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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 294 (sequence 6)
Language
German
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Seite 294. Jefcyurun. Nr. 19. lassen möchte. Wie weit darf er nun in seinem gesunden Zustande am Sabbat gehen? Das ist die Frage, um die es sich handelt! Es ist also eine nackte Unwahrheit, daß die Mischnah sagt: „Ein Dämon führt jemanden über die Sabbatgrenze". Die Mischnah spricht einzig und allein von einem geisteskranken Menschen, der die Sabbatgrenzen überschreitet u. s. w. Ich frage nun Herrn Wiener, was giebt es da zu lachen, zu höhnen, zu spotten?! Diese Krankheit und Getrübtheit des Verstandes, bezeichnet Nebbi Jehuda Hanassi mit dem klassisch-hebräischen Namen ,-y-i nr „böser Geist"! Deesen Namen finden wir ursprünglich bei Saul (Samuel 1 16, 14—15). „Und es schreckte ihn ein „böser Geist" von dem Ewigen. Da sprachen die Knechte Sauls zu ihm: „Siehe doch, ein b öser G eist von Gott schreckt dich!" Was der „böse Geist" bei Saul bedeutet, das weiß jedermann! Herxheimer z. St. schreibt: „Der Orientale nennt jede Art Wahnsinn „bösen Geist." In diesem Sinne sagt die Mischnah: (Sabbat 296) „Wer am Sabbat das Licht auslöscht wegen des „bösen Geistes", ist straflos". „Böser Geist", erklärt Maimonides in seinem Kommentar zur Mischnah d. i. die Krankheit der Melancholie. Menschen, die mit dieser Krankheit behaftet, fliehen die inenschliche Gesellschaft, scheuen das Licht, lieben die Einsamkeit, die Finsternis u. s. w. Und von einem solchen Menschen, der in seiner Melancholie die menschliche Gesellschaft flieht und dabei die Sabbatgrenze überschreitet ist in der von Herrn Wiener zitierten Mischnah die Rede. Alle Kommentatoren ohne Ausnahme (Naschi sagt „',ry“ rs-L'rj erklären diese Mischnah in dieser Weise. Wie kommt nun Herr Wiener dazu, dieser Mischnah „Aberglauben" anzudichten! Was hat Krankheit, Melancholie, Unzurechnungsfähigkeit mit Aberglauben gemein! Wie kommt Herr Wiener dazu, aus Kosten der Wahrheit Rabbi Jehuda Hanassi, den Freund des .kaiserlichen Philosophen Marcus Aurelius Antoninus zu verhöhnen, ihn ohne jede Ursache dem Gespülte und Gelächter der Welt preiszugeben! Herr Wiener scheint die Kommentare garnicht gelesen zu haben, denn wir können uns garnicht denken, daß er bewußt und mit Absicht die Wahrheit krümmt, um nur die Weisen Israels dem Gespülte preiszugeben! Er hat also die Kommentare garnicht gelesen, und er schreibt ein Buch über Talmud und Talmudismus!!! Raschi gebraucht ja allerdings den Ausdruck „iw >2 2^2' Ty*i nEiwr es ist ein Dämon in ihn gefahren und er ist geisteskrank geworden." Ist aber die Mischnah, ist Rabbi Jehuda Hanassi verantwortlich für die Floskel die Raschi gebraucht! Ist die Mischnah, die um fünf Jahrhunderte früher geschrieben war, verantivortlich für das, was ein Kommentator nach fünf Jahrhunderten schreibt?!: Aber auch Raschi sagt ausdrücklich, daß die Rede in dieser Mischnab von einem geisteskranken Menschen ist. Wen kümmert das weiter, wie sich Raschi die Krankheiten der „Psyche" erklärt! Bon 'Nerven und 'Nervensystem hatten die Leute damals keine Ahnung; wie anders sollten sie sich die verschiedenen Nervenkrankcnbciten, Melancholie, Hypochondrie, Trübsinn, Wahn u. s. w. erklären! Die heilige Schrift nennt diese Krankheiten „böser Geist" unb Raschi sagt „ein Dämon ist in ihn gefahren". .Dieser Ansicht waren danials nicht nur Juden, sondern alle Menschen und alle Kölker, weil man eine Erklärung für die Seelen- und Geisteskrankheiten suchte und keine andere, bessere finden konnte. Daher „soviel Abergläubisches und Gewensterbastes" im Talmud. Die Juden lebten eben inmitten verschiedener Völker, und konnten von den Anschauungen und Jrrtüntern dieser Völker nicht unberührt und frei bleiben. Was hat aber diese physiologische, psychiatrische Erklärung der Seelen- und Geisteskrankheiten mit dem .einzelnen, ganz bestimmten Falle zu thuri, wo ein geisteskranker Mensch, der später wieder gesundet, die Sabbatgrenze überschritten hat! Was giebt es da zu verhöhnen und zu verspotten! Was sagt denn Herr Wiener zum Spiritismus des 'Neunzehnten Jahrhunderts, in dessen Dienst hervorragende 'Naturforscher, ausgezeichnete Gelehrte wie Wallace und Erookes stehen! Wie weit ist es denn vom Spiritismus bis zur Dämonolgie! Kann und wird das Judentum etwa jemanden abhalten An- Hänger des Spiritismus zu werden! Und warum sollten die Juden im Altertum sich nicht einer Theorie zuwenden, die bei allen Völkern, bei den Egygtern, Indern, Chaldäern, Persern, Griechen, Römern u. s. w. verbreitet und anerkannt war! Wer weiß es nicht, daß die Juden die Dämonologie ihrer Berührung mit dem Parsismus verdanken! Warum verhöhnt Herr Wiener nicht all' die alten Völker, warum nur die Juden! Herr Wiener glaubt nicht, daß ein „böser Geist" jemanden über die Grenzen führen kann! Und was ist's denn anderes als der „böse Geist", der ihn selber über die Grenzen geführt, wir meinen, die (Grenzen der Wahrheit, der Bescheidenheit, der Ehrfurcht vor den Lehrern und Heiligtümern Israels! Ist es ivirklich Sache eines Rabbiners, Rabbi Jehuda Hanassi, die Mischnah, „den Brunnen, den Fürsten gegraben" zu begeifern und zu besudeln! Ist es wirklich Sache eines Rabbiners der Wahrheit und den Weisen Israels zugleich ins Gesicht zu schlagen?! Die Mischnah in Edojoth (P. 5. M. 6) erzähl: Jemand hat die gebührende Ehrfurcht gegenüber den Lehrern Lchemaja und Abtaljon verletzt und er wurde dafür bestraft. Er wurde nämlich in den Bann gethan und als er verstorbenen, rs V?pu hat das Gericht, als Symbol der „gebührenden Strafe, denen Sarg „gesteinigt", d. h. inan legte auf dessen Sarg einen Stein. Dasselbe Iehrt die Hnlachah (Maimonides Hilchot Tbalmud Tbora P. 7. H. 4.). Jede Zeit hat ihre eigentümlichen „Zeitsragen" und auch in unserer Zeit entsteht in Bezug aut die genannte Mischnah folgendes Problem, das ich den geehrten Lesern zu unter- .breiten mir erlaube . . . Die betreffende Frage ist für Herrn Dr. Wiener, glaube ich, von besonderem Interesse. Die Anhänger der Feuerbestattung werden bekanntlich nicht in einen Sarg gelegt, sondern deren Asche in einer heidnischen Aschenurne ausbewahrt. Wenn nun ein solcher Anhänger der Feuerbestattung zugleich ein Spötter und Verächter der Lehrer rmd Weisen Israels ist, da fragt es sich, wie kann man da das Urteil der obigen Mischnah vollziehen, wie kann man die schwache, dünnhalsige, zerbrechliche, heidnische Aschennrne „steinigen", ohne daß sie in Tausend Splitter zerschellt und zerfällt! Und ein Sarg existiert doch nicht! Das ist das Problem, um deren Lösung sich in erster Reihe die Anhänger jener heidnischen Theorie bemühen mögen; wir, für uns, glauben, der Tag ist nicht mehr fern, wo die Welt vernünftig, und die Äschenurne selbst eingesargt und für immer - begraben wird! (Ein dritter Artikel folgt.)

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