Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 295 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Seite 205. it c u rt. Feuilleton. Entgleis! (5-ine qalizische Erzählung von Wilhelm Feldman. «Fortsetzung) Nachdruck urrdoir». Dags darauf langte der Pfarrer Andreas mit VUara erst gegen Mittag i» D., einem der grüneren Städte (Galiziens an. Sie hatten in der vorangegangenen Nacht mit Wagen und dann mit der Eisen Hahn etiva 20 Meilen znrückgelegt. Klara rvar ruhig; die Eindrücke der nächtlichen Neise und das (Gespräch hatten ihre Niedergeschlagenheit verscheucht. Sie saß neben dem (Geistlichen mit der Ungezwungenheit und dem Vertrauen eines Mädchens, dem noch alle Lebensverhältnisse fremd sind. Als sich ihrer unterwegs der Schlaf benrächtigte und sie unbeweglich ruhte, sich an ihren (Gefährten und Beschützer lelmend, sirierte er sie aufmerksam und wehmütig und mußte gestehen, das; sie ein schönes Mädchen, ivie man solche wenige findet, sei. In C. begabsich der Probst Andreas, der schon mehr als ein Schäslein bekehrt haben dürste, mit Klara zur Frau Bezirksmarschailin. Die Frau Marschallin war ob ihres Eifers, die Inden zu bekehren, in der ganzen liegend bekannt. Das unu' ibre einzige Lebensaufgabe, die einzige Idee, ivelche im (Seiße dieser reichen und sich langweilenden Dame herrschte. Der Berivirklichnng dieser ihrer „Mission" opferte die Frau Marschallin ihr Netzen inid Vermögen. Sie hatte aber auch den Droü, das; sie, einige jüdische Müßiggänger und (Sassenjnngen bekehreitd und durch einige Zeit deren Unterhalt aus Eigenem bestreitend, als „heilige Frau" ausgeschrieen wurde, obwohl das Werk ihrer Hände, die Däuslinge, an Müßiggang und leichtfertige Lebensweise gewöhnt, dann in den Strafhäniern oder hinter einem Zaun endeten. Das verringerte aber nicht ihre Verdienste der Welt intd (Sott gegenüber, — ivie dies der Pfarrer N'aimnnd versicherte. Die Frau Marschallin empfing die (Säße sehr höflich. Vorher sprach imt ihr der (Seißliche allein, ihr Klara'S Lebens- und Denkweise schildernd. Sie ivar entzückt, denn solch ein Braten hatte sich ihr noch nie dargeboten. Schließlich beschloß sie, das; Klara vorläufig im Franenkloßer des DrteS Wohnung nehme, um da die (Srundsätze der Religion zu lernen. Einigemal in der Woche habe sie zur Frau Marschallin zum Dhee zu kommen und erst nach zwei Wochen habe ihre Dause >n der römisch-katholischen Kirche stattzusinden. Der Pfarrer Andreas machte daraus ein verdrießliches (Seßcht, aber die Marschallin schloß: „Der griechisch-katholische (Slanbe iß für Bauern gut, nicht aber für den Adel und die Intelligenz". Mit ruhigem Gewissen, versichert eine gute Dhat vollbracht zu haben, und über die (Sottesgelahrtheit der Frau Marfchallin den Kops schüttelnd, fuhr der Pfarrer nach Hause. X. Am Ringplatze und in den Straßen der Stadt D. herrscht eine ungewöhnliche Bewegung und großes (Sedränge. Die Bürger in ihren langen Kappröcken und Lamm-Mützen lhun sich in (Sruppen zusammen und sprachen lebhaft unter einander. Hier und da nähert sich einer (Sruppc ein Bauer, schüchtern tind neugierig, ilnb wenn ein Jude vorübergeht, schauen ib: alle höhnisch an. In einer (Sruvpe giebt ein grauhaariger Fleischer, der zugleich in der Kirchenbrüderschast ein „älterer Bruder" iß, den Don an. Die wichtige Person ist mit einem kugelrunden Kopfe, mit büschelartigem Schnurrbarte und mit einem dreifachen Kinne geschmückt. „So wird heute also", erzählte er den Neugierigen, die Dause schon stut finden. Aber ich sage euch, eine Jüdin, sein wie eine Himbeere. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen bei der Frau Macschallin gesehen. Und was sprechen nicht die Leute von ihr. Man sagt, daß sie die Dochter eines gelehrten Nabbi's, eines .,schem<‘-moi'eint‘“ fei, ha, ha, ha! Der Alte wollte das Mädel an ein frommes „Iüngel" verheiraten, sie ivar aber gar zu eingebildet. Der Alte giebt ihr Geld und sie behauptet weiter das Ihrige. Da denkt sich der Alte, darin muß was stecken. Und richtig. (Setade am Sonntag nach der „Kugel" kommt ein junger Herr ungefähren, irgend ein Anverwandter unserer Frau Manch all in, entführt die Jüdin und fort gehts. Wie er seinem Pferde die Zügel schießen läßt, hält er'erst hier an. Ha, ha, ha'. Nun kommt (Sevatter Iederzej in die Kirche, um dieses Wunder auzufchauen. Und wißt ihr nicht, iver die Dauspaten sein werdend „Nun, wer?" - „Die Frau Marschalli» und der Herr Präsident!" „Dho, darin steckt was. 'Natürlich iß das keine gewöhnliche Jüdin." Bei den übrigen Häuflein wird im ähnlichen Sinne geplaudert. Man erzählt sich die ivunderlichsten Dinge von der Jüdin, ivelche heute getauft werden soll. Unter anderm ivird erzählt, daß die Juden das Kloster überfallen und die Ihrige entführen wollten, aber die Marschallin habe sie zu sich ins Hans genommen. Und viel Volk geht nach der ..Herrengasse" vor das Haus der Marfchallin, von wo baldigst „viele Herrschaften" nach der Kirche, zur ostentativen Dause, ausbrechen sollen. Denn die eifrige 'Marschallin hatte bei dieser Gelegenheit eine große Agitation entfaltet, die „ganze Intelligenz" der Stadt eingeladen, die Lebensgeschichte „ihrer Pupille" überaus dramatisiert, um aus diese Weise — wie sie sich ausdrückte heilbringend ans die Stadt zu wirken. Sie wollte daß die Dauffeier sich glänzend und iinposant gestalte, und dadurch „den Geist des Ehrißentnins heben und auch die übrigen Juden animieren" .... Und wirklich kam gleich der ganze Ing der heransßassierten Herren und Damen zum Vorscheine, in der Mitte — von dem langen, knochigen Präses und der kleinen wohlbeleibten Marschallin geführt — Klara — blaß — verwirrt — den Blick gesenkt. Aus der Menge schlug das Flüstern an ihr Dhr, sie sah, wie mit Fingern aus sie gezeigt wurde, was ihre Schüchternheit noch erhöhte. Kaum hatte die Gesellschaft einige Schritte zurückgelegt, als ein (Sedränge und Dumult entstand. AuS einem Eckhause stürzte ein nachlässig gekleideter Mann, mit zerzaustem Barte und wild anssehend, und sich mit seinem Stocke durch die Menschenmasse drängend, ries er in tonloser Stimme: „Mein Kind, meine Klara!" „Was ist denn das V‘ ertönten Stimmen, und unwillkürlich machten ihm die Leute Platz. Dieser Aufschrei traf Klara jäh und gewaltig wie ein Donnerschlag. Am ganzen Körper bebend, wandte sie sich gegen die Seite, wo der Nus ßch hatte vernehmen lassen. Und dort schob Joseph, nicht zum Erkennen verändert, alle auseinander, und mit emporgeschwnngenem Arme, mit vorgebeugtem Körper drängte er sich in die vordersten Reihen. Dabei flüsterte er bald flehentlich, bald ries er drohend: „Laßt mich, laßt, iß das doch mein Kind, meine einzige Dochter . . . meine . . Klara! Schau mich an . . blicke M