Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. § «? I c§ u r i* n. Seite 815. erhob Josef sein Haupt und sein (Besicht wurde wie von einem Hoffnungsfunken belebt: „Und doch" — spricht er — „bat mir der Rabbi, der Zaddik, gesagt, daß sie noch zu mir zurückkouunen werde." — „Waren Sie auch schon beim Nabbi fragte Moses spöttisch. Chase schaute ihu scharf au. „Gewiß," erwiderte sie, „mit Necht sagt der Bauer: es gäbe kein liebet, welches keine gute Wendung nehmen sollte, früher war auch mein Mann so superklug und lachte über „gute Jüdeu" und jetzt . „Ich würde selbst vom Teufel etwas annehmen," unterbrach Josef im Tone der Nechtfertigung. In unangenehme (Gedanken versunken, verließ der Herr 'Moses das Wirtshaus. Das Geschäft war für ihu verloren. Und erhatte schon oft geträumt von jener Zeit, wo er dem Iunggeselleuleben Valet sagen, sich einen eigenen Kadett eröffnen und „solch" eine Iran haben werde, und nun wird nichts aus der Sache! Er seufzte und mietete sich Pferde zur nächsten Bahnstation. (Fortsetzung folgt.) Mochen-Chronik. Bürgerliche Berhältnisse. * Der Beobachter. Ten beinerkenswerteit „Talmudprozessen" aus der jüngsten Zeit reihen sich zwei neue an. Am 8. d. M. hatten sich der Redakteur des Antis. Geueral- AuzeigerS Mail Sedlatzek und der Bolportagenbuchhändler Tirtmar wegen Beschimpfung der jüd. Religion vor der Strafkammer i» Berlin zn verantworteil. Tittmar hat ein Truckhest vertrieben, „Historische Enthüllungen über die Inden- Moral und das Blutverhältnis", Sedlatzek hat Teile daraus in seinem Blatte abgedruckt. Darin heißt es, daß der Talmild imd besonders der Schlilchail Aruch den Juden als Richtschnur diene und daß darin empfohlen werde, den Ehristen gegenüber alle möglichen Verbrechen zu begehen. Vor Gericht erklärte Sedlatzek, daß er alle Behauptungeil aufrecht erhalte. Das Buch sei von einem katholischen Geistlichen aus Grund vatikanischer Bücher versaßt worden. Staatsaiiivalt Strähler hielt es für gerichtsnotorisch, daß die über die Juden ausgestellten Behauptuugen längst widerlegt seien. Der Talmud sei heute weder ein Glaubeiiskoder oder das Wort Gottes für die Illden, noch die eiilzige Regel für ihren Glauben, ihren Ritlls und ihre Gebräuche. Sein Inhalt fei mir wenigen Gelehrten unter den Illden bekannt; alle in den Artikeln eilthnlteu.ii Angriffe feien llilbegründet und in hohem Grade beschimpfend. Er beantragte gegen Sedlatzek drei Monate, gegen Dittmar sechs Wochen Gefängnis. Sedlatzek erklärte, daß der Antisemitismus nicht die Religion der Juden bekäiilpfe, sondern nur die Rasse. Der Talmud sei heute noch ebenso giltig wie früher und noch heute die Grundlage der jüdischen 'Ileligion. Er bitte hierüber den Professor Dr. Rohling in W'ag, den Privatdozeuteil Dr. Georg Beer in Breslau lind den Privatdozenten Dr. Jakob Ecker in Riünster zu vernehmen. Der (Gerichtshof.lehnte die Anträge ab, da er bei dem Angeklagten die Ueberzeuguug vorausfetzte, daß die lehren des Taliuud noch von einigen Juden beobachtet würden und erkannte auf Freisprechung. Wenn die einzelnen Ausdrücke auch befchimpseuder Natur seien, so müsse doch aiigeiloiiimen werden, daß nicht die jüdische Religiousgesellschast als solche, sondern nur diejenigen Juden getroffen werden sollten, die dem Talmud noch folgen. — Am 8. d. M. stand der 21 jährige Redakteur des ..Badischen Volksboten", Adam Schwaiger unter der Anklage -eines Vergehens gegen £ 166 R.-St.-G.-Bvor dem Schwurgericht in Ri a n n h e i ni. Die 'Nr. der gen. Zeitung vom 1. Dez. v. I. enthielt einen Artikel: ..Judenmoral", in de»l die Behauptung, der Talmud erlaube den Juden nicht nur Raub, Riord, Diebstahl, Betrug uud sonstige Schandthaten den Ehristen gegenüber, soiidern lege ihnen sogar solches als Gewiffenspfiicht auf, zum Ausgangspunkt einer Reihe unflätiger Äilgriffe auf die Illden gemacht wurde. Der Angeklagte erklärte, es sei ihni fern gelegen, die Juden als Religiousgeineinschaft anzugreisen, sein Angriff gelte der Nation, der Rasse. Ein Talmudkenner wie Rabiner Dr. Steckelmacher, der . als Sachverständiger vernommen wurde, widerlegte die Behauptung, als enthalte der Talmud Aufforderungen zu Verbrechen, iil einem gründlichen Vortrag. Der Talmud besitzt die Tendenz: Was Du nicht willst, daß man Dir thu', das füg' auch feinem andern zu. Der Verteidiger des Angeklagten führte aus, die Voraussetzungen des ff 166 seien weder subjektiv noch objektiv gegeben. Der Antisemitismus richte seine Angriffe nicht gegen die jüdische Religion, sondern gegen die Rasse. Das Reichsgericht stabe in zwei ähnlichen Talmudklagen diese Anschauung vertreten. Die Geschworenen erklärten den Angeklagten für nicht-schuldig, worallf dessen Freisprechling erfolgte. — Was über diese Prozesse gesagt werden darf, das rvolle mail iil dein Aussatz über Religion und Rasse in dieser Nr. Nachlesen. — Die Strafkammer in Böln verhandelte vor einigen Tagen gegen den Handelsmann Abraham David Düttinger, gebürtig aus Rußland, der unter der Anklage stand, widerrechtlich rituelle Handlungen als Religionsdiener nusgeübt zu haben, indem er zwei seiner Glaubensgenossen in der Spitzengasse traute. Die Handlung ging mit den üblichen Zeremonien, Umhängung des Gebetmantels über das Paar, Zerstörung eines Weinglases u. f. w. vor sich, woraus der Beschuldigte über das Paar deil Segelt sprach. Aus deiil StaudeSnmte ist diese sogenannte Trauung weder vorher noch später angemeldet worden. Ter als Sachverständiger geladene Rabbiner Dr. Frank-Böln erklärte, daß nach jüdischem Ritus zur Vollziehung der Eheschließung ein Religionsdiener nicht erforderlich sei. Es genüge, daß der 'Bräutigam der Braut den Ring anstecke mit der Erklärung, daß er sie zu seinem Weibe nehme. Der Segen könne über das Paar von einem M'itgliede der Geineinde gesprochen werden. Das Urteil des Gerichtshofes lautete auf F r e ifpr e ch u n g. — So berichtet die kölnische Zeitung. Dieses Urteil wird nicht verfehlen, Aufsehen zu erregen. — D r. Sigl, ebenso als Mitglied des Reichstages wie als Redakteur des „Bairischeil Vaterland" bekannt, trumpft trotz seiner antisemitischen Gesinnung den katholikenuild judenseindlichen Sachseil urkrästig ans. Er schreibt in seinem Blatte: ,.Pon dem Fanatismus und der Ilndnldsamkeil der Sachse,kann man sich keine» Betzriff machen. Dropdem diese Mucker fast ganz unter sich sind und es fast gar keine .ctatholiken oder Inden dort giedt, würde man gerne die beide», Inden und Katholiken vom Erdboden vertilgen. In einem Punkte lästt inan aber.Katholiken und Juden >vie bei der Firma zlatbreiner eine Existenzberechtigung zu, nämlich als solventen .U an fern. Da und ihnen Inden und'üra'tlioliken reckt.! 'Wenn die Inden, deren (stroschändler die Hauptabnehmer der sächsischen Produkte sind, mehr rspnt de corps hätten, würden sie die ganze