Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 20 (17.5.1895)
- Date
- 1895-05-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mo. 20. Zatjrgang iv. llgemerne Merlin, 17. Wai 1895. Herausgeber. Ä. Levin, Verkin. Jefchurttn. Bezugspreis: Vierteljahrs. 2 Mir. Erscheint an jedem Areitag. Bezugspreis für das Ausland: Mir. 2,'»0. Au beziehen durch die Post _unsere Expeditionen und den Buchhandel Redaktion und Berlag: A>amburgerstr. 2 t. Anzeigen, die Zeile 25 H*f,, nehmen alle Anoneen-Erpeditionen sowie unser Bureau entgegen. Jnljalt: Wie sollen wir uns wehren $ II. Der liberale Verein. II. Von M. A. Klausner. Ans der Berliner (Gemeinde. Religion und Raste. Von Tr. M. Judentum und (Geselligkeit. Von Rabb. Tr. Knrrein. Universell oder national? Entgleist. Wochenchronik. Litteraiur. Lose Blätter. Brief- und -^ragekastcn. — Kalender. Anzeigen. Wie solle» mir uns nielgen? 11. Ton Ansführnngen des .Herrn „Nerijah" in der vorigen dir. gestatte ich mir einige Betrachtungen anzufügen, die vielleicht ebenso wie die Vorschläge dieses unseres ungenannten Landmannes der Beachtung nicht ganz unwert sind. Es giebt besonders drei Kampfesmittel, die uns, den Bekennern des Judentums, in dem uns ausgezwungenen Kampfe des Rechts gegen die Gewalt, der Wahrheit gegen die Lüge, der Menschlichkeit gegen die Brutalität zu Gebote stehen. An erster Stelle nenne ich das gedruckte Wort. Man darf nicht müde werden, die christlichen Mitbürger über das Wesen des Judentums aufzuklären, über den ethischen Gehalt des jüdischen Schrifttums zu belehren, die Vorurteile gegen die jüdische Individualität mit Hilfe der Geschichte, der Statistik und der Thatsachen des öffentlichen Lebens zu widerlegen. Die Redensart, daß alle Belehrung in dieser Beziehung erfolglos bleibe, oder daß dies bereits oft genug von verschiedenen Seiten und zu verschiedenen Zeiten geschehen sei, soll uns nicht abhalten, immer von neuem in die Arena einzntreten und immer den Kamps von neuem aufzunehmen, (lutta lapicksui cavat: auch die Dropsen der Tinte haben die Kraft, selsenharte Vorurteile zu erweichen, bis sie endlich in Staub sich auflöseu. Nächst dem schriftlichen muß auch das mündliche Wort benutzt werden, um den Anklagen und Beschuldigungen der antisemitischen Volksverführer entgegenzutreten und deren (Grundlosigkeit auszudecken. Das lebendige Wort, wenn es auch rasch verhallt, ergreift die Gemüter' unmittelbarer und mächtiger als die geschriebene und gedruckte Rede, läßt immer Spuren in den Zuhörern zurück und regt sie znm Nachdenken und zum Erwägen an. Ein drittes Mittel ist die gute Thal! Frei von jedem Rachegefühl, von jedem Groll, von jeder verdrießlichen Gemütsstimmung, von jeder leidenschaftlichen Erregtheit wollen wir, dem jüdischen Stammesnaturell folgend und geleitet vom Geiste des Judentums, immer und überall auch in interkonfessioneller Beziehung das Gute anregen, fördern und üben. So oft es im Gewühlt des gesellschaftlichen Verkehrs seine Stimme erhebt, wollen wir ihr gehorchen, jedes Widerstreben niederdrücken, jeden Mißmut in uns bekämpfen, als echte Bekenner des Judentums die Saaten, des Guten ausstreuen und nichts verabsäumen, damit sie zu genießbaren Früchten heranreifen. So wenig ein Erzieher durch den Ungehorsam, den Undank und den Starrsinn eines Zöglings sich abhalten läßt, seine pädagogische Pflicht zu erfüllen, hoffend, daß das edle Werk der Menschenbildung ihm durch Geduld und Ausdauer gelingen werde: ebensowenig dürfen wir mißmutig werden und die Herrschaft über uns selbst verlieren, wenn wir der Böswilligkeit und der Lust am Entstellen und Verdrehen begegnen. Die gute That besitzt eine pädagogische Macht; sie erzieht unsere Gegner allmählich, daß sie der besseren Einsicht sich nicht verschließen, und entwaffnet unsere Feinde nach und nach, daß ihre Feindschaft endlich besseren Regungen weicht. Sie — die gute That, — die wir selbst an unseren Gegnern vollbringen, ist in der Völkerpüdagogik oder in dem Rapport zwischen Stämmen und Konfessionen gleichsam der Anschauungsunterricht, der die Lehren, die vorgetragen werden sollen, verlebendigt, verkörpert, veranschaulicht und wirkt spontan, ohne daß irgend eine Absicht sich herandrängt, auf das menschliche Gemüt ein. An diesem Erziehungswerke, das ausgesührt werden muß, sollen die wilden Geister des Antisemitismus gebannt werden, können alle unsere Glaubensgenossen ohne Unterschied des Standes, des Ranges und des Besitzes sich beteiligen. Jeder, der im interkonfessionellen Verkehre Gelegenheit hat, sich als ein guter, teilnehmender, gefühlvoller, hilsebereiter und humangesinnter 'Mensch zu bewähren, trägt mehr oder minder zu dem großen und edlen Erziehungswerke bei und kann sich sagen, daß er nicht ein müßiger Zuschauer in dem großen Kampfe unserer Zeit bleibe. ÜZ. d\s> 12