Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 322 § e f 4 u r u n. Nr. 21. entfalten, wenn nicht die heilige Hand der Mutter das himmlische Samenkorn ins Herz streute? Das Männerherz, es ist für den.stampf, für den Trotz, für die Gewalt geschaffen; selbst was es begehrt, will es unterwerfen, in Ueffeln schlagen, an lieh reisten. Nur die Frau ist fähig sich hinzugeben, in der Anschmiegung an fremde Größe sich zu erheben, die .straft zu bewundern,- tind in dem fremden Willen aufzngehen. Der Mann ist ein geborener Kritiker; wie sehr der Sohn des Paters Geist und Werke anstaunt, schon regt sich der Trieb, es nicht dem Pater g l e i ch, — nein es b e f f e r zu machen,größer zu werden und Größeres zu leisten. Nur die Tochter ist fähig, ganz und ungeteilt die Größe des Paters zu bewundern. Und die Gattin, — was ist ihr größter Ehrgeiz, ihre größte Wonne? Der Mond zu fein, der einzig und allein von dem Gatten fein Licht empfängt! Und nun gar die Mutter! Sonnen und Sterne und Perlen und Blumen des Weltalls möchte ihre Liebe auf eine Schnur ziehen, um ihr .stind zu schmücken: ihr Herz möchte sie öffnen, um es in die Fluten ihrer Liebe einzntanchen. Wer die Liebe einer Mutter nicht kennen gelernt hat, wein die Saiten des Herzens nie vom Zephyr mütterlicher Innigkeit in himmlische Schwingung gerieten, — der kann es nur ahnen, nie empfinden, was das Judentum verlangt mit den Worten: „Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott"! Wer könnte seinen Nebenmenschen als Bru der lieben, wenn er nicht unter dem Einflüsse mütterlicher Liebe feinen wirklichen Bruder, den Sohn feiner Eltern, brüderlich lieben gelernt hat? Das Jndentnm ist eine Religion des Lebens; es will das Leben der Menschheit in ein großes Familienleben verwandeln: Wie wäre da die thätigste Mitwirkung der Frauen zu entbehren? Wie wäre da eine Grundlegung auch nur möglich, ohne die regste Heranziehung der Frauen? — „Und so haben auch im Iudenlume die Frauen stets als die einflußreichsten Priester der Religion gegolten; die „Lehre der Mutter" stand gleichberechtigt neben der „Zucht des Paters." Dem Perdieuste der „frommen Frauen" (Nasal rim zidkamjoth) wird es zugeschrieben, daß Israel ans Egypten erlöst wurde, und das erste Wort der sinaitischen Dsfenbarung ist an die Frauen gerichtet: „So sonst du sprechen zum Hause Jakob's — das sind die Frauen"! Dr. J. (-J. & Ser Sinai. ^öhe des Sinai, ‘ Bescheidener Gipfel, Dich schmückt keine Blume, Umrauschet kein Wipfel; Tu spendest nicht Schctttken Dem Wanderer müd', Sieinc Duelle, kein Bächlein Rauscht Tir sein Lied! Dich brennend stnfliesten Nur mächtige Gluten, Und Ströme des Lichtes Dich strahlend nmflnten. Wer zwäng' deine I-luten In Users Strand? Wer leitet hinaus sic Ins weite Land'?- Tsfenbach a. M. Im Norden, im Süden Ta starret's vom Eise — — Noch eisiger starrt es Im Menschenkreise, Tie tausend Steinte Im forschenden Geist, Tie Ströme des Herzens,' Sie find vereist! Es tönt vom Sinai In klagendem Schmerze: Wer löst die Erstarrung Vom Geiste, vom Herze? Wer leitet die Gluten Ins Nlenschengeinüt, Tust Liebe, daß Wahrheit Entsprießen zur Blüt"? Es ziehen die Scharen In Sinai's Nähe, Sie, die erfahren Der Nlenschheit Wehe Israels Söhne, Tem Joche entfloh'n. Sie hören vom Sinai Ten göttlichen Ton. Und hin zu dem Berge Traten die Reihen: £ wolle zu Deinem Boten uns weihen! Wir lösen die Bande Der Herzen, die hart, Erwärmen die Lande, Tie fühllos erstarrt! Und Israel wurde Des Stromes Bette, Daß der Menschheit Steinte Und Leben errette; Bott himmlischer Strahlen Er strömend hinzieht. Das Leben der Völker , Ist sein Stromgebiet. Wo Fluten, wo Steinte Erstarrten im Thale — Israel löst sie Mit himmlischem Strahle. Sinai-Stim men. Verhallet nicht: Ihr seid der (beschichte W ä r m e und Licht! Rabbiner Tr. (b old' ch m i d t. Aus der Zeit. * Berlin, 22. Mai. Xulla dies sine linea. .Heine Woche ohne Talmudprozeß. Am 14. d. M. stand der Redakteur der inzwischen unselig entschlafenen Derttschen Sstwacht, Hugo .Hretschmar, vor der ersten Strafkammer des Landgerichts zu Breslau. Er war der Befchiinpfung der jüdischen Religionsgesellschast angeklagt, begangen durch Perbreitung der berüchtigten Flugschrift „Die Wahrheit über das Judentum", die, wie bekannt und hier schon oft auseinandergesetzt, einige Stellen des Choschen hamischpat, — des vierten Teiles des Schulchan Aruch, — ans dem Zusammenhänge zerrt, bald den Tert ohne Kommentar, bald diesen ohne den Tept wiedergiebt, und unbeschämt mit dem provokatorischen Rufe schließt: „Ich bestreite hiernach den Juden, die diese Gesetze befolgen, das Recht, sich eine Religions-Gesellschaft zu nennen, und nenne sie eine internationale verschworene Betrüger-Gesellschaft". Aus diese unerhörte Provokation hatte der Zentraluerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens reagiert unb vor mehreren Monaten Strafantrag gegen den Perbreiter der Flugschrift gestellt. Schon einmal wurde in dieser Sache vor dem nämlichen Gerichte verhandelt, am 10. Februar d. Is., allein jene Perhandlung mußte, wie erinnerlich, vertagt werden, und zwar aus folgenden Gründen. Es war damals ein Privatdozent an der Breslauer evangelischtheologischen Fakultät nantens Dr. Beer als Sachverständiger geladen, der bestätigt hatte, daß die in dem Flugblatte zitierten Stellen im allgemeinen richtig übersetzt seien. _ Aber schon aus den Erläuterungen, ivelche er von den betreffenden Tertstellen gab, ersah man, daß sie ganz aus dem Zusammenhänge gerissen, und daß bei einigen schon die Hinzusügung der im Seile vorherstehenden und nachfolgenden Sätze eine wesentliche Modifikation der Zitate ergab. Ja, der Sachverständige setzte sogar noch hinzu, daß der Schulchan-Aruch auch Stellen enthalte, welche die in dem Flugblatte wiedergegebenen nickst nur mildern, sondern ihnen sogar direkt widersprechen. Ans die Frage des Perteidigers, ob der von