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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-10 · 19 (10.5.1895) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
19 (10.5.1895)
Date
1895-05-10
Page
Seite 290 (sequence 2)
Language
German
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Seite 290 § c f d? u r u rt. Nr. 19. guräumcn und alles, was dem Geiste unserer erhabenen Religion widerspricht, daraus zu verbannen. Jüdische Abwehrvereine würden sicher Erprießliches leisten, wenn sie vornehmlich daraus bedacht waren, die Widerstandskraft unseres Volkes durch aus den heiligsten Quellen geschöpfte Belehrung zu stärken; dann würden auch die von hochherzigen Christen gegründeten Vereine zur Abwehr des Antisemitismus ungleich einflußreicher und mächtiger werden, als sie jetzt sind. Wer in das Getriebe der Ursachen und Wirkungen, aus denen sich hie Geschichte ausbaut, tiefer hineinblickt, must zu dem Schluffe gelangen, daß eine Zeit kommt, wo alle Völker, durch die Verhältnisse gezwungen, der Kultur des Gemüts des Innenlebens die größte Sorgfalt zuwenden werden; dabei wird man auf die Ethik Israels zurückgreifen müssen, wie es unsere Propheten vor Jahrtausenden verkündet, und der Antisemitismus wird gerichtet sein. Von uns verlangen indes das Ehrgefühl und der Selbsterhaltungstrieb in voller Uebereinstimmung mit unserer religiösen und geschichtlichen Aufgabe, daß wir schon jetzt den Anfang machen und der Welt zeigen, wie man das Böse bei der Wurzel faßt. Nerija. Der liberale verein. Von M. A. Klausne r. L. Der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin hat in der vergangenen Woche ein erstes Flugblatt versandt und am Montag Abend eine erste Bezirksverfammlung abgehalten. Wie der Leiter dieser Versammlung niitteilte, waren zweitausend Einladungen ergangen, wie eine Zählung erwies, waren noch nicht fünfzig Personen der Einladung gefolgt. Nachdein Herr Rechtsanwalt Breslauer einen Vortrag über die Armenpflege der jüdischen Gemeinde Berlin gehalten, der in erschreckender Weise zeigte, was er allerdings nicht zeigen sollte, wie kläglich es gegenwärtig mit diesem Zweige der Gemeindeverwaltung bestellt ist, dessen Leitung bis vor kurzen eben diesem Herrn.Breslauer unterstand, wie dürftig die Unterstützungen sind, wie unsagbare Engherzigkeit ihr kärgliches Maß bestimmt, gab Herr Rechtsanwalt Simoit eine dankenswert gedrängte Paraphrase des erivühnteu programmatischen Flugblattes zum besten. Dieses Flugblatt, dessen greinender Ton den flachstirnigen Verfasser ohne Mark und .Knochen in jeder Zeile verrät, verhüllt hinter unermeßlichen! Wortaufwand die Absichten seiner Unterzeichner. Herrn Rechtsanwalt Simon gelang die gleiche Verschleierung in einem nicht minder orakelhaften Auszüge. Liberal müßte die Entwickelung des Judentums in Berlin fein, sonst würde es eine Entwickelung überhaupt nicht haben, verkündete der rechtskundige Lehrling der Propheten, und namentlich hätte die Sorge sich darauf zu richten, daß weiterer Abfall vom Judentum verhindert werde. Ich nahm mir die Freiheit, den Versuch zu einer Lüftung des Phrasenschleiers zu machen. Ich bin liberal wie irgend Einer vom sogenannten Liberalen Verein, politisch wie religiös, doch für den Liberalismus dieses Vereins fehlt mir das Verständnis, und ob ich seine Ziele billche und teile, bas kann ich erst wissen, wenn ich sie kenne, solche Aufklärung wollte ich haben. Doch während ich noch ausführte, daß es mir nicht ratsam erscheine, diejenigen festzuhalten, die vom Judentum sich zn trennen genullt seien, daß hiervon so ivenig eine wirkliche Blüte des Judentums zu erhoffen fei, wie wirkliches Blühen für einen Baum, davon, daß man dessen welkende Blätter am Abfallen hinderte, indem inan sie festbindet, hatte Herr Rechtsanwalt Simon dem Vorsitzenden der Versaminlnng ein Privatissimum über seine Rechte und Pflichten gratis, doch nicht frustrn gelesen. Das Ergebnis der heimlichen Rechtsbelehrung war, daß der Vorsitzende, ein Herr Friedmann, erklärte, er müsse mir das Wort entziehen, weil die Einladung zur Versammlung nur an die gerichtet sei, welche die Bestrebungen des Vereins billigten, was bei mir nicht zuträfe. Woher kam Herrn Friedmann diese Wissenschaft V Ich gebe zu: er kann es wissen, denn aus ineinen Bestrebungen habe ich kein Geheimnis gemacht, und die des liberalen Vereins, in dein er ein praeripmun meinbrum ist, muß er kennen. Ich. will ihm auch glauben, was er sagt; daß ich es nur unter der Voraussetzung kann, das Programm des liberalen Vereins verdunkele und verstecke geflissentlich dessen Ziele, ist nicht meine Schuld. Daß die Mehrzahl der Versammlung gegen das Verfahren ihres Vorsitzenden lauten Einspruch erhöh, sei anerkennend konstatiert. Ich war mit dem Zugeständnis der Schwäche und einer selbst das Schamgefühl überwindenden Furcht vor einer Diskussion reclit zufrieden und entfernte mich. Während ich hinausging, hörte ich noch, wie Herr Rechtsanwalt Breslauer mit dem Brustton der Ueberzeugung rief: „Phrasen machen kann auch ich!" Der Wackere hatte eine Ungezogenheit gegen mich beabsichtigt und beging nur eine Ungeschicklichkeit. Doch ich nehme den Willen für die Thal um so vorbehaltloser, als ich dem genannten Ainanuensis des Herrn Justizrat Meyer reiche Begabung auf beiden Gebieten zuerkennen muß. So illustriert der Liberale Verein, wie er den Liberalismus in der Praris zu üben gewillt ist. Er hätte ineiner Sache keinen besseren Dienst leisten können. Und nun soll eine breitere Oeffentlichkeit vernehmen, was das Koiiventikelchen des liberalen Vereins über sein Programui von mir zu hören Furcht hatte: An zwei Stellen berührt dieses Programm, das den Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde gilt, Dinge, die mit der jüdischen Gemeinde als solcher nichts zu schaffen haben. Diese beiden Stellen lauten: „Wir wollen unsere Kinder in dem Weifte erziehen, der uns selbst erfüllt: der Liebe zu unserem Glauben, der Liebe zu unserem deutsche» Volke. Sie sollen bleiben, was wir find: Deutsche nicht blos nach Sprache und Bildung, geschweige denn nur nach dem bestehenden Recht, sonder» auch Deutsche der Empfindung nach." „Unser Verein steht'im Zeichen der Treue: der treuen Fürsorge für unsere Gemeinde, oer Treue für unfern Glauben, der Treue für die Ideale der Menschlichkeit und des religiösen Fortschritts, der Treue für unser deutsches Volk und Vaterland." Die schmählichen Verleumdungen gegen den Patriotismus der deutschen Juden erfordern in der Thnt eine Abwehr. Daß sie von autoritativer Seite nicht erfolgt ist, als es Zeit war, daß sie unterblieben ist um einer persönlichen Eitelkeit willen, soll weiter unten näher dargelegt werden, ebenso daß diese Unterlassungssünde auf Rechnung _ gerade der jetzigen ailgeblich liberalen (Gemeindeverwaltung fällt, deren Geschäfte der angeblich liberale Verein besorgen ivill. Eine Aufforderung aber, in einein Gemeindewahl-Aufrnf an die Juden Berlins gerichtet, Treue zu wahren unserem deittschen Volk

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