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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · p. Seite 292

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 292 (sequence 4)
Language
German
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Seite 292 c f tß u r u rt. Nr. 19. zu verleihen, in einigen politischen Tageszeitungen aukündigte, daß in Stettin sich ein Ausschuß gebildet habe, der für einen würdigen Empsaua und des Leides Notdurft der würdigen Gäste sorgen werde, und mit in diesen letzteren die Hörempfindung des metallischen Nachgeschmacks nicht zur Entwickelung gelangen zu lassen, den teilnehmenden Mitgliedern einen Zuschuß zu ihren Reisespcscn verhieß. Diese Verheißungen und an sich und namentlich für den unbeteiligten Leser unwesentlich, sie gewinnen aber an Interesse durch die begleitenden Umstände, die besser als eine langatmige Auseinandersetzung die Skrupellosigkeit kennzeichnen, mit der die Propaganda für den Verband betrieben wird. Der schon erwähnte Reklamebericht erschien in der. Reuen Stettiner Zeitung und anderen politischen Blättern am 14. April. (Gedruckt wurde diese 'Nummer am 13., geschrieben jener Bericht spätestens am 12. April. Die beteiligten Personen in Stettin aber, die das Ehrenkomitebildeil sollten, daben, nach der Mitteilung des ersten Gemeindevorstehers, erst aus der Zeitung Kenntnis erhalten von der Ehre, die ihnen widerfahren sollte, und den Ehren, die sie angeblich erweisen wollten, und die offizielle Einladung zu dem Verbrüderungsfeste zweier 'Nachbarprovinzen war ihnen noch später, am 15. oder 10. April, zugegangen . . . Aehnlich verhält es sich mit dem in Aussicht gestellten Reisezuschuß. Tie an die Mitglieder versandten Einladungskarten forderten in einer Nachschrift zur schleunigen Einsendung des rückständigen Beitrages für das Jahr 1894 aus, da „diese Beiträge zur teilweisen Erstattung der Reisekosten verwendet tverden sollen". Da ich von der Juristerei nichts verstehe, so bitte ich einen RechtSgelehrten sich zu äußern, ob dieser Täuschungsversuch als grober Unfug oder unlauterer Wettbewerb zu bezeichnen sei. Bis zum Eintreffen der Rechtsbelehrung wollen uni' die mildere Bezeichnung gelten lasten und das Intermezzo nennen: eine Episode aus der Komödie „Reicdsverbnud", die seit fast einem Jahre gespielt wird. Der Inhalt der ganzen Komödie läßt sich in dem Rahmen eines kurzen Referates nicht gut wiedergeben; hier müßten all die Versuch-', die sogenannte öffentliche Meinung, d. i. die publizistische Vertretung des Fudentums, über die Ziele, und die kleine Schar derer, die gegen 'ein Entree von 0 Mark dem Spiele zuschauen dürfen, über die Erfolge des Verbandes zu täuschen, registriert werden, allein für dieses Register steht mir heute kein Raum zur Verfügung. Es kann ja bei einer paffenden Gelegenheit, die sich wohl noch darbieten wird, zur Veröffentlichung gelangen. Auch ein ausführlicher Bericht über die Stettiner Versammlung wäre hier nicht am Platze. Denn welches Interesse könnte es für den Leser haben, ivenn er erfährt, daß zu dieser mit Aplomb augekündigten Versammlung außer den Beamten der Stettiner Gemeinde, die aus Höflichkeit, und den beiden Vorstehern der beteiligten Bezirke, die aus Pflichtgefühl erscheinen mußten, sich nur 8- 10 Beamte des Judentums aus den beiden vereinigten Provinzen eingefunden hatten? — wenn er erfährt, daß der schon wiederholt nicht genannte Klaqueur als einziger Akteur ausgetreten und unter lautloser Stille eine „Rede" geschlossen hat, die an Unklarheit nichts zu wünschen übrig ließ? — wenn er erfährt, daß die heilige Stille unterbrochen wurde durch einen Zuschauer aus Berlin, der mit dem französischen Satyliker die Komödie eine Posse und Rolet einen Schelm nannte? — ivenn er endlich erfährt, daß aus der Milte der Versammluiig dem Widersacher erwidert wurde, weil bekanntlich niemand der Düpierte feilt und jedermann lieber deit Schaden als den Spott tragen will? — welches Interesse könnte dies alles für deii Leser haben d Und tmnim sei der K o m ödie heute nicht mehr gedacht und nur noch dem Dorn b lisch ein besonderer Artikel gewidmet. vJ(. v. Mkiitiliil imii Okfrlliglifit. Von Robb. Tr. >rurreiii, Tcplitz. Gemeinhin hält man die Geselligkeit als eine Entwicklung und ein Ergebnis modernen Lebens Für uns Juden beginnt sie mit unserer Religion. Wie ein goldener Faden durchzieht die Geselligkeit die religiösen Erscheinungen, ja diese habeii oft den Anschein, als ob sie nur da wären, eine Geselligkeit zii erzeugen und zu pflegen. Wollte man die Geselligkeit in ihrem geschichtlichen Verlause in Israel verfolgen, so würde sich diese Geschichte zu einer jüdischen Religions- und Volksgeschichte ausweiten, so weit reichen ihre Aiifünge zurück und bis tu die Gegenwart lassen sich ihre Spuren verfolgen. Abgesehen davon, daß die geschichtliche Duelle unseres Volkstums die Familie der Patriarchen bildet, ist gleichsam in die Wiege des jüdischen Volkes schon die Geselligkeit eiugepsianzt. In der Rächt, in welcher die Freiheit Fsraels geboren wurde, mußten die Israeliten in geschlossener 'Gesellschaft ihr letztes Nachtmahl in Egypten verzehren, und seitdem wurde das Geburtsfest FsraelS stets in Gesellschaft gefeiert, und 'war ein Mittel zur Förderung der Geselligkeit und Gastfreundlichkeit, denn noch beute eröffnen wir den Sederabend mit der Aufforderung: „Jeder Hungrige komme und nehme an unserem Mahle teil, jeder Dürftige sei ein Genosse unserer Peßachfeier." Welchen Zweck hatte die Bestimmung der Religion: Dreimal im Jahre soll jeder Manu vor Gott dein Herrn an dem Orte erscheinen, den er sich auserwühleu wird? Sicherlich nicht oen einzigen, um nur das Dpfer nach Jerusalem zu bringen, oder dort zu beten, sondern um nebstbei die Geselligkeit 31t fördern und das Geineingefühl, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit zu stärken und zu kräftigen. Daraus deutet doch wohl die alte Tradition, daß der Tempelraum niemals zu klein sich erwiesen, um seine Andacht dort z".angloS verrichten zu können, und daß Jernsalem für alle Gäste genügenden Raum hatte. Horcht mail auf die- Stimmen der Propheten, die auf deiii Tempelberge begeisterte Reden hielten und vor dem ganzen Volke das Bild der Weltlage entrollten oder mit kleinen scharfen Pinselstricheu das wenig erquickliche Bild der inuern Lage Israels ausmalten; oder lauschte man den gelehrten Allseinandersetzungen der Rabbinen, die im Zauberspiegel Edoms das Doppelgesicht Roms, so ganz nach der Natur gezeichnet, hervorzuzaubern verstanden, so wußte jeder- .manu, daß mau nicht zu beten allein nach Jerusalem gekommen war. Die 9 bis 4 Millionen, die sich hier zusammenfanden, schufen die Vorstellung eines mächtigen Ich, erzeugten ein Kraftgefühl, das Bewußtsein der gegenseitigen Hilfe und Unterstützung. Wie die Zusammengehörigkeit der Gesamtheit durch die drei großen Feste stets im großen genährt wurde, so tragen diese Feste denselben Gedanken in die Familie im kleinen. Wünscht doch die heilige Schrift bei allen Festen, das; nicht allein die Familienangehörigen, sondern auch die Diener,

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