Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- Seite 308 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 308. JescHururr. Nr. 20. so berufen sie sich aus ein religiöses Gefühl, das sie nie besessen. Die Maske herunter, Ihr Herren! __ Ihr eifert gegen den religiösen Fanatismus? Tausendmal besser noch der Fanatismus der Bigotterie, als der Fanatismus der Aufklärung! Und wenn es noch Aufklärung wäre, was Ihr verstündet und predigtet — es ist aber nur Auskläricht! Aus -er Knliner Kemeinde. g. Berlin, 13. Mai. Die Sitzung der Repräsentantenversammlung an: Sonntag war eine außergewöhnlich langdauernde. 31-> Stunde, von 11 bis 2l/o Uhr, saßen die Herren beisanunen, während bei sonstigen Gelegenheiten die Sitzungen bereits um 12 Uhr oder doch wenig später ihr Ende zu erreichen pflegten. Es lag eben eine sehr umfangreiche und in einigen Punkten hochwichtige Tagesordnung vor, und so kam es, daß auf der Zuhörertribüne außer den Zcitungsberichterstattern sich ausnahmsweise auch einiges sonstiges Publikum beiderlei Geschlechts eingesunden hatte. Den Vorsitz führte dieses Mal Herr Justizrat Dr. Tiktiu, der Vorstand war durch die stattliche Anzahl voit 6 Mitgliedern vertreten. Beweis' dafür, daß große Dinge im Schoße der Zeit sich vorbereiten. Es ivurden zunächst die Herren Oppenheim, 2eichtentritt, Ruß und Simon zu Revisoren der Hauptkasse bezw. des Depositorii gewählt. Der Bau einer neuen Synagoge im Westen der Hauptstadt hat allmählich greifbare Gestalt angeuommen. Wie der Referent der Baukommission, Herr Leonhard Sachs mitteilte, sind eine große Anzahl Grundstücksosserten eingelausen. Gezählt, gewogen und gemessen, sind sie doch fast alle zu leicht befunden worden, nur zwei derselben, eines in der Lützowstraße, ein anderes am Schöneberger User, können allenfalls in Betracht kommen. Die Kommission bittet numnehr zur näheren Prüfung der Angelegenheit um Einsetzung einer gemischten Tepu-- tation. Die Deputation setzt sich zusammen aus den Herren Repräsentanten Louis Sachs, Leonhard Sachs, Bodenstein, Tränket, Simon, Leichtentritt und Mauheimer, wozu sich noch vom Vorstande die Herren Jacoby, Bamberg er und Dr. Wiesenthal hinzugesellen. Eine Zuwendung von 6000 Mark au die Altersversorgungsanstalt durch Herrn Wilhelm Schneider wird dankend acceptiert. Die Kommission zur Fürsorge entlassener Strafgefangener ist mit ihrem langen Namen nicht mehr zufrieden. Der löbliche Drang nach Kürze wird für berechtigt erklärt, und die Kommission darf sich in Zukunft einfach „Fürsorge-Koimnission" nennen. Der Mietsvertrag mit dem Verein junger Kaufleute wird auf weitere zwei Jahre verlängert. Die Kommission hat eine Herabsetzung des Mietspreises von 1500 Nlark aus 800 Mark erreicht. Dasselbe ist der Fall bei den Hohenzollernsülen (Moabit, Bandelstraße). Dieselben werden aus weitere drei Jahre gemietet, die Mietssumme ist von 1W0 Mark aus 1200 vermindert worden. - Die fröhliche Gebelaune, welche die Versammlung zeitweise beseelt, hält an, und äußerte sich in einer großen Reihe von Subventionen, welche in Höhe von 75 bezw. 100 und 300 Mark an jüdische Kurhospitäler bewilligt werden, so in Ems, Soden, Kolberg Karlsbad, Marienbad, Franzensbad. Auch der deutsch-israelitische Geiiteindebuud erhält seine jährliche Subvention von 600 Mark. Einigermaßen erheiternd wirkte i es, als einer der Herren Repräsentanten verlangte, die Verwaltungen der Kurhospitäler sollten für die Unterstützung, die ihnen die Berliner Gemeinde spendet, wenigstens jedem Gemeindemitglied alljährlich ein Exemplar des Jahresberichtes übersenden, woraus ihm nicht mit Unrecht entgegencphalten wttrde, daß aus diese Weise die Unterstützungssummen von durchschnittlich 100 Mark wohl durch Porti und Druckkosten ausgebraucht werden würde. Nach den Kurhospitälern kamen die Seelenhospitäler an die Reihe, will sagen: die verschiedenen großen und kleinen Religionsvereine und Synagogen, die Berlin noch hat. „Der Menschheit ganzer Jammer saßt mich an" möchte man hier mit dem Dichter auSrusen, wenn man sieht, wie diese Zwerggebilde, in bester Absicht gegründet und zum Teil mit vollkommener Existenzberechtigung, ja sogar in vielen Fällen eine Notwendigkeit, im bitteren Kampfe ums Dasein um die Brosamen betteln, die vom reichbesetzten Tische der (Gemeinde herabsallen! Hub die Vertreter der Hauptgemeinde sind ja auch keine hartherzigen Barbaren, sie bewilligen, was ihnen notwendig erscheint, „zum Leben zu wenig und zu viel zum Verhungern", und so mögen denn jene kleinen Separatgemeinden noch einige Zeit ihr sieches Dasein weiterschleppen mit der homöopathisch bemessenen Dosis, die ihnen bewilligt wird. Einige besonders markante Beispiele werden wir nachher ansühren. Für jetzt wollen wir nur die Gemeinden aufzählen, denen die Unterstützung ohne weitere Bemängelung zugesprochen wurde. Es sind dies: Synagogen- Verein Moabit (1000 Mark), Louisenstädtischer Brüderverein Ahawas Reim (1500 Mark), Lippmann Tauß-Synagoge (600 Mark), Religionsverein Westen (1000 Mark), Synagoge Beth Zion (600 Mark), Religionsverein der Oranienburger Vorstadt (1200 Mark). Ein eigentümliches Verhängnis waltete über eine im Norden von Berlin gelegene kleine Synagoge, deren Namen wir, um die Gläubigen nicht zu alarmieren, verschweigen. Hier schlug die Kommission eine Subvention von 600 Mark vor, jedoch mit dem freundlichen Ratschlage an die betreffende (Gemeinde, so bald wie möglich von der Fläche des Erdbodens zu verschwinden, oder mit einer anderen Gemeinde sich zu verschmelzen. Es kam aber noch ganz anders. Um die Subvention desto gewisser zu erhalten, hatte der Lehrer der betreffenden Gemeinde in einem Schreiben an den Vorstand aus die Notlage der ihm anvertrauten Heerde in den rührendsten Tönen hingewiesen, angespornt durch die eigene Notlage, in welche ihn sein ans Uebersluß an Geldmangel noch nicht ausgezahlter Gehalt hineingebracht. Da mochten die Herren aber denken, wo solche Zustände herrschen, ist es eine Sünde, noch Geld hineinzustecken, und so wurde denn bis zur Klarstellung der eigentümlichen Verhältnisse die Beschlußfassung auSgesetzt. Eine andere Synagogengenieinde hatte um Hilfe gebeten, unter Hinweis auf ein Defizit von 2100 Mark. Um dieser Rot einigermaßen abzuhelsen, wurde die Summe von (500 Mark bewilligt. Wieder ein Synagogenverein bat umdie Vergünstigung, zwei Quartale des zu erhebenden Zuschusses sofort erheben zn dürfen, aus Gründen, über die wir den Schleier der Liebe decken wollen. Dem Verlangen wurde entsprochen. Für die Religionsschule eines Synagogenvereins im Osten wurden 1000 Mark als Subvention vorgeschlagen unb vom Referenten warm befürwortet. Da erhob sich am Vorstandstische Herr Justizrat Meyer mit dem Ersuchen, die Sache zn vertagen, denn ihm sei zu Ohren gekommen, der bisherige Direktor der schule fei