Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 313 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. § e s cH u r u rr. Seite 313. Menschbeit nicht mit übervollen könne, nur seitens der Inden beibehalten werden solle und müsse, so sei dies wiederum kein Univerfalismns. Man erkennt leicht, daß liier Mißverständnisse ans beiden Seiten obwalte,,. Es ist verkehrt, Ideen und Zeremonien in, Judentum derartig zu trennen, daß jene das Wesentliche, diese nur Nebensächliches, Formales und Entbehrliches enthalten. Zeremonien sind nur scheinbar verschieden und nicht willkürlich gewühlt, sondern konkrete Formen für ideelle Gedanken, der sichtbare Ausdruck der Ideen durch Handlungen für das Auge, wie die Worte des (Debets den religiösen Gedanken, die religösen Ideen vernehmbar für das Ohr darstellen. Freilich tragen die Zere,nonien das Gepräge ihrer Entstehung an sich nach Nationlität, Zeit- und Volks-Verhältnissen, während die Ideen allgemein und universell sind; aber auch die Zeremonien sind nach Form und Bedeutung dem Wechsel der Zeit- und Volksverhältnisse unterworsen, auch an ihnen ,nacht sich Fortschritt und Entwickelung geltend und bemerkbar. So verbinden sich ja schon im Pentateuch mit den historischen Erinnerungen der Feste auch Beziehungen zu deu späteren Agrarverhältnissen. Noch später verbindet sich mit der historischen Erinnerung des Peßachfestes die Beziehung zun, zukünftigen Messiasreiche; Schabnot gilt ausschließlich als Offenbarungs-, der erste Tischri als N'eujahrs- und Bußfest. Ist nicht die Stellvertretung des Opsergottesdienstes durch einen Gebetgottesdienst lange vor ihrer Verwirklichung vorbereitet; ist es nicht ein Fortschritt und eine durch die Eutwickeluug der Zeitverhültnisse hervorgerufene Einrichtung und notwendig gemachte Aendernng des Zeremouials, daß an die Stelle des nationalen Tempels in Jerusalem aller Orten Bet- und Lehrhäuser getreten sind, statt des Priesterdienstes Laiendienst eingesiihrt wurde? Und so fort. Irrig ist nur, daß die Zere,nonien entbehrt werden können. Der einzelne könnte in Gedanken beten und bedurfte nicht des konkreten und formalen Ausdrucks für die ihn bewegenden Ideen durch Wort und Handlungen, die Gesa,„heit sucht und bedarf zur Verständigung einen sicht- oder vernehmbaren Ausdruck für die gemeinsamen Ideen und Bestrebungen. Dies ist das Zeremonial. Das Bekenntnis des Einzelnen von dem Dasein und der Einheit bedarf keines lauten Schema, aber dasjenige der Gesamtheit und einer Versau,mlung von Gleichgesinnten wohl. Wenn alle diejenigen, welche unter verschiedenen Völkern und Andersdenkenden in, Gottesbekenntnis und in der Morallehre einig sind, sich nicht äußerlich verbinden und versammeln, so eristieren sie eben nicht als gesondertes und spezielles Religionsbekenntnis, dafür bedürfen sie gerade des zeremoniellen Ausdrucks. Ob das überlieferte Zeremonial des Judentums, welches seinen Ideen nach universell ist, einer solchen universellen Vereinigung aller Gleichgesinnten unter verschiedenen Völkern entspricht, ist eine andere Frage. Das Zeremoniell mag in vielem den nationalen Eharakter der Vorzeit an sich' tragen, aber das Judentum ist ivegen seines Zeremoniells nicht national zu nennen. Die Formen des Zeremoniells können ja geändert werden und sind geändert worden, aber entbehrt können sie nicht ,verden, eine Beschränkung ans die ausschließliche Annahme von bloßen Lehren ist nicht ausreichend. Die hebr. Gebetsprache giebt z. B. dem zeremoniellen Gottesdienste einen nationalen Eharakter; es sind Gründe dafür vorhanden, nicht nationale, daß sie allenthalben bei- ■ behalten wird, denn sie giebt gerade dem jüd. Gottesdienste und dem Ausdrucke der religiösen Ideen des Judentums für das zerstreute Israel einen einheitlichen und universellen Eharakter, aber ein religiöses Erfordernis ist die Beibehaltung der hebr. Svrache für den ganzen Gottesdienst durchaus nicht. Daß zunächst das universelle Religionsbekenntnis unter Israel heimisch wurde, damit waren ja die anderen Völker nicht ausgeschlossen. Sogar war dieses Bekenntnis ursprünglich nur aus die Person und die Fanulie Abrahams beschränkt, und doch hatte dieses damals und von Anfang schon den universellen Eharakter und die Bestimmung, Eigentnin der ganzen Menschheit zu werden. Abrahan, erhielt für sich und seine Rachkoinmen, das Volk Israel, den Beruf und die Aufgabe, dieses Bekenntnis in alle Welt zu tragen und zu verbreiten. Daß hierbei das religiöse Zeremonial zunächst für Israel einen speziellen und nationalen Eharakter annahm, thut dem Universalismus der Religion keinen Abbruch. Selbst wenn die universelle Ausbreitung der Religion sich verwirklicht, wird dieses Zeremonial vielleicht verändert, aber nicht entfernt werden können. Heute freilich ist dieser Svezialcharakter des Zeremonials für Israel noch zu bewahren, weil das jüdische Bekenntnis noch ausschließliches Eigentum JsrealS ist und Israel seinen, Berufe für universelle Verbreitung dieses Bekenntnisses erhalten werden ,nuß. R. Feuilleton. Entgleist! Eine galizische Erzählung von Wilhelm Feldma u. (Fortsetzung). Nachdruck verboten. Während dieser Minuten hatte Klara Höllenpein gelitten. Sie stand wie angewurzelt auf de,,, Flecke, das Blut strömte ihr nach den. Gesichte, im .stopfe sanfte es ihr und ihr Herz wurde von einen, heftigen unaussprechlichen Schmerze zusaminen gepreßt. Ein Schauer turchzuckte ihren ganzen Körper. Eine nebelhafte Empfindung ihrer Schuld, Entsetzen, Bedauern, Erbarmen, Zorn und Schau, vereinigten sich zu einer Kette, welche sie wie eine Schlange umschlang und würgte. Ihre Seele wurde von den widersprechendsten Gedanken zerrissen. Aber die Taufpaten umarmten sie herzlich. „Gehen wir, mein Kind," sprach der Herr Präses ruhig, das ist augenscheinlich irgendein Wahnsinniger." — Das ist irgend ein Jude," verbesserte die Marschallin verächtlich. Und zwei Gruppen zogen weiter. In der einen führten zwei gutruütige Fanatiker dem Pater Rain,und ein zartes Kind, den, die Füße wankten, und dem es vor den Angen flimmerte, zu, im zweiten geleiteten Polizeimänner und das „Volk" den sich sträubenden und fluchenden Josef, sich über ihn lustig machend und ihr Mütchen au ihm kühlend. Ter arme Vater sah wie ein Wahnsinniger aus. Er fluchte sich, der Tochter, der ganzen Welt; stieß gegen die Polizeimän.-er, Behörden und Geistlichen Drohungen ans. Rach einigen Minuten kniete Klara halb ohnmächtig in der Kirche. Alles drehte sich mit ihr im Kreise, ihre Bewegungen waren mechanisch, die Worte abgerissen. Das erste Gebet verrichtete ne mit gebrochener Stimme — man mußte es ihr vorsagen. Aber auch ihre Gedanken weilten wo anders. Die Marschallin war sehr unzufrieden, da sie bei ihr die erivnrtete Ekstase und eine andächtige Konzentrierung des Geistes nicht wahrnah,n.