Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · p. Seite 282

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 282 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608569--0415-9608579
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 282.? e f $ u r u n, Elsengeschäfte in den kleinen Städten des Ostens von jüdischen Inhabern verknnst wurden und dann in der Regel in Polenstände übergegangen seien, so daß die Ailtisemiten geradezu den Polen in die Hände arbeiten." — Verhülle dein Angesicht, Germania! liegen die in Dresden erscheinende „Deutsche—recte: antisemitische - Wacht" ist das Hauptverfahren wogen Uebertretnng des Aktiengesetzes eröffnet worden. Der Direktor dieser Gesellschaft und Hauptgründer des Aktienunternehmens ist bekanntlich der Abg. Ziinmerulann, mtd) Ahlwardt, ickiebermann und Keuß der größte Deutsche unter den Deutschen. Das B. D. plaudert übrigens noch folgende Interna aus: „Wir haben gegen Zimmermann bereits vor längerer Zeit deil Vorwurf des (steschästsantiseulitismus erhoben. Herr Z. halte auch gegen uns die Privatklage wegen Beleidigung angestrengt. Ein Dermin zur mültdlichen Verhandlung hat indessen nicht stattgesunden. Herr Zimmermann hat es vielmehr für angezeigt gehalten, die Sache gegeit uns verjähren zit lasten. Der Vorwurf des Geschäftsantisemitismns lastet also nach wie vor ans deut Herrn Ziminerinann. Ob der ihm bevorstehende Strafprozeß gerade besonders geeignet ist, deit Vorwurf zu entkräften, ist eine Frage, die wir nicht beantworten wollen." Wir auch nicht. - Gegen den antisemitischen Redakteur Schweiger vom „Badischen Volksboten" wurde vor dem Heidelberger Schöffengericht am Montag ein bemerkenswerter Prozeß verhandelt. Das antisemitische Blatt hatte eine im Austrage des Berliner „Komitees zur Abwehr antisemitischer Angriffe" hergestellte Gutachten- Sammlung über das Schächten ein „schamlos znsammengegaunertes Machwerk" und eine „Schmach für die Wissenschaft" genannt. Der Angeklagte inußte selbst zugestehen, daß er von der Gntachtensammlnng gar keine Kenntnis besessen habe. Der Vorsitzende konstatierte, daß die Gutachtensammlnng sich bei den Akten befindet, und daß Stichproben ergeben hätten, daß sämtliche (Gutachten das Schächten als keine Dierauälerei, viele dasselbe sogar als die beste und humanste Lchlachtinethode erklären. Der (Gerichtshof erkannte ans 100 Mark Geldstrafe. Der (Gerichtshof fei der Ansicht, daß der Vorwurf in jeder Hinsicht als unbegründet und als nnerweisbar sich ergeben habe. Die bodenlose Leichtfertigkeit, ivelche sich dariit kundgebe, daß Angeklagter, ohne seine angebliche Quelle zu kennen, gegen Männer, deren Ruf unantastbar, deren wissenschaftliche Bedeutung unbestritten sei, Vorwürfe so schwerwiegender Ratur geschlendert habe, könne nicht scharf genug gebrandmarkt werden. Dem Reichstage ist soeben eine Petition zugegangen, die verbündeten Regierungen anszusordern, von Reichswegen eine tteberfetzung des „Schulchan aruch" anzuordnen. Zur Begründung der Petition ist ein Epemplar des vom Reichstagsabgeordneten Freiherrn v. langen „verfaßten" Buches „Dalmndifche Täuschungen" beigesügt. Eine ähnliche während der vorletzten Tagung eingereichte Petition wurde von der Petitionskommission als nicht geeignet für die Beratling im Plenuin befunden. *«• <*iit katholischer Priester, der Jude werden will. Es find schon -Juden katholische Priester geworden, aber der katholische Priester, den eü drängt, Jude zu werden, der dürste jenes R'eue unter der Sonne fein, von dem sich die Weisheit Rabbi Akiba's nichts träumen ließ, Und ^doch ist diese Gestalt keine erdichtete. Sie saß an einem Tage der vergangenen Woche in leibhaftigster Wirklichkeit in der ube eines Wiener Rabbiners und gab mit mutiger Be- Nr. 18. stimuttheit die Erklärung ab, in die israelitische Glaubensgemeinschaft ausgenommen werden zu wollen. Die itziebe war die Zaubermacht, die den jungen Geistlichen zu diesem außergewöhnlichen, in unserer Zeit doppelt heldenhaften Entschlüsse getrieben hatte. Er verliebte sich in Großwardein in ein schönes Judenmädchen, und nahm die Sache so ernst, daß er die Reverende auszog und sich um eine Stellung bemühte, die ihm die Heirat ermöglichen sollte. Aber die Hindernisse türmten sich sofort vor dem Romeo mit der Tonsur berghoch aus. Die Eltern des Mädchens bestanden daraus, daß der aus feinem Orden geschiedene Priester nach Wien fahre, um da zum Judentum überzutreleu, während seine Eltern ihn verzweifelt bedrängten und beschworen, doch ja wieder den Priesterrock auznziehen und nicht sie und sich selbst um den 2ebenssrieden zu betrügen. Der Verliebte kämpfte mit sich einen harten Kamps, besten Resultat seine reuige Rückkehr in die Klosterzelle war, wo ihn harte Buße erwartete. Aber wie sehr er sich auch bestrebte, nur dem Himmel zu leben nitd sich aller weltlichen Gedanken zu entschlagen, es gelang ihm nicht; der Zauber jenes schwarzen Augenpaares ließ ihn nicht los, und er legte die Reverende nochmals ab, diesmal mit dem festen Entschlüße, nach Wien zu gehen und Jude zu werden. Einige Monate verbrachte er in Arad und versenkte fiel» da mit Eifer in die Glaubenslehren des Judentums. Vollständig mit denselben vertraut, kam er kürzlich nach Wien, und trug einem Rabbiner seinen Wunsch vor. Ter jüdische Priester staunte nicht wenig über diese Eröffnung, teilte aber dem jungen Manne mit, daß sein Begehren unerfüllbar sei, daß die j üdische Religion die Ausnahme eines geweihten katholischen Priesters nicht gestatte. — Dreimal Bravo! Gemeinde, Synagoge und Schule. * Berliner Nachrichten. Wiederum hielt der Z e n - tralverein für die Interessen der jüd. Gemeinde zwei Generalversammlungen in zwei verschiedenen Bezirken der Stadt ab, und zwar am Donnerstagabend für die Bezirke X. und NW. im Hotel Burgstraße 16 und für 8. und 80. in den Festsälen ifuckauerstraße Ist. Der ersten Versammlung, am Donnerstagabend, präsidierte Herr W. G o l d sch m i d t und erging sich in geistvoller Weise über die Thätigkeit des Vereins in Vergangenheit und Zukunft. In der Diskussion berührte Herr Herm. S. Seega l l die beabsichtigte Aenderung des Wahlmodns. Obwohl die Wahlen zu unsrer Gemeindevertretung auf dem Papier als eine geheime bezeichnet wird, war sie bis jetzt nichts weniger als geheim, indem jeder 'Wähler sich des an ihn adressierten Zettels bedienen und diesen aitßerdeiit mit vollem Rainen zeichnen mußte. Dieser Modus soll jetzt dahin geändert werden, daß zwar jeder Wähler sich des mit feiner Adresse versehenen Wahlzettels solle bedienen müssen, daß aber die Adresse vor Abgabe des Zettels solle entfernt werden und die Unterschrift des Wählers wegbleiben dürfen. Bildet auch dieser Modus nicht das Ideal einer geheimen Wahl, so ist er doch im Verhältnis zu dem. gegenivärtig noch üblichen „elendesten aller Wahlsysteme", als ein Fortschritt zu bezeichnen. Da nun das neue Gemeindestatut, das diese Aenderung des Wahlmodus enthält, die staatsbehördliche (Genehmigung noch nicht erlangt hat, so beantragte Herr Seegall, der Zentralverein »löge deit Gemeindevorstaud ersuchen, bei der Staatsbehörde um baldige Bestätignn z dieses einen Paragraplien vorstellig zu werden, Damit fchoil in diesem Jahre na et) dem neuen Modus gewühlt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.