gelegentlich auch im Elternhause zanken. — Es ist nun eine merkwürdige Erscheinung, daß es noch keinem süddeutschen Juden eingefallen ist, in Berlin eine Privatgemeiude zu gründen, obwohl er dasselbe lebhafte religiöse Bedürfnis fühlt, wie der norddeutsche Jude. Ja nochmehr, trotzdeni ihm die Gebetsordnung (nach altem Ritus) in den Berliner Synagogen fremd ist, hat noch kein Süddeutscher die Idee gehabt in Berlin eine Synagoge nach Minhag Aschkeuas zu errichten, wozu sich sicher viele Teilnehmer geiunden hätten. Woher das kommt, wird uns aus dem Charakter der Führer und Leiter solcher Privatgemeinden klar iverden, und diese Eigenschaften zeigen sich besonders in dem Verhältnis zu den Beamten. Eine süddeutsche Gemeinde engagiert einen Beamten und behält ihn, so lange er bleiben will. Das „ewig Wechselnde" auch in diesen Gemeinden wird verursacht durch die leidige Gehaltsfrage. Das Vorurteil des Reichtums bei den Juden besteht nur in den Flachköpfen der Antisemiten; sämtliche kleine jüdische Gemeinden haben kein Vermögen.' L ie Mitglieder ^bringen die schwersten Opfer für die Erziehung ihrer Binder, für die Erhaltung des Gottesdienstes und für die Unterstützung ihrer ’ armen Brüder, aber der gute Wille ist nicht ausreichend, und der Aermste der Armen, der Kultusbeantte, muß wandern von einem Ort zum andern, ohne dast fein Fuß eine bleibende Ruhestätte findet. Der süddeutsche Parneß ist anders geartet, als der Führer einer Gemeinde in Ostdeutschland. Ersterer sieht in deni „Herrn Lehrer" eilte Respektsperson, die ihm geistig über ist, letzterer in ihm einen — Meschubod (Bediensteten!) _ £miiit ist alles gesagt. Die Regierungen in Baden, Württeuiberg und Hessen sorgen dafür, dast die angestellteit Beamten nicht ohne triftigen Grund gekündigt werden. Die soziale Stellung doch, es ist so, das Jahrbuch des D. I. G. B. giebt darüber Aufklärung. Also, weil der Süddeutsche es nicht versteht, als absoluter Herrscher in einer Kehillah das Szepter zu führeu, hat noch keiner den Einsall gehabt in Berlin eine solche zu grüitden. 'Nach dieser etwas langen Introduktion kouliueit wir zur Beantwortung der Frage: „Wie entstanden die Privatgemeinden in Berlin?" Da diese Abhandlungen keine Eintagsfliegen fein wollen, die gelesen und vergessen werden, sondern Regesten für die spätere Geschichte der (Gemeinde Berlin liefern wollen, so müssen wir sie in ihreul Ursprung verfolgen, und dieser liegt nicht allzuweit zurück. Die erste Privatgemeinde errichtete der Konsistorial- Präsident Israel Jacobson ans .Staffel in Berlin im Jahre 1811. Da er deutsche Gebete uud Orgelklang entführte, so wurde er als Reformator bei der preußischen Regierung verdächtigt und sein „Tempel" wurde polizeilich geschlossen. Die zweite Privatgemeinde mar die Reform-Gemeinde, gegründet im Jahre 1845, die noch heute besteht. Weder auf diese noch auf ein — zwei nachfolgende Gemeinden soll die obige Eharakterisierung angewendet werden. Alle die Gemeinden entstanden und bestehen, weil ein wirkliches Bedürfnis dazu vorhanden war, für die äußerste Reform sowohl, wie für die strenge Orthodoxie. Beide Gemeinden haben sich entwickelt und sind erstarkt. Die Reform ist konservativer, die Orthodoxie mindestens toleranter geworden. Die dritte Gemeinde, im Westen der Stadt, bildet den Tempel für unsere — Millionäre, die mitunter auch das Bedürfnis haben, Gott für feine traben zu danken, und in diesem Falle merkwürdiger Weise sogar dein alten Ritns huldigen. Die genannten Gemeinden wechseln ihre Beamten nicht, und diese sind so gut versorgt wie die Angestellten der großen Gemeinde. Der Rabbiner einer Privatgemeinde stellte vor einigen Jahren den Vergleich zwischeit seiner Gemeinde und der in FV. aus und sagte: Dort (in W.) sitzen in der ersten Bank lauter Millionäre, in meiner Synagoge nur M injonäre, (die bezahlten 10 Leute, die das Minjan bilden.) — Wer kennt nicht die naive Antwort aus die Frage: Wie wird eine Kanone gemacht? „Man nimmt ein Loch und gießt Messing darum!" In den alten Gemeinden im Süden und Südosten Deutschlands, wo sich vor vielen Jahrhunderten Juden aufiedeln dursten, vereinigten sich eine größere oder kleinere Fahl, um eine Kehillah zu bilden. Sie wählten den Würdigsten und Gelehrtesten unter sich zunt Parneß. Diese altehrwürdige Benennung ist nur noch bei den Alten, die des Hebräischen kundig sind, beliebt, — in der Regierung wurden sie „Aelteste" genannt. Heute giebt es gar viele Titulaturen: „Vorsteher der Synagogengemeinde", der „Kultusgemeinde", „Verwaltungsrat", „Kirchenvorsteher", „Synagogenrüte" usw. Nachdem die Gemeinde gegründet war, wurde ein Beamter engagiert, dann für ein Gotteshaus gesorgt. Diese Entwickelung war und ist naturgemäß für die ganze Welt, — nur nicht für Berlin. Hier wurde erst ein Loch genommen und dann Messing darum gegossen, - ohne Bild: hier entstand erst ein Vorstand, dazu wurden Mitglieder gesucht und gesunden und sodann die Beamten dazu engagiert, und zwar: ein Doktor, ein Oberkantor, ein Schammes, Kassenbote, Batlonim u. s. w. Wie das geschehen konnte und heute noch bei einiger Energie gelingeil must, werden wir genau nach „berühmten Mustern" schildern. t r1 H tip?;!' I'l'j ’f ' k

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