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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · p. Seite 314

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 314 (sequence 10)
Language
German
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Seite HU. 5 c f (6 u r u n. Nr. 20. 11m dieselbe Zeit erwartete Josef im Gefängnis sein weiteres Schicksal. Abends während des Thees bei der Frau Marschallin beratschlagte der Staatsanwalt mit dem Präses, Josef „wegen Widemaudes gegen die Staatsgewalt, wegen Störung der öffentlichen Ruhe, wegen Erregung von Verachtung der Regierung gegenüber, wegen Beleidigumz der Kirche" n. s. m. einen Prozeß anhängig zu machen. Diese Angelegenheit, von den Aussagen vieler „glaubwürdiger Personen" unterstützt und durch den beredten Prokurator gebührend motiviert, sollte vor das Forum eines Schwurgerichts gebracht werden. XI. _ Einige Sage später kam der Herr Moses nach Matinee aus Besuch, um das Geschäft perfekt zu machen. .staun: aber hatte er die Schankffube betreten, als ihm ein sonderbarer Anblick entgegenstarrte. In einem Winkel am Dfen saß Joses aus einem niederen Schemel, in schmutziger .stleidung und ohne Stiesel — wie verändert. Sein schmutzig-graues Haar flatterte um fein Haupt und um seinen verwahrlosten Bart; das eingesallene Gesicht war von zahlreichen Runzeln durchfurcht; seine völlig gebrochene Gestalt erinnerte ganz und gar nicht an den schönen und stolzen stausmann. Herr Moses erstaunte, an der Dhüre stehen bleibend. Joses gewahrte sofort den Gast. Er erhob sich von seinem Sitze, streckte aber nicht die Hand zum Gruße entgegeu. Sein (Besicht zog sich nur konvulsivisch zusammen und in seinem Augen blitzte ein unheimliches Jener. „Ah," ries er, „wie geht's Ihnen, Herr Moses. Sie sind wahrscheinlich um Ihrer Verlobten willen gekommen V Sie ist nicht da, o, sie ist nicht mehr da. Sie hat aus Sie nicht gewartet, sie hatte keine Lust zu warten." Moses' Erstaunen wuchs. „Was ist geschehen, geehrter Herr Zwiebelt Ich verstehe nicht, was bedeutet diese Ihre Miene und diese Kleidung?' Sitzen Sie, Gott behüte, nicht nach jemandem »Sdiiwoh?" (siebentägige Totentrauer).. „Was? Sie wissen nichts" rief Joses und seine Stimme zitterte vor Erregung und Dhränen. „Ich habe kein Lind, ich habe keine Tochter mehr! — „Was, was sagen Sie, Ihre Tochter ist gestorben r" „D, schlimmer, schrecklicher — wäre sie lieber gestorben!" Und diese Worte mit Anstrengung hervorbringend, warf sich der unglückliche Vater aus den Schemel und rang die Hände. „Und ich habe sie so lieb gehabt. Sie war mir eine Seele, das teuerste anf Erden, ein Auge im stopfe. Mein einziges, teures, süßes.stind! Für ne habe ich nichts gespart, für sie war mir nichts zu teuer; ich arbeitete wie ein Lasttier, lebte mie ein Bettler, nur nur für sie soviel als uiöglich anzusammeln, um ihr Glück zu sichern. Und sie, die Undankbare, sie hat mich verlassen, mein Herz und mein Haus verworfen, sich von unserem Glauben, unseren: Stamme losgesagt und ist zu den „gqjmd übergegangen." Und sein erbebendes Haupt in die Hände bergend, begann er wie ein .stind leise erschütternd zu weinen. Diese im gewöhnlichen Jargon oft zusammenhanglos hervorgebrachten' Worte' erklärten einigermaßen dem Herrn Moses die Situation. Da kam Ehaje aus dem zweiten Zimmer. Leblos wie gewöhnlich, nur in schmutzigerer Kleidung und auf Strümpfen, belebte sie sich etwas, den Gast erblickend. „Ru, sehen Sie, was für Unglück uns getroffen hat. Aber ich habe das schon längst vorausgesagt, immer pflegte ich zu sagen: Mein Mann, wozu diese Schule und viele Bildung, diese Bücher ujw die Grillend .steile wird verdorben, überladet sich den .stopf mit gottlosen Dingen und es wird schlecht fest:! Aber er wollte nicht hören — jetzt hast Du es, Du ,.Chodie:u'\ Sie sprach diese Worte kalt, beinahe höhnisch. ..Und wer konnte das wissen," sing Joses aus, „konnte ich das erwarten, daß sie mir meine Liebe, meine Arbeit und Sorgen aus diese Weise vergelten ivird? C, ich habe mir keine Tochter erzogen, sondern eine Rätter . . . Sie hat mein Haupt entehrt, mein Ansehen vernichtet, meine und ihre Seele getötet. Schauen Sie, das ist der Zettel, den sie mir zurückließ." - ..Und am Sabbat hat sie ihn geschrieben," fügte Ehaje bei. - - „Sehen Sie, sie macht mir Vorwürfe, aber zum Schluffe sagt sie: ,Lebet wohl und seid glücklich!' „Ich ohne sie glücklich, nachdem sie unsere Familie mit solch einem Flecken behaftet! Was werden die Leute sagend Deine Tochter ist eine Mesdimnmedes (Abtrünnige), und daran trügst Dn die Schnld, denn Du hast sie so erzogen. Man wird auf nlich mit den Fingern zeigen, aus der Gasse schimpfen, - das habe ich auf meine alten Tage erlebt! . ." Ehaje bejahte diese Worte mit ihrem Haupte. Herr Moses mar verwirrt und geniert. Er wußte nicht, wie er sich da benehmen solle. Joses beruhigte sich langsam. Jetzt ließ Ehaje ihrer Zunge die Zügel schießen: „Und sehen Sie," begann sie, „damit ists noch nicht abgethan. Der Rabbi hieß uns zivei Wochen ,Buße' sitzen, zweimal so viel als nach einen: geivöhnlich Verstorbenen, dem: sie ist doppelt gestorben. Und dazu hat sich mein Mann noch soviel Leid zugezogen. Prozeß und Arrest." „Und warum das?" ries Herr Moses neugierig geinacht. „Hören Sie. Ich weile in Dlmütz: da erhalte ich Mittwoch von hier einen Brief, daß sie spurlos verschwunden sei. Wie von: Donner getroffen, laß ich'S Geschäft, verlier' an den Dchsen, konune heimgeslogen und meine Frau erzählt nur alles. Sie wisse:: nicht, wie mich das schinerzte; sehen Sie, ich bin grau geworden und bin wohl um zwanzig Jahre gealtert. Ich renne zum Geiftlicheu, drohe, weine, — ja w einte vor ihn:, — bis auch ihm beinahe Dhränen in die .tresenen Augen' kamen, und er sagte mir, wo sie (ich befindet . . Ich laufe hin und mein .stind ist im stloster eingeschlossen. Ich gehe überall hin, flehe, werfe mit dem Gelde . . . es hilft nichts . . ich konnte sie nicht zu Gesicht bekommen. Auf den: Amte wurde nur gesagt, daß sie das 14. Lebensjahr bereits zurückgelegt habe und sonnt auch das Recht besitze, ihren Glauben zu ivechseln. Ich rvar ivütend und es ist ein Wunder, daß ich nicht wirklich wahnsinnig geworden bin. Da stehe ich eines Tages und schaue, ein ganzer Hausen Ehristen führt meine Tochter — — in die Z i r ch e. Jur .stopfe wurde es mir ganz wirr, ick) ward wie von: Teufel besessen. Ich stürze hinaus. Was ich gethan, was ich gesagt habe - - ich weiß es nicht, ich erwachte in der Aintsstube und habe nur einen Prozeß an den Hals gezogen." „Und wer weiß, was der Prozeß kosten wird!" fügte Ehaje bei. „Aber ich frage, warum hat sie das gemacht? Wozu? Ging's ihr denn hier schlecht? Hatte sie nicht alles im lieben fluffe: stleider, Ringe, Bücher und was ihr Herz begehrtes Und sie ließ das alles in: Stiche. C, sie wird es bedauern, ja sie wird es!" — 'Aach einer Weile schmerzlichen Hinbrütens

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