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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-17 · 20 (17.5.1895) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
20 (17.5.1895)
Date
1895-05-17
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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Seite 306. I e l cH 11 r u ri. Nr. 20. Der liberale Verein. Von M. A- $i l a u s n c r. II. Das Programm des liberalen Vereins sagt: Wir erleben 'beute, was die Geschichte so klar anzeigt: das; in Zeiten äußerer Bedrängnis Abfall und Zelotentum ihr Haupt gleichzeitig erheben. Das ist wunderschön gesagt und soll wahrscheinlich bedeuten, dal; wir die Bestätigung der geschichtlichen Erfahrung vor uns sehen, nach der äußere Bedrängnis Abfall auf der einen Seite, Zelotismus aus der anderen Seite fördert. An einer anderen Stelle sagt das Programm: es drohe die Gefahr, daß die bedeutendste Gemeinde Deutschlands aus Jahre hinaus als Versuchsplatz reaktionärer Bestrebungen aus allen Oiebieten unseres religiösen Lebens diene. An einer dritten Stelle findet sich die Versicherung, das; man keinen Gewissenszwang dulden werde. Wo hat sich in Berlin Zelotismus gezeigt? wo der Versuch, Gewissenszwang gegen die sogenannten Liberalen nuszuüben? Die kleine Zahl derjenigen Personen, die sich innerhalb der jüdischen Gemeinde unter einem Gewissensdruck fühlten, sind aus der (Gemeinde ausgeschieden und haben eine eigene orthodoxe Oiemeinde gebildet. Daß sie Zeloten rvüren, ist noch von keiner Zeit behauptet worden, und jedenfalls haben sie zelotische Oiesinnung nach Außen nie belhätigt. Innerhalb der jüdischen Gemeinde Berlin aber hat die Orthodoxie bis zur Stunde sich in der Abwehr befunden und ist sie von denen, die die Mehrheit hatten, in rücksichtsloser Weise gemaßregelt worden. Die sogenannten Liberalen verfügten über die Mehrheit in der Verwaltung der Gemeinde, als die gottesdienstlichen Veranstaltungen in Berlin einen östentlichen Skandal bildeten, weil die Gemeinde nur Geld hatte für opernhafte Gottesdienstveranstaltungen, aber kein Geld für die Errichtung von schlichten Gotteshäusern oder auch nur zur Miethe von Gebetssälen an den hohen Feiertagen. War es am Ende Zelotismus, der hier nach Abhilfe schrie und sie endlich erreichte? Mögen jene Herren doch sagen, wie sich der Zelotismus in Berlin bemerkbar gemacht hat! Sie werden es nicht sagen, denn sie wissen es nicht. Nur in einem Punkte ist die äußerste Rechte auf religiösem Oiebiete innerhalb der jüdischen Gemeinde erstarkt, und daß dies geschehen konnte, ist einzig den; sogenannten Liberalismus zu verdanken, der, ohne es zu wissen, eine Reaktion hervorgerusen hat. Das liberale Programm beklagt es, das; die Gemeinde eines Gottesdienstes mit vorwiegend deutscher Oiebetssprache entbehre, an dem alle, namentlich Frauen und Linder, mit vollem Verständnis und daruin auch mit rechter Erbauung teilnehmen können. Gegen die Einrichtung eines Gottesdienstes, bei dem man sich vorwiegend oder selbst ausschließlich der deutschen Sprache bedient, habe ich gewiß nichts einzuwenden. Das ist auch keine Frage des Liberalismus oder des JlliberalismuS, das ist eine Opportunitütssrage. Ich bin in keiner Weise erstaunt, daß es nach dreißigjährigem Regime des Herrn Justizrats Meyer und seiner Mitschuldigen in Berlin eine Generation von Ignoranten giebt, die hebräische Schrift mcht lesin und hebräische Gebete nicht verstehen können. Für diese giebt es keine andere Hilfe als deutschsprachigen Oiottesdienst. "Nur soll mau nicht davon faseln, daß der Notbehelf ein Fortschritt sein; nur sollen die Ignoranten, die üoiu Judentum nichts wissen, sich nicht als die Reformatoren „aus geschichtlichem Boden" ausspielen. Es ist möglich, daß der Fuchs in der Fabel, dem der Schweis abgeklemmt mar, mit Aufrichtigkeit seinen Mitsüchsen predigte, sie möchten sich des überflüssigen Anhängsels gleichfalls entledigen. Ich glaube ganz gern, daß die Herren aus ihre Unwissenheit sogar itolz sind und sich damit in Aufrichtigkeit brüsten. Der Beweis wird ihnen aber nicht gelingen, daß die Unwissenheit ein sehr neidenswertes Gut wäre. Ein Rat sei den Herren gegeben: Mögen sie einige Vorsicht üben, wenn sie ihre deutschen Oiebete sich aufsetzen lassen. Es ist nicht leicht, Oiebete zu verfassen, und ich zweifele, ob es in unserer Zeit überhaupt möglich sein ivird, aus diesen; Oiebiete auch nur leidlich Befriedigendes zu leisten. Was bisher prästiert worden ist, dürfte als abschreckendes Beispiel dienen. In Berlin existiert eine Resormgemeinde, die vorwiegend deutschsprachigen Gottesdienst hat. .kürzlich hat die Oiemeinde ein neues Oiebetbuch eingeführt und darin hebräische Oiebete in größerer Zahl als früher wieder ausgenommen. Weswegen mag das wohl geschehen sein? " Ich habe vor längeren Jahren einem Oiottesdienst in der Synagoge der Resormgemeinde beigewohnt. Ich hörte den Organisten, der die Orgel spielte und der "Nichtjude mar, anstimmen: „Kadosch, kadosch, kadosch adonaj Zebaoth", während der Vorbeter, der ivenigstens damals noch nicht getauft war, pathetisch ries: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!" Wenn die hebräische Sprache bei Orgelklang verständlich ist, so ist sie, nu'ine ich, auch ohne Orgelbegleitung verständlich. Ich habe wenigstens noch nie gehört, daß der Don der Orgel als Dolmetsch zu dienen iutstande wäre. Außerdem Hütten die Verfasser der Liturgie in der Resormsynagoge bei guter Gelegenheit sich auch den „Herr;; Zebaoth" etwas ansehen dürfen. „Adonaj zebaoth" ist ein wunderschönes Wort und bedeutet Herr der Heerscharen, der „Herr Zebaoth" aber ist eine unsinnige Sprachvermeugung, die fast vierhundert Jahre alt und nur für solche Personen genießbar ist, die keinen entscheidenden Wert daraus legen, zu verstehen, was sie sagen. Das hinderte natürlich nicht, daß der Vorbeter den Unsinn mit großer Inbrunst vortrug und die Oiemeinde ihn mit großer Andacht hörte. Es ist übrigens nicht nötig, zur Reformsynagoge zu gehen, um zu finden, daß es recht schwer sein muß, genießbare moderne Gebete in deutscher Sprache abzufassen. In den Gemeindesynagogen ist das Gebet für den Landesherrn in einer so elenden Sprache, in einem so jämmerlichen Stil gehalten, so würdelos, daß hier Unverständlichkeit ein großer Oieivinn wäre. Vor langen Jahren hörte ich in einer kleinen Oiemeinde des Ostens bei festlichem Anlaß den Vorsteher folgenden Drinkspruch ausbringey: „Unser hochwohlgeborener Herr König soll leben! unser hochwohlgeborener Herr Bürgermeister soll leben! und unser hochwohlgeborener Herr Stadtdiener soll leben!" Für den braven Mann gab es nur den einen Begriff der Obrigkeit, und die Obrigkeit begann ihm bei dem hochwohlgeborenen Herrn Stadtdiener. Das Oiebet für den Landesherrn in den Berliner Synagogen ist ganz nach jenem östlichen Muster nbgesaßt. Es beginnt mit dem Kaiser und dessen Hause, schlietzt dessen Minister und Räte ein, umfaßt Magistrat und Stadtverordnete Berlins, Vorsteher und Repräsentanten und Beamte der Oie-

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