Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 293 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. n». 5 « | u r ü n. Seite 20H. die Armen, die Witwen und 'Waisen, der senile und fremde herangezogen werde und jeder Festtisch die (beseitigte it großziehe und ihr den größtmöglichen Umfang gebe. Als der Tempel zerstört, der jüdische Staat zertrümmert war, Israel sich ans fremdem Baden im Eril befand, und die drei Feste der Geselligkeit nicht mehr dienten, da ersaitd das Eril das Pnrimsest, eine neue Veranlassung zur Geselligkeit, welche dritthalb Jahrtausende ihre Wirkung nicht verfehlte. Es kam das traurige Mittelalter mit seiner Iudenlracht, Iudengasse und seinem Ghetta. das die Inden mit ehernen Pforten van der Außenwelt abschloß. Wenig einladend schienen die geschlossenen und geöffneten Tliore, wer nicht hindurch mußte, sehnte sich nicht hinein, nltd wer drinnen ivar, seufzte hinaus. Und trotz alledem lebte sich's im Ghetta nicht ganz so trostlos, wie es schien. Dem Ghetto ging es im allgemeinen, wie dem Inden iitsbefoitdere. Das Aentzere des Inden damaliger Feit machte den Eindruck des Häßlichen, Verabscheuenswerten, des (Gemiedenen und zu Meidenden, doch hinter dieser Hülle barg sich eilt edles Herz, eilt zartes ('H'imit, eine feinfühlende Seele, ein warmer Mensch, wie er draußen nur als Ausnahme zu finden war. So lebte im Ghetto eine Familie, die teilte Bad und Freud mit einander, fühlte sieh eins nitd gehörte zufainnten. Der Freitagabend und Sabbatnachmiltag, die Feste nitd Feiertage, Purim, (iluiimfii führten die ganze Gemeinde wie eine Familie zusammen, da war alles fröhlich und guter Dinge, da vergaß man allen Haß, allen Neid, da vergaß man die Schmerzen der Außenwelt und lebte nur den Freuden der Innenwelt. Und sie, derer so wenig Freuden außerhalb des Ghetto harrten, ne wußten iich so viele drinnen zu schassen, zu erfinden. Jedes neugeborene Kind, Knabe oder Mädchen, brachte fein besonderes, nicht ein häusliches, ein Familienfest, sondern ein Fest der ganzen (Gemeinde. Eine Barmizivnh, eine Verlobung. eilte Hochzeit gab Freude lind Gesellschaft für die ganze Gemeinde. Je ärmer die Welt und das Erben an Freuden wurde, desto reicheres Gemütsleben entwickelte sich im (Ghetto, desto eitger schlossen sich die Familien aneinander, und desto erfinderischer ivnrde man, sich selbst Freude' nitd (^liick zu bereiten, denn der Jude in lebensfreudig. Selbß als der Jude von allen Seiten in seinem Ghetto überwacht, jede freie Aenßerung mit finsterem Kerker und Folter umlauert und bedroht war, da verivandelten die Juden ihr Bellt ha tefilla <Bethaus) in ein Betli ha kette,sses < Fnsammenknnftsort), nnd da konnte der Rabbi über Edoms Blutgier, über Hainaus Judenhaß, über Amaleks Iudenhetze, über Egppiens Grausamkeit ilnd über die Strafen und das Ende der Judenfeinde, über die Hoffnungen ilnd die Inkunft Israels unbehindert reden. Daher kommt es ja, daß wir heutzutage, unter ganz geänderteil Verhältnissen und bei völlig unbehinderter Freiheit, im Gotteshause trotz moderner Drgel nnd gentischteiit Chor nnd selbst ohne diese Behelfe bei orthodorem Ritus, uns noch immer iits Vl ittelalter versetzt glauben, das Bethalis noch immer für eilten geselligen FnsammenkunstSort halten, mehr plaudern und iveniger beten, den gegenseitigen (Gedankenaustausch und oie lebhafte ungenierte Unterhaltung als die Hauptsache nnd Gebet unb Andacht als die Nebensache betrachten. Das ist ein Nestchen, das uns aus deur Mittelalter noch anhaftet, nnd von dem sich selbst unsere (Gebildeten lind a»t »reisten „Fortgeschrittenen" nicht lossagen wollen. Es ist aber anders geworden. Das Morgenrot einer neuen Zeit begann endlich aufzugehen, die milden Freiheitsstrahlen sprengten die verrostetet! Gitter des Ghetto, und wir, wir eilten, ja wir stürmten alle ausnahnilos — was nur Füße hatte zu laufen — aus dein Ghetto.hinaus. Nur manche Fehler, deren wir uns in der Hast nicht mehr eittäußern konnten, nahmen wir nolens volens mit und behielten sie, ohne ihrer uns draußen entledigen zu wollen. Draußen in dem großen freien Raum, welchen die Erde für uns alle hat, konnten die ihrem Kerker Entronnenen gar nicht zu sich kommen, nicht zur Besinnung ans sich selbst gelangen, gingen in dein Gefühle nnd dem Genüsse der Freiheit ganz ans und erschöpften sich selbst. Ans diesen Gründen suchten sie sich nicht, ja mieden sich sogar vorsätzlich, die ehedem so eng aneinander Geketteten; inan wollte frei sein, sich nicht mehr gegenseitig behindern. (Schluß folgt.) Dir jiid. Sjicifrjfffkc“, «an pabb. Dr. Ulimtr. t'Oii Robb. Dr. F. Mobil, Fnowrazlaw. *) il. Herr Dr. Wiener schickt seinem Buche ein „Vorwort" und ein „Nachwort" voraus. Der Unterschied zwischen dem „Vorwort" und dem „Nachwort" ist der: indem einen schmäht, in dem andern leiste r t er die Eebrer und Weisen des Dalmud. Herr Wiener hat aber auch alle Ursache dazu also zu handeln, denn im Talmud findet sich, wie er schreibt (S. 10 g) „soviel Abergläubisches und (ßespensterhastes. Statt unzähliger Beispiele nur das eine: Eine der allerherrlichßen biblischen Institutionen, ein Sabbatgesetz wird in der Mischnah Erubin 4.1. mit den Worten eingeleitet, wie es sich in dem Falle verhalte, wenn jemand von einem Dämon über die Sabbatgrenze hinansgeführt wird " Wer hört da nicht das Hohngelächter, in das Herr Dr. Wiener ansbricht, in dem Augenblicke, wo er diesen talmudischen „Aberglauben" niederschreibt! Also das und die Weisen Israels! Eiil Dämon führt jemanden über die Sabbatgrenze! Wer diese „Abgeschmacktheit" — wie sich Herr Wiener ausdrückt — niedergefchrieben! Kein (Geringerer als Rabbi Iehuda Hanaisi, der Verfasser und Redakteur des Mischnah, den man obendrein „unseren heiligen Lehrer" nennt, der das geistige Dberhaupt ganz Israels gewesen, — dieser große, unsterbliche Lehrer des jüdischen Volkes schreibt einen solchen „Unsinn"! Ein Dämon führt jemanden über die Sabbatgrenze! Was kann da am Talmud noch Gutes und Vernünftiges fein! Also die Anklage, die Beschuldigung des Herrn Dr. Wiener! Und was iß an dieser ganzen Anklage und schweren Beschuldigung? Kein einziges wahres Wort! Ich betone und wiederhole: kein einziges wahres Wort! Eitel Täuschung und Blendung! Die Ausgeburt einer Wahrheitsliebe, um die Rohling, Justusce. Herrn Wienerwahrlich beneiden könnten. Die betreffende Mischnah spricht von einem Kranken, nervöskranken geisteskranken, u nznrechnungvsähigen Menschen, der in, seinem kranken unzurechnungsfähigen Zustande die Sabbatgrenze überschreitet und dann, wieder beruhigt und zur Besinnung kommend, den Drt wo er sich befindet, ver- *.) F» beut erfteit Artikel sind folgende Druckfehler ,»i berichtigen: I>iig. 275'iii. Feile '>0: statt er reit des Fndeiilnms" „ Heroen" des Fndeni.; dai. 0. I. 14: statt „ (schallenderes" „<schebenderes"; F. 44 : »alt „ e i n _:)iabb." „ ii u u .\>err Aabb."; I. U:r: „damit es sie z» würdigen wisse»" „damit sie es auch zn würdigen wißen." v.,‘-