Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 21 (24.5.1895)
- Date
- 1895-05-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608620--0457-9608621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
M. 21. IayrgtMg IV. -Wllgemeine -Wllgemeine Derkin, 24. Wai 1895. Herausgeber: Ä. Levin, Aerkin. Jefchurutt. Bezugspreis: viertetjährt. 2 Mir. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis I Hiedalrtion und Berlage E»r Kamburgerstr. 2t. für das Ausland: BlK. 2,.'»tt. 5ii bezieben durch die Post Anzeigen, die Jeite 25 H'f., nehmen alle Aironeen-Lrpeditionen _unsere Lrpeditioneu und de» Buchhandel_! sowie unser Bureau entgegen. Antzerlt: ^um Wocliciisefte. Bon Tr. I. (st. Ter Lina,. Bon stiabb. Dr. (stoldschmidt. 2lus der Zeit. Ter Jahresbericht der I V. Tic Privatgemeindeii in Berlin. II. Bon Bar Minan. T. R. j. R. II. Bon A. L. Tie jüdischen Lpeisegesetze. Bon Babb. Tr. Ztohn. (('in jüdisch-deutschem Leben Zesu. Bon Oberrabb. Tr. (stndemann. ((ntgleist. Wochenchronik. .stalender. Anzeigen. Ai» lUinlifiifflk. „So sollst bu sprechen zum H a u se Jakobs" — erscholl die Stimme vom Sinai herab an Mose als das erste und bedeudtsamste Glied' in der Kette göttlicher Offenbarungen, die „10 Gebote", geistiges Besitztum Israels und der Menschheit werden sollten. „Zum Hause Jakob's" — erklären unsere Alten - „das sind die Frauen." Der Linai ist die Höhe der göttlichen Offenbarung, uitd überall, wo Göttliches offenbart wird, ist gleichsam eine Ltnaihöhe; alle Ltütten, wo das Judentum seine Lehren offenbart und verkündet, sie sind heilige Sinaispitzcn. Solche ^inai-Höhen sind unsere .Kanzeln, unsere Lehrhäuser und schulen, ja solche <r:inaihöhen sind, ihrer Bestimmung nach, die Schauplätze unseres Familenlebens: das Haus Jakob's. Gerade und vorzugsweise das Haus ist eine solche Sinai- Höhe, von welcher aus jede folgende Offenbarung des Göttlichen^ erst ihren Ausgangspunkt nintmt. Ist die Mitwirkung des Hauses bei jedem Unterrichtsgegenftand für die Schule höchst wünschenswert, so kann der Religionsunterricht der Schule der (Grundlegung durch das Haus gar nicht entbehren. — Man hat dem Judentum, mit Rücksicht aus seine Speisegesetze von seiten der Wortführer der äußersten Reform den Borwurf gemacht, es fei eine Küche n-Religion. Dieser Borwurf ist nicht begründet; nicht eine Religion der Küche ist das Judentum, es ist, und damit unterscheidet es sich allerdings von anderen, eine Religion des Hauses. Duß das Judentum eine Religion des ^Hauses ist, das erhebt es um so viel mehr in den geläuterten Anschauungen unserer Zeit, als die Bedeutung des Hauses und der Familie fiir die Menschheit im Lause der Jahrhunderte immer mehr und immer höher anerkannt wurde. Das Judentum spricht zum Hause Jakobs: zu Gatte und Gattin, zu Vater und Mutter, zu Sohn und Tochter, zu Brüdern und Schwestern; das Judentuut spricht zu ihuen uicht als Besucher der Tempel, sondern als Glieder einer Familie, eines Hanfes. Und was will am letzten Ende das Judeirtum? Es will, daß alle Söhne Israels und durch ihr Beispiel, ihre Vermittlung, alle Menschen, sich als Mitglieder eines Hauses, als Anhänger einer Familie, als Söhne eines Vaters betrachten. „Du sollst sprechen zum Hause Jakob" — das kennzeichnet das Wesen des Judentums. — O, Ihr Weisen unserer großen Vergangenheit, wie tief, wie wahr habt Ihr diesen Geist des Judentums ersaßt, wie ihn beleuchtet mit dem Zusatze: „Das H a u s Jakob's — das sind die Frauen"! Wer ist die Seele des Familienlebens? Ist es der Re a n n, der im Kampfe auf dem Markt des Lebens wohl für den Unterhalt sorgt, aber ein Gast in seinem eigenen Hause ist, — oder ist es nicht vielmehr die Frau, die im Hause ihre Welt erkennt, im Hause fürs Haus thätig ist, im Hause ihre edelsten,'Freuden findet und fürandere die edelsten Freuden anpflanzt und hegt? „Das Haus Jakobs,^das sind die Frauen" — es ist das schönste Erbe der israelitischen Frauen von unserer ersten Stamm-Mutter Sarah, in der Pflege des häuslichen Lebens ihren Beruf zu erblicken. Und das Judentum, die Religion des Hauses, an wen tonnte es sich in erster Reihe wenden, als an seine Frauen? — Wo die Religion bloö eine Religion des Tempels sein will, wo sie blos „Gläubige" und für einige Stunden in der Woche „Andächtige" erziehen will, wo sie in dem bloßen Glauben die Ouelle der Erlösung erblickt, wo die Erlösung durch fremde Kraft bewirkt, und nicht in einer göttlichen Gestaltung des Lebens, fonbem in einer Art Selbstaufopferung des Göttlichen, ein nie verstandenes und nie verständliches Mysterium, gesunden wird: was bedarf es da der Mithilfe der Frauen?' Da ist die Arbeit der Religion in den Händen der Priester, und es ist die Schwäche der Frauen, die Leichtgläubigkeit, uicht ihre Kraft, die sie in den Augen der Priester hochstellt. Anders im Judentum. Rieht die Schwäche der Frauen, sondern ihre Stärke,^ wird für die, Religion in Anspruch genommen; ihre Kraft wird für die Grundlegung der göttlichen Offenbarung in Thätigkeit gesetzt. „So sollst du sprechen zum Hause Jakob's". Die Söhne Israels sollen ein Haus, eine Familie werden, — wie wäre das möglich ohne die 'Mitwirkung der Frauen? Die religiösen Gefühle, wie sie das Judentum in das Leben wirksam verpflanzen will, sind fast durchweg weibliche Gefühle, die einzig und allein durch den Einfluß edler Frauen als (Gattinnen und Mütter gepflegt, ja erzeugt werden tonnen. Wie sollte die edelste Blüte des Menschenherzens: die Liebe zu Gott, sich