Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 324 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 324 JescHurrrn.. Nr. 21. zu der Krone. die annoch, das arme Israel verdunkelnd, das Haupt der religiösen Weltkönigin schmückt. Und mau würde sich schämen, einen Stein zu werfen in dentz Brunnen, aus dem man getrunken, und „Talmnndprozeffe" a la Breslau et tntri quanti ivären unmöglich, und Petitonen, wie die vom 1l>. d. M. überflüssig. Schade. . . Der Jchrksderichl brr A. I. u. iRehr denn jede andere jüdische Institution ist die Alliance Israelite Universelle unseren Widersachern ein (Gegenstand des Hasses und der Verleumdung. Ein echter Antisemite haßt bekanntlich alles, was er nicht versteht, und verleumdet grundsätzlich das, was er nicht kennt. Und an der Alliance ist manches, was ihm unverständlich und.unfaßlich. Unverständlich ist ihm schon der fremd klingende welsche Name und nnsastlich jedes edle, rein humane Streben. Und darum muß die Alliance als die Zentrale hingestellt werden, wo die (beschicke der arischen Völker geleitet, die Pläne zur Knechtung der Nationen entworfen, die Vorbereitungen für die jüdische Weltherrschaft getroffen werden. Ser Haß gegen diese Institution kommt alsdann schon ganz von selbst. In dem uns vorliegenden Berichte über die Thätigkeit der Alliance im Jahre 1894 steht hierüber allerdings kein Sterbenswörtchen, sondern es ist im ganzen nur ein düsteres Bild, das über die Lage der Juden in jenen Ländern, in welchen die Gesellschaft durch Verbreitung von Bildung wohlthätig wirkt, vor unseren Augen entrollt wird. Jur Vordergrund steht hier Rußland. „Wir tonnen über keine Verbesserung berichten", sind die Worte, welche schon durch 12 Jahre jährlich sorgenvoll wiederholt werden", heißt es in dem Berichte. Das Jahr 1894 war nicht, wie die Jahre 91 und 92, durch besonders harte Maßregeln gekennzeichnet, doch niemals, in keiner Epoche ihrer traurigen Geschichte, waren die Inden Rußlands so arm und elend, niemals waren die^JudenI weiter entfernt vom Ziele ihres Strebens: dieselben Rechte wie andere Russen zu genießen. Die Motive dieser Politik entspringen weder dem Wunsche, die „christlichen Bauern ans den Krallen der Inden" zu retten, noch dem Verlangen, deren Unternehmungsgeiste Einhalt zu gebieten, sondern sie sind lediglich beschränkten und falschen Begriffen über die Pflichten des Staates und Inspirationen mystischen und religiösen Charakters znzuschreiben. Zuletzt wird die Hoffnung ausgesprochen, daß Zar 'Nikolaus 11. dem Elende und dem Leiden der Juden mehr Aufmerksamkeit schenken werde. Roch weniger befriedigend sind die Nachrichten aus Rumänien. „In Rußland", so lauten diese, „sind die Juden zwar Bürger, jedoch unzähligen Ausnahmegesetzen ihres Glaubens wegen ausgesetzt. In Rumänien sind die Inden Gegenstand zahlreicher eben so drückender Maßregeln, aber die rumänischen Staatsmänner besitzen nicht den Freimut der russischen; denn sie verfolgen die Inden nicht, weil sie Inden sind, sondern weil sie sie als Fremdlinge betrachten. Rmnänien hört nicht auf, die 200,000 Juden, die schon so viele Jahrhunderte im Staate leben und denen es trotzdem die Bürgerrechte verweigert, als Fremde, Eingewanderte anznfehen, dem 44 des Berliner Vertrages Hohn sprechend." Erfreulicher klingen die Nachrichten aus der Türkei. Seitdem die hohe Pforte sich den von Spanien und anderswo durch religiöse Unduldsamkeit vertriebenen Juden erschlossen bat, haben die ottomanischen Herrscher ihren jüdischen Unterthanen stets wohlwollende Sympathien entgegengebracht und sie großmütig protegiert. Sultan Abdul Hamid ist wahrhaft liberal und sorgt dafür, daß seine menschenfreundlichen Prinzipien von seinen Untergebenen in Ausführung gebracht werden. Das steigende Interesse, welches hohe Würdenträger den WohlthütigkeitS-, ErziehungS- und technischen Anstalten, die die Alliance in der Türkei gründete, entgegenbringen, ist ein beredtes Zeugnis dieser Thatsache. Der Sultan selbst zeigt bei jeder Gelegenheit, daß er die Anstrengungen, welche gemacht werden, um den materiellen, geistigen und moralischen Standpunkt der Inden zu heben, zu schätzen weiß. — Auch für das barbarische Marocco wurde ein gutes Wort eingelegt. In einem Nachrufe auf Sultan Mnley Hassan lesen wir: „Daß der Vorstorbene immer daraus bedacht war, das Leben und Eigentum seiner jüdischen Unterthanen schadlos zu erhalten; seine Befehle wurden zwar nicht immer allzu gewissenhaft von seinen Funktionären ausgeführt, besonders wenn es galt die Juden zu verteidigen, doch es ist bekannt, daß der Sultan jeder Bitte zugänglich war und jedermann Gerechtigkeit widerfahren ließ. Dieser Umstand gab verschiedenen Beamten zu denken und machte viele Fanatiker verstummen. Der Tod Muley Hnssan's ist ein Verlust für die Inden. — lieber die Thätigkeit der Alliance bringen wir nur einige Notizen. Zum Schlüsse des Jahres 1894 hatte sie 56 Schulen (35 für Knaben, 19 für Mädchen und 2 für Kinder) mit einer Gesamtanzahl von 11,558 Schülern (6936 Knaben, 4622 Mädchen.) Es ist ein schöner Zug, daß die Alliance- Schulen allen Klassen und Rassen geöffnet sind. Die Schulen besuchen neben Juden, Protestanten, Römisch - K a t h o l i s ch e, G r i e ch i s ch - K a t h o l i s ch e, M oha m e d? n e r und Armenier. Eine der schönsten Institutionen d"r Alliance ist die neu gegründete technische Schule in Jerusalem. Die 'Maschinen-Werkstälten sind in einem steinernen Hanse nntergebracht, das mit den nötigen Maschinen und Werkzeugen durch die Freigebigkeit der Anglo-Jewisli-Association ausgestattet ist. Genannte Gesellschaft zahlt auch dem Leiter der Anstalt und dem Werksührer in der Schmiede, die zwei englische Inden stifteten, das Gehalt. Die Schmiede erfreut sich eines guten Renommees in Jerusalein und führte im letzten Jahre Bestellungen im Betrage von 21,820 Frcs. aus. Auch die Ackerbauschnle zu Jaffa, eine Schöpfung des Mr. Charles 'Netter, zeigt höchst befriedigende Resultate. Jin Jahre 1894 betrugen die Einnahmen der Alliance 697,987 Frcs., und zwar 184,617 Frcs. in Jahresbeiträgen, eine Spende von 352,677 Frcs. des Baron Hirsch und 54,747 Frcs. sind die Zinsen seiner Millionen-Stistung zur Förderung der Bildung der Inden in der Türkei. 560,392 Frcs. wurden zu Erziehungszwecken verausgabt. — Werden auch diese Daten unsere Gegner nicht belehren, unsren israelitischen Lesern werden sie — wie hoffen es — Herz und Hand öffnen fül die Alliance Israelite Universelle! Die Primtzemeiil-c» in ßftliit. Bon Bar Minan. 11. Wie entstanden die P r i v a t g e m eind en i n Berlin? Um die Antwort in das rechte Licht zu stellen, ist es erforderlich, eine kleine Exkursion in das geographische Verhältnis der deutschen Juden zu machen. Nicht wahr, davon spricht man sonst nicht? Juden sind Inden, ob in