Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 284 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 284. Z e f <H u r ri n. Nr. 18.' für die Verschmelzung unter der Bedingung, daß die Schule eine höhere (mit vier Klassen!!!) werde. Nur die Polen stimmten dagegen und rühmten sich nach der Sitzung, „daß sie heute jüdischer" gewesen seien, als die Indem An und für sich ließe sich ja vom pädagogischen Standpunkt gegen die Verschmelzung nichts sagen, denn in 4 blassen kann doch wohl mehr geleistet werden, als in 2 Klassen. Die Sache liegt jedoch hier ganz anders. In erster Reihe geben die Juden ein Recht ans der Hand, das sie nie wieder zurückerlangen können; 2. die vereinigte Schule behalt ihren evangelischen Charakter und die jüdischen minder werden mit der Zeit hier nur „geduldet" sein. Außerdeut sind die Personalverhältnisse nach jeder Richtung hin so, daß nie und nimmer ans dieser Vereinigung (4uh\. entstehen kann. Ich halte mich noch verpflichtet, zu bemerken, daß hier in allen .Kreisen, namentlich auch in denen der jüdischen Gemeindevtitglieder, wegen der Entschließung der jüdischen Stadtverordneten allgemeiner Unwille herrscht, der auch nicht gemildert wurde durch den Rat des Ausschusses der D. I. G. B., die Verschmelzung anznftreben. Ich muß gestehen, daß ich nicht geglaubt hätte, daß die Gründung des D. I. (4. V., die Lehrabteiluna, solche Früchte zeitigen werde: einen Rat erteilen, ohne vorher sich genügend über die thatsächlichen Verhältnisse in-sormiert zu haben. Hoffentlich erhält jetzt auch die Berliner jüdische Gemeinde seitens der Lehrabteilnng des D. I. G. B. den Rat, ihre beiden jüdischen Schulen, die nicht einm'al öffentlich sind, auszuheben, denn das ist doch die Konsequenz, oder fürchten die Herren von der L.-A., daß der Prophet im eigenen Lande nichts gilt?' Wenn man bedenkt, wie ehrenvoll die Gemeinde Kosten ihre Interessen wahrgenommen, trotzdem die Verhältnisse dort ihr Streben aus Erhaltung der jüdischen Schule nicht unterstützten — und die hiesigen Stadtverordneten ohne Schwertstreich kapitulieren sieht, dann-" * Geheimer Sanitätsrat Dr. Cohn. Alan schreibt uns aus Elbing: Große Verluste hat unsere Gemeinde in den letzten Wochen erlitten durch den Dod des Rentiers Samuel Seeliger, der lange Zeit hindurch Repräsentantenvorsteher war und sich durch seinen edlen und vornehmen Charakter auszeichnete und durch das am 24. April (2 Monaten vor feinem 00. Geburtstage) erfolgte Ableben des Königl. Geh. SanitätSrats Dr. Samuel David Cohn, OOjähr. Ehrenbürger unserer Stadt. . Den Anlaß zur Verleihung des Ehrenbürgerrechts gab folgendes Vorkommnis. Als im Jahre 1881 die asiatische Cholera dermaßen hier herrschte, daß die Leichen schon nach 24 Stunden beerdigt werden mußten, wurde im Publikum dadurch große Beunruhigung .erzeugt (mau glaubte die Menschen werden lebendig begraben), die sich in argen Ausschreitungen Luft zu machen drohte. Da trat der junge Arzt Cohn mit einer gehörigen Portion Thatkrast, Mut und Furchtlosigkeit aus und machte der Bi'rrgerschast bezw. der Behörde folgenden Vorschlag: Alle Choleraleichen werden nach dem St. Georgenhospital aus dem äußeren Georgendamm gebracht und ich verpflichte mich keine Leiche beerdigen zu lagen, die ich nicht vorher mehrfach gewissenhaft untersucht habe. Das geschah. Einen nicht geringen Teil des Tages brachte Eohn in dem zum Eholeraleichenhause unigewandelten Georgenhospital zu als einziger Lebender unter so und soviel Toten. Ruhe und Srdnnng kehrten wieder ein. Tie Behörden sprachen Eohn ihre Anerkennung aus und ernannten ihn zum Ehrenbürger. Die hiesigen Zeitungen feiern die Verdienste des Verstorbenen in gebührender Weife. In Geheimrat Cohn, so führt die Elbinger Ztg. ans, hat man es mit einer selten beanlagten Individualität zu thun, mit einem Manne so abgeklärten, echt menschlichen Geistes, daß jene mehr und mehr, ja vielleicht noch zu einer Katastrophe sich znspitzenden Frage, die Semiten- Fr age, die heute unser ganzes deutsches Kulturleben durchsetzt und erschüttert, längst friedlich gelöst wäre (!), wenn unter den heutigen Glaubensgenossen des Da Hingeschiedenen eine gewisse Anzahl von Männern erstünde, die ihm gleichkämen. Sein Leben and Wirken hat unserer Stadt nur zum Segen gereicht. Sein Wesen enspricht so ganz und gar jenem Bilde echter und edelster Menschlichkeit, das Lessing uns in feinem „Nathan" hinterlassen hat." Aut Sonntag ging die Bestattung vor sich. Ans dem Friedhose konnte der Gemeinderabbiner Herr Dr. Sil berste i n, der das gottbegnadete, an Inhalt und Bedeutung reiche Leben und Wirken und doffen gerechte Würdigung nach allen Seiten schilderte, mit Recht das Motto des an Inhalt und Einfassung gleich herrlichen Lebensbnches mit den Worten 1. Sam. 18, 14 „Und David war glücklich ans allen seinen Wegen und der Ewige war mit ihm" und den Schlußsatz mit Psalm 24, 6 bezeichnen. Der Geist der Erkenntnis und Gottesfurcht und hiermit verbunden der echten Menschlichkeit beseelte den Verstorbenen und strahlt auch ans seinen wiffenschastl. Werken hervor (ans denen der Redner markante Stellen ansuhrte). Es wirkte erfreulich ans den Menschensreud angesichts solcher Erscheinung im Menschenleben. Die Glaubensschranken fallen und die Menschheit eint sich zu gerechter Anerkennung, Verwahrung aber müssen wir dagegen einlegen, daß diese Erscheinung als eine absonderliche, außergewöhnliche Ausnahme bei einem.Bekenner unsers Glaubens hingestellt wird, als ob der Glaube an der Bethätigung echter Menschlichkeit hinderlich wäre. Er sucht nicht die starre Bekenntnissorm zu erzwingen, wie Maleachi 2, 10, Micha <>, 8 beweisen. Ehren wir in diesem Geiste das Andenken des Verklärten, indem wir alle geloben seiner Menschenfreundlichkeit nachzueisern, dann wird Haß und Feindschaft schwinden und nur Liebe und Frieden allerorten erblühen." — 4. * Das Lehrerseminar in Köln. Dem Rechenschafts- Bericht des Vereins des jüdischen Lehrer-Seminars in Rheinland zu Köln für 1804—04 (das 27. Jahr seines Bestehens) entnehmen wir folgende Daten: Seit unserer vorjährigen Berichterstattung sind acht Zöglinge nach vollendeter Ausbildung entlassen worden und haben als Lehrer und Knltusbeamte Verwendung gesunden. Die Berichte, welche - uns über das Streben und überhaupt über die Führung q und Wirksamkeit der aus unserer Anstalt hervorgegangenen Lehrer zngehen, lauten säst ausnahmloü erfreulich und ermutigen uns zu fortgesetztem Streben in der bisherigen Richtung. Das ehrende Vertrauen, welches unserer Anstalt z als einer Plege- und Planzstätte altjüdischer Glaubens- Wissenschaft und treuer Plichtersüllnng von nah und fern entgegengebracht wird, bat sich auch im verflossenen Jahre;> wiederum durch die ihr zugewandten frommen Stiftungen für das Seelenheil teurer Heimgegangenen in erfreulicher Weise zu erkennen gegeben. Ebenso sind uns bei freudigen Veranlassungen größere Zuwendungen zu teil geworden. Wir empfingen an anßerodentlichen Znivendnngen 10,4;>0 Ri. Die Gesamt-Einnahmen betrugen 40,4;>0 4)f., die Betriebs- Ausgaben 10,580 Du * Der Qber - Rabbiner von Frankreich. Herr Zadoe-Kahn hat in einem an alle französischen Rabbiner ge- >