Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19. DesiHurun. Seite 291. und Vaterland, eine Mahnung bei solchem Anlaß an die Juden Berlins, ihre minder so zu erziehen, daß sie auch Deutsche bleiben der Empfindung nach (was, aus dem Galizische» in unsere Muttersprache übersetzt, wohl heißen soll: „Deutsche auch dem Empfinden nach"), muß den Verdacht erwecken, als ob solche Treue und solches Empfinden bei uns nicht festgewurzelt wären, als ob wir nötig hätten, zur Erfüllung selbstverständlicher Pflichten besonders angebalteu zu werden. Hiergegen lege ich Verwahrung ein. Es ist anmaßlich von den Herren des liberalen Vereins, uns Patriotismus zu predigen, anmaßlich uitd lächerlich zugleich, da unter ihnen nicht wenige sind, für die das Deutschtum neben seinen sonstigen bestechenden Eigenschaften wesentlich den Reiz der - Neuheit hat, nicht wenige, die sich der Treue gegen ihr Vaterland erst entschlagen inußten, ehe sie unserem Vaterlande treu zu sein sich vornehtnen konnten. Ich fühle mich nicht berufen, ihnen eitlen Vorwurf daraus zu machen, daß sie ihrer galizischeu oder mährischen Heimat die Treue gekündigt haben, denn das geht uns nichts ail. Sie sind zu uns gekommen und sollen willkommen sein. Wenn sie aber uns über deutsches Empfinden und deutsches Volkstmn belehren wollen, so ttiüssen wir das mit aller Entschiedenheit zurückweisen und ihnen sagen: Das versteht Ihr nicht und das geht Euch nichts an! Komödianten kommen zuweilen durch ihren Beruf in die Notwendigkeit, bei patriotischeil Vorstellungen in verschiedenen Mündern luitzmvirkeil. Sie müssen mit dem gleichen loyalen Ueberschwang hier den Hohenzollern, in Wien den Habsburgern huldigen, mit der nämlichen Begeisterung hier mit der schwarz-weißen, dort mit schwarz-gelben Flagge sich drapieren, mit derselben Inbrunst hier „Heil Dir im Siegerkranz" und dort „Gott erhalte unfern Kaiser" austimmen. Sie thun dainit nur, was voil ihnen verlangt wird, und sie thun nichts llnrechtes, denn nicht das eigene Gefühl sollen sie in solchem Falle zum Ausdruck bringen, sondern das Gefühl ihrer Hörer. Wer jedoch nicht auf der Bühne, wer im ernsteil öffentlichen ^eben solche örtliche Anpassungsfähigkeit zeigt, der ist ein komödiantischer Mensch, linb wenn er seine geschminkte Weisheit uns aufdrüngen will, so müssen wir ihm sagen, daß wir auf seiner Stirile das Kainszeichen der Ueberhebung und der Heuchelei erblicken. Das. PrograulNl des liberalen Bereiils sagt, daß dieser den Zweck verfolge, die religiöse Entwickelung innerhalb der jüdischen Gemeinde zu Berlin zu fördern lind darauf hinzuwirken, daß die Verwaltung in liberalem Sinne geführt werde. Sollteil diese Worte wirklich bedeuten, was sie sagen, so müßte die Verwaltung gegenwärtig ilicht in liberalem Sinne, d. h. ilicht im Sinne der Vereinsliberalen, geführt fein. Thatsächlich aber haben diese Vereinsliberalen in Vorstand und Repräsentanz bis aus den heutigen Tag die Mehrheit, sie haben die Mehrheit seit dreißig Jahren. Das Programm will der Wahrheit nicht direkt entgegen sein, will sie nur verstecken, denn es sagt an einer anderen Stelle: Die Liberalen hätten in der Repräsentanz „kauni noch eine Mehrheit." Ta die Repräsentanz 21 Mitglieder zählt, so ist jeder Frage gegenüber eine Mehrheit unbedingt vorhanden, kann sie gar nicht nicht vorhanden sein. Freilich fehlt dem Vereinsliberalismus die Zweidrittelmehrheit, die er nötig hätte, um Beschlüsse wie Verlegung des Sabbat auf den Sonntag verbindlich fassen zu können. Dag dies im Werke und in der Absicht ist, wird in dein Programm nicht gesagt, das wird vorsichtig verschwiegen! Abgesehen hiervon trifft jeder Vorwurf des 'Programms wegen Unterlassungen die eigenen Gesinnungsgenossen des liberalen Vereins, die in Vorstand und Repräsentanz die entscheidende Mehrheit haben. Unmöglich können solche Vorwürfe ehrlich gemeint sein. Sie haben lediglich den Zweck, die Wähler der jüdischen Gemeinde Berlin darüber zu täuschen, daß dieselben Männer, die seit Fahrzehnten ihre Pflichten als Verwalter der Gemeinde in himmelschreiender Weise vernachlässigt haben, jetzt als Retter aus der von ihnen selbst geschaffenen schmählichen Not zur Neuwahl empfohlen werden sollen. Das wird nicht gelingen! Nicht Einer von den Mitschuldigen der jetzigen Verwaltung wird aus der "Neuwahl wiederkehren! Die anderen freilich, deren Mandat in diesem Jahre noch nicht abläuft, wird man ihre Frist weiter dulden müssen, da sie sich krampfhaft an das Mandat klammern, bei dessen Ausübung das Vertrauen der Wähler ihnen schon lange fehlt. (Schluß folgt.) 0. R. j. 8. 1. Der Deutsche Reichsverband jüdischer Religionslehrer („D. R. j. R.") hat am 17. April seinen ersten Bezirkstag für Pommern und Brandenburg iu Stettin veranstaltet. Durch einzelne politische Tageszeitungen wurden auch Nichtreligionslehrer und Nichtreligionsgenoffen von diesem Ereignis in Kenntnis gesetzt. In dem Vorberichte waren all die Thaten, die der Verband seit seinem Bestehen vollbracht, und all die Herrlichkeiten, die der Kouferenzbesucher in der pommerschen Handelsstadt harren, aufgezahlt. Wiß- und neubegierig, sagte ich mit unsrem Lehrer Mose: „Ich will mich doch hinwenden und schauen die große Erscheinung: warum der Dornbusch nicht verbrennt?" Daß nämlich der Verband mit dem unglücklichen "Namen ein Dornbusch ist, der keinerlei Frucht noch schützenden Schatten spenden kann, das hörte ich längst. Ich hörte längst, daß der am 16. Juli 1891 von vier Referenten und knapp ebensowenig*) Zuhörern in Breslau „konstituierte" und seither mit dem Reklamegeraffel eines Ramschbazars „arbeitende" Verband zur Rettung der jüdischen Kultusbeamten Alldentschlands — vom Rabbiner bis zum Schammes — gleich der berühmtem polnischen Armee aus Offizieren ohne Heer bestehe; ich hörte ferner längst, daß die ganze bisherige Thütigkeit des Verbandes nichts sei, als eine geschickt inszenierte Komödie, in welcher der Herr Präsident — die Leser verlieren nichts, wenn sie seinen Namen nicht kennen! — die Rollen des Souffleurs und Akteurs, des Regisseurs uud Klagueurs übernommen und einigen ebenso arglosen wie achtbaren Männern dekorative Statistenrollen übertragen hat. Allein just darum wollte ich mich hinwenden und schauen die große Erscheinung: warum der Dornbusch nicht verbrennt? Ich brach auf gen Stettin. Hier sah ich sie leibhaftig vor Augen: die Komödie und den Dornbusch. Dem Akteur vorauf war der Klagueur mit raffelnder Reklametrommel gezogen, indem er, um der Sache ein Relief *) Es wurde mir s. Z. mitgeteilt, daß der „konstituierende Verbaudstag" von brutto sieben Alaun besucht war.