Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · p. Seite 297

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 297 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608586--0431-9608595
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1(J. I e s ch n r 11 ri. Seite 21)7. 'L'ico die hier beigefügten Königlichen Edikte und Du wirst Dich überzeugen, uüc durch Dich — meim Dein Herz verschlossen bleibt — so viele Hunderttausende Deiner Glaubensbrüder samt Frarn'n und Kindern hingeschlachtet werden. Gieb aus die Mestias-Idee! Ermanne Dich von Deinem Freiheitstaumel! Die Zeit zu Israels Erlösung ist nach nicht angelangt. WaS ist Menschenkraft, wenn Gott nicht den Sieg verleiht? Verschließe nicht Herz und Ohr vor unseren Bitten und Flehen, sonst wird jüdisches Blut in Strömen fließen, und Du hast es verschuldet. Tu wirst in den Bann getlian und Tein N'ame ein Fluch sein fürewige Zeit." Dolches und noch mehr schrieben sie ihm im Glauben, sein Herz zu erweichen und ihn um das Metren seines Volkes willen, von seinem gefährlichen Wege abzuleiten. Aber wie bitter waren ne getäuscht. Er empfing die Briefe und königlichen Verordnungen nur mit Hohn und Spott und ging seines Weges weiter. Er plünderte Städte und Dörfer, tötete und nahm viele Perser zu Gefangenen und führte sie nach feinen Schlupfwinkeln in Bergen und Dhälern und richtete auch sonst noch große Verheerungen an, überall, wohin er und seine Horden kamen. Doch Gott schläst und schlummert nicht! Hilfe kam für Israel von ganz unerwarteter Seite! Der Türkenkönig, tributpflichtig den Persern und ein treuer Freund der Juden, kam nach langem Nachdenken — wie er die Gefahr von den Bedrohten abwenden könne, auf eine gewiß von Gott nur eingegebene Idee. Er schrieb an den Schwiegervater Davids, den er feit vielen Jahren als einen gottesfürchtigen und ehrbaren Mann kannte: „Du kennst die Gefahr, in welche Dein Tochtermann Dein Volk gebracht hat. Hoffe nicht auf eine Willensänderung des.Königs. Er zürnt und wird feine Drohung ausführen. „Eines Königs Zorn find Todesengel"!" „Glaubst Du vielleicht dem Schwerte zu entrinnen durch die Zauberntacht Davids? Ganz Israel ivird vernichtet werden, wenn das Perservolk und dessen Verbündete wie ein Mann aufstehen; auch David und sein Anhang, so groß auch dieser sein mag, und auch Du und alle, die sich unter seinen Schutz flüchten. Kein Jsraelite wird verschont werden. Ich kenne den Bernichtungsplan, ich iveiß, wie Volk und König nach Rache schnauben. Rur aus Erbarmen wird Euch Zeit gegeben, beu Empörer zu vernichten. Du allein kannst das Unglück von Dir, Deinem Hause und ganz Israel abwenden, in Deiner Hand liegt das lieben so vieler unschuldiger Männer, Fraueit und Kinder. Klette sie! Du vermagst es! Sei ein Mann. Schone nicht ein Menschenleben, wenn Hunderttausende fallen sollen! Dein Gott gebietet es Dir! Du verstehst inich wohl, ich zweifle nicht. Dein Name wird ein Segen fein für einige Zeck-" Zum ^Schlüsse noch versprach er ihm, nach Ausführung der Thal, die Summe von zehntausend Goldstücken, die sein Volk zwar bezahlen wird, für die er aber mit seiner Ehre tich verbürgt. Der Mann verstand den nur zu deutlichen Wink des hohen Schreibens, lud David zunt 'Nachtessen, berauschte ihn und uni die Mitternachtsstunde schnitt er ihm den Kopf ab, den er sodann einem Regierungsbeamten mit eigenen Händen übergab, und die Ruhe war wieder hergestellt. Wochen - (Hhronik. Bürgerliche Verhältnisse. * ii Die welken Blätter. Einem Berliner Antisemitenblatt wird aus Harzburg geschrieben: „Das sonst so friedliche Harzburg wurde kürzlich unangenehm aus dem Wiuterfchlafe gestört. Veranlassung dazu bot das ungualifizierbare Benehmen eines hiesigen Arztes, das längere Zeit hindurch das Tagesgespräch bildete. Dr. H. B., weiter eines Harzburger Sanatoriums, nach Namen und Aussehen unzweifelhaft jüdischer Abkunft, wird in irgend einer Sache vor Gericht als Zeuge vernommen. Bei Feststellung der Personalien fragt der betr. Amtsrichter leise: „Israelit?" — „Nein, Dissident", antwortet Dr. B.ziemlich erregt dem erstaunten Amtsrichter, dem von dem Diffidententume noch nichts bekannt war. Einige Stunden nach der Verhandlung erhält der betrestende Amtsrichter einen Brief, in dem der gekränkte Dr. B. ungefähr folgendes schreibt: „Durch Ihre Frage bei der heutigen Verhandlung, ob ich Israelit fei, haben Sie geglaubt, mich ungestraft unter dem Deckinantel Ihrer richterlichen Funktion beleidigen zu können, und ich fordere Sie auf, binnen 24 Stunden zu erklären, daß di>'s nicht in Ihrer Absicht gelegen hat, widrigenfalls ich Ihnen ineinen Sekundanten schicken werde!" Der betrestende Amtsrichter antwortete darauf, daß er sich zu der verlangten Erklärung nicht verpflichtet fühle und der Forderurig ruhig entgegensähe, im übrigen aber gezwungeit wäre, den Brief feiner vorgefetzten Behörde einzureichen. Es erfolgte alsdann thatfächlich eine Pistolenforderung; die Sache wurde indes durch Vermittelung vereitelt. Diese sonderbare Empfindlichkeit, welche die Juden an den Tag legen, sobald ihr Judentum auch nur erwähnt wird, macht doch einen eigentümlichen Eindruck" —r Es ist tieftraurig, daß ein jüdisches Blatt in diesem Falle den Auslastungen eines antisemitischen zustimmen muß. Gott bess're es! * Die kircheupolitischen Reformen im ungarischen Reichstage. Im ungarischen Reichstage hielt Abgeordneter Prof. Dr. Armin Reumann bei der neuerlichen Debatte über die Rezeption der Juden eine bedeutsame Rede. Er betonte, daß die Regierung durch den betreffenden Gesetzentwurf jener Religion im Kreise der anderen rezipierten Religionen das Bürgerrecht verleihen wollte, welche den Glauben an einen Gott der Welt zuerst verkündigt hat, gleichzeitig aber jenen Hunderttausenden von Staatsbürgern eine moralische Genugthunng zu geben wünscht, die in guten und schlimmen Tagen an dem Aufbau des ungarischen Staates teilnahmen. Die ungarischen Juden haben die Rezeption nie als eine erklusiv-jüdische Frage betrachtet, sondern nur als Ergänzung und Ausweitung jenes Systems, welches die ungarische Nation auf Grund ihrer geschichtlichen Entwicklung den anderen im Staate seit längerer Zeit benndlichen Religionen gegenüber beobachtet. Vom erklunv - konfessionellen Standpunkte aus berge der ganze Kompler der kirchenpolitischen (besetze für keine'Konfession größere Gefahren in sich als für die jüdische. Allein die Juden haben trotzdem sich um die von der Regierung entfaltete ,valme geschart, weil sie ihre konfessionellen Interessen den höheren <^taatsinteressen unterzuordnen wünschen. Der Uebertritto-Paragraph, welcher den größten Stein des Anstoßes bildet, habe leine praktische Bedeutung, da die jüdische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.