Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 19 (10.5.1895)
- Date
- 1895-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Io. 19. Jaljrgang iv. lltzemerne Werkln, 10. War 1895. ♦ Herausgeber. A. Levin, Aertin. Hefchttruir. Bezugspreis: viertetjährt. 2 WK. Grscheinl an jedem Ai eilag. Bezugspreis für das Ausland r Ml:. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. JnNlt: Wie sollen mir uns wehren? Der liberale Verein. Von M- A- Klausner. D- Ri. R- Von A. L- Judentum uud Geselligkeit. Von Rabb- Dr- Kurrein. „Tie jüd- Speisegesetze" von Rabb. Dr. Wiener- Entgleist. Von Wilhelm Feldman. Messias David Alroi- Von Rabb. Ign- Grußmann- Wochen-Chronik. — Kalender. — Brief- und Fragekasten. Anzeigen. Wik tollen wir »ns lürljreii? Wir leben im Zeichen der „Abwehrvereine". Man ist jedoch über den Umstand, worin diese Abwehr eigentlich zn besteben hätte, noch sehr im Unklaren. Da ich nun in der Sache eine Erfahrung habe, die andere anzuregen geeignet sein dürste, füllte ich mich verpflichtet, mich darüber zu äußern. Ich muß, so ungern ich es auch thue, das Leben und Streben meiner Wenigkeit zum Gegenstände der Betrachtung machen. Man denke nur an das Schrecklichste der Schrecken: ich bin ein bibelfester Talmudjude. Als solcher kam ich vor zwanzig Jahren direkt von einer Jeschiba in eine Gegend, in der Jahrhunderte hindurch keine Inden wohnen durften und deren Bevölkerung alle nur denkbaren Vorurteile gegen Juden und Judentum schon mit der 'Muttermilch eingesogen hat. Ohne Geschäfts- und Menschenkenntnis errichtete ich in einem Torfe als erster und einziger Israelit mit geringen Mitteln ein Geschäft. Das war gewiß ein schwieriges Unternehmen; doch es geläng, denn die Bevölkerung schenkte mir bald Vertrauen und gewann mich allmählich lieb. Es kamen nach wenigen Fahren böse Zeiten. Der^ Geist HamanS hatte draußen kaum feine Auferstehung gefeiert, so wurden auch schon bei uns _ viele von ihm besessen und zogen toll und voll von Dorf zu Dorf, die Heilslehre „Kaust nicht bei Juden!" aus den Lippen. Auch iu meinem Wohnorte und in der nächsten Umgebung suchten verschiedene dunkle Ehrenmänner ihre Drachensaat in den von altersher empfänglichen Boden zu streuen; es gelang ihnen auch, die liberalen Zeitungen zu verdrängen und dem Volke Hetzblätter, die noch jetzt hier von den Bauern fast ausschließlich gehalten werden, in die Hand zu drücken; doch der Antisemitismus vermochte trotzdem im Orte und in der Umgebung nicht Wurzel zu fassen. Tie Ursache ist einfach: Ich hielt mich in Gesinnung Redaktion und Vertag: Kr. Kamvurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Wf., nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. und That an folgende der Bibel und dem Talmud entnommene Grundsätze, die Hetzer dadurch Lügen strafend: „Der Schöpsungsbericht ist der Adelsbrief der Menschheit. Gott hat die vernunftbegabten JWeseu in seinem Ebenbilde erschaffen; darum ist man jedem Menschen eine gewisse Achtung schuldig. Diese Achtung ist die Quelle der Nächstenliebe; wo sie fehlt, ist nur Eigenliebe möglich und ein Abglanz von ihr, der dem Jrrlichte gleicht, daS über den Sümpfen schwebt." Dieser einfachen und großen Auffassung der Menschenwürde entsprechend, will die Lehre Moses, daß man auch die Fremden liebe, so heißt es: „Wie der Eingeborene unter euch sei auch der Fremdling, der bei euch weilet und du sollst ihn lieben, wie dich selbst!" (Levitieus 19. 94). Alle Sterblichen sind eben überall aus Erden nur ein Gastvolk. Daß die den „Fremden" betreffenden Vorschriften jedem Nebenmenschen gegenüber strenge einzuhalten sind, ist zweifellos. Der Ehre unseres Gottes geschieht kein Abbruch dadurch, daß andere andern dienen; denn der unbewußte Drang zum Höchsten ist die Trielsteder der Verehrung des Hochscheinenden; auch die Heiden sind, wenn edel und gut, der Seligkeit Jeilhastig. So darf es für Naffenfeindschast auch für Glaubenshaß in dem Gemttte des Israeliten keinen Raum geben. Der glaubenstreue Israelit ist bis zu dem Atemzuge, mit dem er sein Leben aushaucht, ein Zeuge für die Wahrheit: „Gott ist einig-einzig." „Ihr seid meine Zeugen", spricht der Einige und „meine Diener, die ich mir erwählt." (Jesaia 49. 10). Wir sind als Nachkommen derjenigen, die am Sinai gestanden, und vermöge unserer Abstammung von Märtyrern, die für das Höchste und Heiligste geblutet und alle erdenklichen Qualen erduldet, berufen uud verpflichtet, die Wahrheit vom Sein und Walten des einig - einzigen Weltenschöpfers durch das wüste Gedränge der Völkergeschichte hindurchzutragen und, allen mystischen, spekulativen und wissenschaftlichen Verirrungen des Menschengeistes zum Trotz, zu erhalten. Diese Zeugenschast erheischt eine gewissenhafte, verständige, sittenstrenge, von Treue und Wahrheitsliebe durchdurchdrungenc Lebensführung. Das beherzigend habe ich in mir Haß, Verachtung, Lüge, Heuchelei, Roheit, Hochmut, kurz alle die bösen Elemente, aus denen der Antisemitismus besteht, niemals aufkommen lassen, und dadurch, ohne es daraus abzüsehen, in meinem engeren Kreise der Hetze den Boden entzogen. Der Umstand, daß sich das Böse außer uns gegen uns kehrt, sollte uns bestimmen, im eigenen Lager damit auf-