Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 311 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. 3 c f u r u n. Seite Hl 1. Jude» aufgestellteü Behauptungen widerlegt seien, denn das linden die vorzüglichsten deutschen Gelehrten, wie Delitzsch, Wünsche, Noldecke, Strack :c. gethnn. Wir lassen uns auch nicht irre wachen, und und, trotz aller, selbst ihrer eigenen Gegenbehauptungen überzeugt, das; die Faiseurs der „ctaatsbürgerzeitung" soviel gesunden Menschenverstand lind guten Geschmack sich bewahrt haben, um in ihrem Herzen dieselbe Meinung zu habeiC, wie der Staatsanwalt und wir. Aber einen Köder für den Plebs must sie haben, deshalb jongleurt sie vorläufig mit dem absichtlich mistverstandenen Dert des allerdings orakelhaft klingenden Erkenntnisses vom Reichsgericht über „Religion" und „Rasse", und inzwischen stellt sie sich dnmm und verlaiigt, wie ein Kind nach denl Monde, nach einer Uebersetzung des Talmuds. Um aber der Gefahr der Ueberschätznug der „Stantsbürgerzeitung" zu entgehen, wollen wir annehmen, daß sie wirklich so dumnl ist, wie sie sich selbst stellt, und ihr im Vertrauen sagen, das; für eine solche gewünschte Uebersetzung des Talmuds, eine ständige Kommission von hervorragenden Gelehrten niedergesetzt werden müsse, die durch keine anderen Interessen abgezogen, tu dieser Arbeit ihren ansschliestlichen Lebenszweck erblicken müstte, welche auch ihr ganzes besten anssüllen würde. Inzwischen aber, so hoffen wir, wird von der Staatsb. und von der durch sie vertretenen Reidlind Interessenpolitik ebensowenig mehr eine Spur vorhanden sein, wie von Du FI. XMiDeutinii iiiiö KMiBkit. Bon Rnbb. Tr. Kur rein, Tcplitz. <S ch l ii s;.> Der erste R'ansch der Freiheit war bald verraucht; schneller als man geahnt, hatte man sich in die Freiheit hineingelebt, als hätte man ne nie entbehrt. Das Alltagsleben nahm wieder seinen gewöhnlichen Gang. Da brach die Jahrtausende zur Geselligkeit erzogene Ralnr der Juden wieder hervor. Die Vicbc zur Geselligkeit wollte Nahrung und Befriedigung finden. Die Männer, die damals tonangebend waren, die in dem gelobten Land der Freiheit unsere Führer sein wollten oder zusein Vorgaben, hatten nicht die Fähigkeit in die jüdische Volksseele zu blicken, verstanden sie auch nicht, begriffen nicht, was die Gegenwart verlangte und der Zukunft not that, und Anschluß, völlige Hingabe an die große nichljüdiiche Gesellschaft war das Losungswort. Wir waren zum großen Teile auch gleich dabei, wir schlossen uns mit Herz und Seele, mit Leib und' Volum der großen Gesellschaft an, ohne zu bedenken, daß die Geselligkeit, Gleichheit der Empfiudungs- und Denkungsart, (üüllchheil der Erziehung, der Anschauungen und Wertschätzung zur Vorbedingung macht. Man ließ sich in der Gesellschaft in der ersten Zeit des aufftnoffenden Liberalismus uns gefallen, der Jude war in die Mode gekommen. Wer als liberal gelten und etivas erreichen wollte, brauchte einen Juden zum Erweise seiner liberalen Gesinnungstüchtigkeit, wie inan etwa Kornblumen, Gänseblümchen u. dgl. zu gewissen Zeiten und unter gewissen Verhältnissen ins Knopfloch steckt. Das hielt jedoch nicht lauge vor; nach und nach wurden wir trotz aller angeborenen Liebe zur Geselligkeit aus der großen (Gesellschaft hinauvgedrängt, in der sich nur noch einige Tolerauzjnden befinden dürfen. Niemand empfindet das schmerzlicher als unsere Frauen, die ja für die (Geselligkeit geschaffen, und denen sie die zweite Natur ist. Man macht ihnen oft und nicht ganz mit Unrecht den Vorwurf, daß sie den in unserer Mitte so weit reichenden Indisferentismns mit verschulden. Die Frauen interessieren sich nicht mehr sür's Judentum, hängen nicht wie ehedem mit ganzem Herzen und ganzer Seele daran. Die Schuld trifft aber zum größten Teile uns Männer selbst. Was boten wir innerhalb des Judentums den Frauen, das; sie ihre Liede zur Geselligkeit, ja ihr Bedürfnis darnach befriedigen konnten? Nichts, ganz und gar nichts. Ter Feiertagabend ist aus dein jüdischen Hause verschwunden, die ganze Sabbatfeier beschränkt sich bei einem kleinen Bruchteile aus den enrstündigen Tempelbesuch am Vormittag. Von Zusammenkünften, Unterhaltungen und Gesellschaften ist am Sabbat keine Spur mehr vorhanden, man verrichtet seine kleinen Besorgungen für den Sonntag. Ebensowenig haben die Männer Zeit an den hohen Feiertagen, sich mit ihren Frauen der Geselligkeit zu widmen, es ist ja schon genug, wenn man so viel dem Geschäfte raubt, daß man den Tempel besucht. Sabbat und Feiertag bieten somit nichts für die Geselligkeit. Die anderen Veranlassungen zur Geselligkeit, wie das Namengeben bei Kindern, Barmizwah und selbst die Hochzeiten verengen immer mehr ihre Kreise und haben längst ausgehört Gemeindeseste zu sein. Ter Bund Abrahams ist selbst da, wo er noch gefeiert wird, nicht einmal ein Familienfest mehr, geht übers Haus nicht hinaus, die Barmizwah ist oft nur eine steife Entgegennahme formeller Glückwünsche, ein höfisches Kommen und Gehen, hat keine Gesellschaft und keine Geselligkeit, und selbst eine Hochzeit mit ihröm „engsten Kreise", mit der drängenden Hochzeitsreise, die das Brautpaar, den Brennpunkt der Freuden, der Gesellschaft entzieht, bevor noch kaum die Gesellschaft sich so recht zusammengefunden, und welche die Geselligkeit nushebt, wann sie eben beginnt, ist nicht geeignet, viel zur Förderung der Geselligkeit beizutragen. Der Mann empfindet bas weniger, denn die Sorge im schweren Kamps ums Dasein verscheucht und unterdrückt oder läßt zumeist die Sehnsucht nacht Geselligkeit nicht auskommen; die Frau aber fühlt, je eifriger der Mann seinem Berufe sich voll und ganz hingiebt, um so mehr ihre Vereinsamung und sucht Gesellschaft, und da ihr eigener Kreis, das Judentum, ihr nichts bietet, wendet sie sich kalt von demselben ab und sucht fremde Kreise aus, drängt sich im gewissen Sinne anderen aus und verliert gleichzeitig die Liebe zu dem kalten freudelosen Judentum, um deffentwillen sie wieder von den Freuden der großen Gesellschaft weggedrängt wird. Es muß sich ein Gefühl der Bitterkeit in den Herzen der jüdischen Frau festsetzen, das von unberechenbaren Folgen für die ganze Zukunst begleitet sein kann; zu Hause wird ihnen nichts geboten, und in der Fremde erhalten sie keine warme Ausnahme. Was bleibt ihnen übrige illicht jeder hat das Zeug zum Märtyrer, doch viele die Neigung zum Ausreißen. Noch aber ist es nicht zu spät. Wir brauchen nur richtiges Verständnis und guten Willen, das Losungswort ist gesunden. Die (Geselligkeit, die Förderung der Geselligkeit müssen wir aus unsere Fahnen schreiben. In jeder Gemeinde müssen sich Geselligkeitsvereine oder Komitees bilden, welche jede Gelegenheit erfassen, nur gesellige Abende, Unterhaltungen zu veranstalten. Ehnnuka und Purim, Limchath-Thora bieten willkommene Anlässe zu Bergnüguugsabenden und Gesellschaften.