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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 307 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20. Aefchururr. Seite 307. meinde, vom Kaiser bis zum Synagogendiener. Daß der Kaiser, den thatsächlichen Verhältnissen und der Verfassung zum Hohn, „Kaiser des deutschen Reiches" genannt wird, sei nur nebenbei bemerkt, weil es zeigt, daß man in der Gemeinde Berlin in Bezug aus Unterschiede in der Titulatur nicht wesentlich Haber steht als jener östliche Gemeindevorstand, der das Prädikat Hochwohlgeboren allen obrigkeitlichen Personen gleichmäßig zuteil werden liesn Doch alles dies wird mich nicht veranlassen, jenen zu wehren, die deutschsprachigen Gottesdienst einzurichten wünschen. Wer liberal ist, wirklich liberal, und nicht blos so heißt, der wird dem Bau einer Synagoge mit deutscher Gebetssprache zustimmen, wosern eine genügende Anzahl von Gemeindemitgliedern vorhanden ist, sür die ein solcher Gottesdienst erwünscht und Bedürfnis ist. Die sogenannten liberalen wollen ihrem Programm zufolge Geivissenszwang nicht üben noch dulden. Ist Gewissenszwang von der anderen Seite bisher jemals versucht worden? Hat der Zelotismus vielleicht angestrebt, daß von Gemeindewege» die Tiergartenstraße entlang ein besondererKanal geführt werde, der den dortigen Anwohnern Gelegenheit biete, au dem entsprechenden Feiertage die traditionelle Sündenpromenade zu macheil und ihre Vergehungen in die Fluten zu versenken? Hat 5er Berliner Zelotismus vielleicht verlangt, daß von Gemeindeniegen Haarkünstler angestellt werden, die sür die Entfernung des unerwünschten Bartes durch die zwickende Scheere statt durch das Nasirmesier und für das Gedeihen der Eck-Docken sorgen? Hat dieser intolerante Zelotismus vielleicht den Zutritt zu den Gotteshäusern denen versagt, die nicht am geeckten Gewände Schaufäden tragen? Hat der Zelotismus in Berlin vielleicht die obligatorische EinftthrllNg der Geißelungen verlangt? Man hat von dergleichen nichts gehört, und in der That ist Intoleranz vonfeiten der allezeit bedrängten Lrthodorie in Berlin seit Jahrzehnten nicht geübt worden. Wohl aber ist man aus der anderen Seite, aus der sogenannten liberalen Seite intolerant gewesen, hat mail auf jener Seite Gewissenszwang geübt! Gewissenszwang ist es gewesen, baß in der Synagoge der Orthodoren in der Heidereutergasse Geiger die Kanzel bestieg, der ein großer Gelehrter war und dessengleichen ich in Berlin gern Wiedersehen illöchte, der aber an dieser Stelle Anstoß erregen mußte und der Gebetsversammlung ein AergerniS war. Einem Gewissenszwang schmählichster Art hat die sogenannte liberale Gemeindeverwaltung um Geldes willen zugestimmt, als sie sich zur Annahme eines Legates bereit erklärte, das kür Handwerkerlehrlinge bestimmt war unter der Bedingung/ daß die Stipendiaten sich verpflichteten, am Sabbat zu arbeiten.. Ich gestehe der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde das Recht und die Pflicht zu, bei Verteilung von Stipendien nicht auf die Lrthodorie des Bewerbers zu sehen. Wenn aber die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde einem unmündigen Stipendiaten die Verpflichtung zur Verletzung einer Religionssatznng auserlegt, so handelt sie unmoralisch und übt sie Gewissenszwang! In der ganzen Welt wird man keine Vertretung einer Kirchengemeinde finden, die bereit gewesen wäre, eine so nichtswürdige Bedingung zu akzeptieren. In jeder anderen Kirchenvertretung Hütte man ein unter solchen Bedingungen angebotenes Legat mit dein Ausdruck des Abscheus und der Verachtung zurückgewiesen. In Berlin hat der Liberalismus dieser Liberalen hieran nicht Anstoß genommen. Mit dem Gespenst des Zelotismus also, das in Berlin umgehen soll, wird man niemand schrecken, und was den Gewissenszwang betrisst, so ist er seither nur von den angeblich Liberalen versucht und geübt worden. Mit dem Abfall aber hat das Programm des liberalen Vereins Recht; das ist in der That ein „häßliches Schauspiel". Die guten Vereinsliberalen haben glücklicherweise ein Zaubermittel bei der Hand, das dem Zelotismus wehrt, den Gewissenszwang aufhebt und zugleich dem „häßlichen Schauspiel des Abfalls" ein Ende bereitet, und dieses Zaubermittel haben sie, das Programm sagt es, aus der Geschichte gelernt. Es besteht in der „Stärkung des religiösen Sinnes durch neue innerliche Impulse, die dann auch den Formen wieder den rechten lebensvollen Inhalt geben", es besteht in der Hochhaltung auch der „wesentlichen Formen" des Judentuins, die weiter entwickelt werden müssen, „damit sie nicht zu leeren Formen werden, sondern bleiben, was sie immer gewesen: der dem jeweiligen Kulturstand entsprechende gemeinsame Ausdruck religiösen Empfindens." Das ist prächtig gesagt — leider nicht ganz verständlich. Zunächst nrüßte ins deutsche übersetzt werden, was die „Formen" des Judentums sind, die der Entwickelung bedürfen und, wenn sie nicht leer sind, den „gemeinsamen Ausdruck religiösen Empfindens" bilden. Die Herren belehren vielleicht auch über die Bedeutung dieses „gemeinsamen Ausdrucks" und teilen mit, welche „Formen des Judentums" sie für „wesentlich" halten. „Von größter Wichtigkeit ist uns der Religionsunterricht unserer Jugend" .... „Dies religiöse Bewußtsein tief und unauslöschbar in die jungen Herzen einzugraben, muß unsere wichtigste Ausgabe sein; besser als behördlicher Zwang verbürgt uns die Einrichtung eines solchen Unterrichts unsere Zukunft!" So heißt es, teilweise sogar in pathetischem Sperrdruck, im Programm der Vereinsliberalen. Alan traut seinen Augen nicht. Die mit dem Schilde des Liberalismus sich deckenden Anhänger der Gemeindeverwaltung, die sür 14,000 jüdische Kinder drei Renomierschulen eingerichtet hat, die zehntausend jüdische Kinder ohne jeden Religionsunterricht läßt — eine Gewissenlosigkeit ohne Gleichen! — begeistert sich fyr den Religionsunterricht als die ivichtigfte Aufgabe — eine schnöde Heuchelei ohne Gleichen! „Die Kultur-Entwicklung im deutschen Judentuin, wie sie Mendelssohn angeregt, die religiöse Entwicklung, wie sie Zunz und Geiger gefördert, dürfen jetzt weniger denn je ins Stocken kommen!" _ Wiederum sehr gut gesagt, auffallend gut sogar, denn in diesem Satze des vereinsliberalen Programms findet sich nicht ein einziger Sprachschnitzer. Rur möchte ich die Unterzeichner des Ausrufs fragen, was sie von Zunz und Geiger, was sie von Mendelssohn wissen. Sie schmücken sich mit den 'Rainen jener Gelehrten, obwohl sie deren Schriften nie gelesen haben und nie verstehen würden; sie paradieren mit dem Namen dieses Bibelübersetzers, dessen Philosophie sie so wenig kennen wie seine Stellung zum Judentume. Nicht den Ahnherrn verehren sie um seiner Weisheit und Milde willen, sondern wenn sie ihn nennen, gedenken sie des Reichtums seiner getauften Enkel. So putzen sich die Vereinsliberalen, den geschminkten Jahrmarktsbuden-Schönheiten vergleichbar, mit einem Liberalismus, der ihnen fremd ist, mit Autoritäten, die sie selbst nicht kennen-

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