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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · p. Seite 309

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 309 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20. § e f u t u tt. Seite 30!). nicht inehr an seinem Platze, und die Religionsschule solle nach Moabit verlegt werden. Herr Direttor Hermann vom Vorstand vertrat den entgegengesetzten Standpunkt und zog sich durch besagte Disziplinlosigkeit das „Bedauern" des Herrn Juftizraks Meyer zu. Es wurde noch eine Weile die Frage erörtert „wo ist der Direktors" und alsdann die Sache bis zur vollständigen Aufklärung vertagt. Alsdann bewilligte die Versammlung für Reparaturen an den Gemeindegrundstücken die Summe von 20 SOO Mk. und für Ausbau der oberen Räume des Hauses Rosenstraße 2 l.0 000 Mk. Dann aber ivurde ein Erisapsel in die sonst so friedfertige Ölemeinschaft hineingeworfen. Die Einrichtung eines aus Herren und Damen bestehenden gemischten Chores in der neuen Synagoge, für ivelche die Summe von 2000 Mk. gefordert wurde, führte zu einer stellenweis scharfen kontroverse zwischen dem Vorstand, der diese Einrichtung befürwortete,und der Kommission, welche die Ablehnung beantragte. Im Namen der Kommission betonte Herr Stadtrat Dr. Weigert, daß ein Knabenchor, wie er jetzt bestände, allen Anforderungen genügen könne bei zeitgemäßer Reform und einem tüchtigen Dirigenten. Ans einer Denkschrift dev gegenwärtigen Dirigenten hob Herr Dr. Weigert einen Satz hervor, in dem der betreffende Musik- U'itcr es als Uebelstand hinstellt, daß die Chorknaben nach ftattgehabter Probe die ilnannehmlichkeit eines späten Rachbausekommens hätten, woraus zu schließen sei, daß Damen sich für den in der Synagoge ganz besonders eigneten. Sb der besorgte Herr wohl in dem Glauben sich befindet, daß in Zukunft der Vorstand für die Damen des Chors auf Gemeindekosten sichere, zuverlässige, gegen alle Fährnisse gefeite Herren als Begleiter und Schutz gegen die (Gefahren des Spreebabel stellen wird'( Hier hielt es Herr Louis Sachs für nngezeigt, den Vorhang fallen zu lassen, d. h, zu beantragen in geheimer Sitzung weiter zu beraten, iveil angeblich Personenfragen hierbei in Betracht kämen. Dieses Mal jedoch stockte die sonst so glatt gehende Maschienerie und der Antrag wurde abgelehnt. Runniehr erhob sich Herr Fuslizrat Meyer und sang der Versammlung ein moralisch Liedlein, um sie gewisser zu betören. „Die Macht des Gesanges," wenn er aus Weiberkehlen kommt, war das Grund- und Leitmotiv desselben. Er wußte gar erbaulich zu erzählen von der Würde und Erhabenheit, welche durch die Mitwirkung. junger Damen dem Gottesdienste verliehen würde. Unb als Gegenstück zu jenem erhabenen Bilde nahm der Herr Vorsteher sich die Knaben vor, welche heute ihre Sangeskräfte dein Gottesdienste widmen, und hielt ihnen eine Standpauke, daß den armen Burschen das Herz im Leibe erbeben mußte, er hielt eine Aenderung und Besserung dieser Zustände für alle Zeit und Ewigkeit für ausgeschlossen, kein noch ,o tüchtiger Dirigent, keine noch so straffe Disziplin vermag dem Verderben zu steuern, hier versagt Manneswürde und Mannestugend, und nur das liebliche und zarte Frauengemüt kann helfen. Die armen Knaben wurden von einigen der Herren Repräsentanten in Schutz genommen, während andere gleichfalls die volle Schale ihres Zornes über ihre schuldbeladenen Häupter entleerten. Auch die bekannten Orthodoren, die vor lauter Begeisterung ob des Gesanges holder Mägdelein die durch Knabengesang entweihten Räume der Synagoge in der Heidenreutergaffe verlassen und nun in der Lindenstraße allsabbatlich in froinmem Entzücken sich in den Himmel heben lassen, mußten in Parade aufmarfchieren. Nachdem der Streit auf diese Art lange hin- und hergewogt hatte, und der Vorstand das feierliche Versprechen gegeben, daß zur Beschwichtigung ängstlicher (Gemüter eine gute und dauerhafte Vergitterung an der für den Chor bestimmten Empore angebracht werden würde, kam man endlich zur Abstimmung, und siehe da, das Unerwartete ward zum Ereignis: mit einer Stimme Majorität wurde der gemischte Chor gerettet. Finis eoronat opus. Für den Religi o n sunter richt in höheren Lehranstalten wurden 3000 Mt. gefordert. Man traut seinen Augen kaum, wenn man das liest. In Berlin, wo inan bisher in praxi den Standpunkt vertrat, die Zukunft des Judentums fei am besten gefordert durch gar keinen oder doch möglichst wenig Religionsunterricht, ist man über Nacht zu einem Beschlüsse gekommen, dessen bloße Andeutung bisher schon genügte, dein Wagehals zuzurnfen: „Dein Odem spricht Hochverrat und Majestätsverbrechen!" Der Unterricht fall nur ein fakultativer sein und sich nur aus Religionsunterricht beschränken, nicht also auch die he br äi sch e Sprache mit einschließen. Wie mitgeteilt wurde, ist dieses neue Unternehmen das Ergebnis einer Korrespondenz mit dem Kultusministerium und dem Provinzialschulkollegium. Leider war die Antwort nicht recht ersichtlich auf die nicht unberechtigte Frage, ob das Ministerium den Vorstand §ur Initiative gedrängt hat, oder ob der Vorstand ganz aus sich selbst heraus, vielleicht bewogen durch manche freundliche Ermahnung aus den letzten Wochen zu diesem hochwichtigen Entschlüsse sich hat bestinnnen lassen. Vdn seiten der Herren Leonhard Sachs, Louis Sachs und Martin Simon wurden mit Recht beklagt, daß die hebräische Sprache vom Unterricht ausgeschlossen werden solle, und mit Recht betonte man, daß, wenn es in dieser Weise weiterginge', man allerdings nur noch Synagogen mit deutschsprachigem Gottesdienste erbauen könne. Wer der Urheber des (Gedankens, das Hebräische fortzulassen beim Religionsunterricht, gewesen, blieb gleichfalls dunkel» Ist es der Herr Minister, der der Sprache des „Alten Testamentes", das auch der christlichen Kirche heilig ist, so unsympathisch gegenüber steht, oder war der Vorstand so liebenswürdig, dem Herrn Minister begreiflich zu machen, daß durch das Erlernen der hebräischen Sprache die Schüler vielleicht Einbuße erleiden konnten an ihrem Deutschtum? U. A. w. g. 'Natürlich wurde die Position bewilligt. Der erste Schritt ist damit gethan, für das weitere mögen die zukünftigen Herren Repräsentanten sorgen, denen die Sorge um die Erhaltung des Judentums in der großen Gemeinde Berlin anvertraut werden wird.

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