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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · p. Seite 312

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 312 (sequence 8)
Language
German
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Seite 312. JefcHurun. Nr. 20. vm! V Zur Förderung der Geselligkeit soll es überall jüdische Vereine für Tempelgesang mit Festabenden geben. Durch diese soll auch der Synagogengesang gepflegt werden, damit wir endlich einmal die schmatzende in eine singende Gemeinde umwandeln und den Besuchern des Gotteshauses eine würdige und entsprechende Thätigkeit zuweisen. In jeder Gemeinde soll auch ein jüdischer Lesezirkel für Damen und Herren gegründet werden, wo mindestens einmal wöchentlich die Damen und Herren sich versammeln, jüdische Zeitungen und Bücher, die das jüdische Leben betreffen, lesen, jüdische Angelegenheiten besprechen und erörtern und von Zeit zu Zeit einen Vortrag über einen jüdischen Geschichts- oder Litteraturgegenstand hören. Es wird viel würdiger für uns sein und uns mehr Achtung verschaffen, wenn manche allzugeschwätzige Zunge eine jüdische Gemeinde-, Gottesdienst- oder Religionssache nicht gerade vor nichtjüdischen unberufenen Zeugen ün Gast- oder Kassehause, sondern im internen Kreise verhandelt. Die alte jüdische Sitte, daß die Ehewra-Kadischa in in einem dreijährigen CyelnS ein Festessen für alle Mitglieder veranstaltet, soll erweitert werden, daß es jedes Jahr stattfinde, und daß auch die Frauen daran teilnehmen. Ebenso soll jeder andere Verein, im besondern der Frauenverein in der Gemeinde alljährlich ein solches Fest den Mitgliedern zur Unterhaltung und Förderung der Vereinszwecke bieten. Die Briß Milah, die Barmizwah und die Hochzeit sollen sich wie in alter Zeit nicht aus die allerenasten Kreise beschränken, sondern wieder Gemeindefeste werden, und da man heutzutage auf den guten Bissen doch nicht mehr solches Gewicht wie in alter Zeit legt, möge man Menu und Tafel vereinfachen, dafür der geselligen Unterhaltung mehr Spielraum lassen und die wahre Freude fördern. Nicht zu übersehen und fast wichtiger als alles ist es, daß zu geeigneten Zeiten des jüdischen Kalenders große Kinder feste abgehalten werden, auch die Kinder sollen Freude am Judentum haben, denn die jugendlichen Eindrücke sind die wertvollsten und unverwüstlichen, und haben nur die Jugend, so haben wir die Zukunft. Gewiß wird es in jeder Gemeinde immer einige geben, welche die geringste, unbedeutendste christliche Gesellschaft und Unterhaltung der ausgesuchtesten und besten jüdischen vorziehen, die lieber Toleranzjuden unter Ehristen, als die Gleichen oder die Ersten unter Gleichen sein wollen, diesen werden wir ihre Freude nicht stören — es muß auch solche Käuze geben —; wer zu uns gehört, den wollen wir gern bei uns haben. Dieses Mittel der Geselligkeit könnte jetzt in unserer Zeit noch Wunder thun, würden viele, die sich in der Außenwelt zurückgestoßen, verschmäht und abgewiesen sehen, in unsere Kreise führen und an uns fesseln, weil sie in dieser herzlichen, innigen Atmosphäre sich wohl fühlen würden. Mehr als alle Reformen feit einem halben Jahrhundert, mehr als die verschiedenen renovierten SiddurauSgaben, mehr als die Solo-Arien christlicher Primadonnen in der Synagoge, ja mehr als die vollendetste Kunst des Predigers, der nicht gehört wird, tonnte unsere Frauen und Mädchen zum Judentum zurückführen, ihnen die alte unvergleichliche Liebe und Begeisterung für den Glauben und die Sitten ihrer Mütter und Väter einflößen — die alte jüdische Geselligkeit. Tie jüdischen Frauen und Mädchen kehren wie alle Frauen gerne zu ihrer alten Liebe, zu ihrem Judentume, zu ihrer Gemeinde zurück, aber unterhalten müssen sie sich, und unterhalten sollen sie sich! Sagt doch schon der Psalmist: „Dient dein Herrn mit Freude, kommt zu ihn: durch Jauchzen unb Frohlocken." Mimst» oder national? Bekanntlich ist die Behauptung unserer Gegner nicht neu, daß der Charakter des Judentunis national sei; Gott ausschließlich ein Gott der Juden, heißt es, Israel sein auserwähltes Volk, die Religion ausschließlich eine Religion dieses Volkes. Erst das Christentum, sagt man, habe den Charakter der Religion universell gemacht, der ganzen Menschheit einen Gott und eine Religion gegeben. So haben unsere theologischen Gegner stets gelehrt, unsere politischen Gegner haben dies in neuerer Zeit wiederholt und daraus die antisemitischen Gehässigkeiten, wie von der angestrebten Herrschaft der Juden über die Christen, gefolgert. Erst in neuerer Zeit trat Renan, abweichend von seiner früheren Ansicht, dagegen aus und gab wenigstens zu, daß bereits die späteren Propheten den universellen Charakter des Judentums betont haben. — Wir beabsichtigen nicht, hier diese Streitfrage auszutragen; uns giebt zu diesen Erörterungen nur eine Kontroverse, die vor einiger Zeit zwischen den englischen Zeitschriften: „The Contemporary Review“ und „Jewish Chronicle“ geführt wurde, Veranlassung. In dem erstgenannten Blatte ist die Frage: „Ls Judaism a trilml religion?“ („Ist das Judentum eine Stammesreligion?") oder mit andern Worten: „Hat das Judentum einen nationalen oder universellen Charakter?" behandelt worden. Der Verfasser dieses Aufsatzes unterscheidet zwischen den wesentlichen Dogmen, Lehren und Ideen des Judentums und dessen unwesentlichen Zeremonien, findet in jenen den universellen, in diesen den nationalen Charakter ausgedrückt und erklärt demnach daß das orthodoxe, zeremonielle Judentum national und nur das Reformjudentum, welches die äußeren Formen und Zeremonien der Religion abstreife und sich auf das Bekenntnis der Juden, die allgemeinen Lehren über Gott und Moral, beschränke, universell sei. Da aber noch kein Reformjudentum dieser Art existiere, so sei auch dieses Gedanken-Judentum noch nicht verwirklicht, existiere nur iu der Idee und Hoffnung. Die „«Jewish Chronicle“ kritisierte dieses neue Judentuui und erklärte, es gäbe kein Judentum ohne Formen, es existierte nur in diesen oder doch mit diesen; die Entfernung dieser Formen hebe das ganze Judentum auf; ein solcher Universalismus, der alle Menschen, wie gehofft werde, nicht blos zu dem Gott und der Moral der Juden bekehre; sondern selbst zu Juden mache, ohne ihnen das Zeremonial des Judentums auszuerlegen, sei ein Unding und würde das Judentum als lolches selbst ausheben; Sabbate unb Feste der Juden, welche angeblich aus die anderen zu den Lehren des Judentums bekehrten Völkern übergehen sollen, würden doch für diese in den historischen Erinnerungen an die Erlebnisse unserer Väter keine Bedeutung haben, Peßach z. B. doch von den Völkern nicht gefeiert werden können „zur Erinnerung au den Auszug unserer Väter aus Egypten". — Der Verfasser des also kritisierten Aussatzes replizierte gegen eine solche Deutung seiner Worte und gegen derartige weit ausgedehnte Folgerungen aus demselben; das jüdisch-englische Blatt aber hielt trotzdem seine Ansicht aufrecht und erklärte, wenir dann doch das jüdisch-nationale Zcremonial, welches ans die übrige

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