Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 281 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. 3* <? f d? « r u rt. Seite 281. die häuslichen Verhältnisse ein, ich weiß nichts ob sie sich Deine Liebe erwoben haben; aber wo es sich mit die Nettun^ der eigenen Person und der Seele handelt, da müssen solche Empfindungen in den Hintergrund treten. Du weißt übrigens, daß ich kein Fanatiker bin, ich hasse die Juden nicht wegen ihrer Konfession, sondern aus rein sozialökonomischen (Gründen, die ihre Quelle gleichfalls in den religiösen Vorschriften haben, und Dein Vater ist auch nicht der schlimmste unter den Brüdern. Du wirst also nach Annahme der heiligen Taufe weiter mit ihm in Verbindung bleiben können. Die Blutbande kann ich nicht dnrchschneiden. Ich erinnere Dich noch einmal: morgen um elf Uhr, wenn Deine Mutter nach dem snbbatlichen Nachtmahle bereits der Stiche pflegen wird, werde ich Dich mit Hügel in einem gedeckten Wagen erwarten. Nimm gar keine Sachen außer der unentbehrlichsten Wäsche mit, weder Pretiosen noch andere Wertgegenstände. Laste den Eltern ihr Eigentum. Du hast Bildung genug, um vor einer ehrsamen Arbeit nicht zurückzuschrecken. Die Trägheit und Arbeitsscheu der Juden bilden einen ihrer schändlichsten Fehler; sei Du davon frei. Laß alle Sorgen fahren, vertraue und glaube an den, der Dich bald im Schoße seines allein selig machenden Glaubens aufnehinen wird. Er ist unsere Zuflucht, unsre Hossnnng, unser Heil . ." Als Klara diesen Brief erhielt, konnte sie die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Von der Wichtigkeit des Moinentes und von verschiedenartigen Befürchtuitgen und Hoffnungen durchdrungen, brachte sie die kurzen Stunden der stacht in unruhigem Nachsinnen zu. Sie nahm von ihrer Vergangenheit Abschied und begrüßte die Zukunft mit Vertrauen und Neugierde. Was wird sie ihr bringend Heil oder neues Trübsal? Das stand in ihrem Geiste fest, daß der morgige Tag zwischen ihrem früheren und ihrein neuen Leben einen Grenzpsahl bilden wird. In diesem letzten wird sie keine „Jüdin" mehr sein. Das genügte ihr und verlieh ihr Mut. Der Freitag verstrich langsgm und ermüdend. Sie konnte weder ein Buch in die Hand noch eine Speise in den Mund nehmen. Infolge der Schlaflosigkeit während der ganzen Nacht hatte fie r.ste Auge und ein blasses Gesicht. Zum Glück war der Vater nicht zu Hanse, denn er weilte in Qlmütz, wohin er Leisten führte; die Mutter wieder mit den Vorbereitungen für den Sonntag beschäftigt, hatte keilte Zeit, wie gewöhnlich zu tadeln und zu predigen. Ter mit Sehnsucht erwartete Abend brach endlich an. Als Ehaje die Sabbatlichter anzündete und die Uhr acht schltig, wollte Klara freier aufatmen, tonnte es aber nichts Ihr Herz begann stärker zu schlagen. zstach einer Weile ging lie ins anstoßende Zimmer und sagte der Mutter, daß sie unwohl sei und zum Nachtmahle nicht erscheinen werde. Ehaje war verwundert und erfreut zugleich, daß die Tochter sie zuerst ansprach, was nur selten geschah. Tann nahm Klara am Sopha Platz und überließ sich einige Zeit ihrein Hinbrüten. Die Würfel sind gefallen, ne kann vor nichts mehr znrückfchrecken. Wird sie doch baldigst eine Neise unternehmen, die ne ans dem Lande des Schmutzes, der llnrechtschaffenheit und des Judentums in die „Welt der Ideale" geleiten wird! Mit fieberhafter Eile öffnete sie ihre Schnbläden und Schränke. Sie entnahm denselben einige Bücher, Nippsachen und Kleinigkeiten, welche sie von Lehrerinnen und Kolleginnen zum Andenken erhalten hatte, und nackte alles in ein kleines Felleisen. In die Tasche steckte sie eine schöne mit Steinen besetzte Brosche. Sie pflegte sie nie zu tragen, aber trotz des Befehles des Geistlichen konnte sie sich von derselben nicht trennen. Es war 10 Uhr. Klara nahm am Schreibtische Platz und mit zittternder Hand schrieb sie auf einen niedlichen Bogen Papier mit Monogramm folgende Worte nieder: „An meine Eltern! Ich verlasse Euch heute, um in den Schoß der Kirche einzngeben. Verzeihet mir, ach, diesen Schritt, so wie ich Euch verzeihe, daß Ihr inich bisher gefangen gehalten und unglücklich gemacht habet. Habt Ihr mich wirklich lieb gehabt, so werdet Ihr meinem Glück keine Hindernisse bereiten und ich, in dem heiligen Quell gebadet und geläutert, werde auch die Vergangenheit vergessen und mit Euch nicht brechen! Wisset aber, daß mein Entschluß unbeugsam ist. Adieu, Vater, lebe wohl, Mutter. Ach, warum bin ich ztt diesem traurigen, äußersten Schritte gebracht worden, verstohlen in der Nacht das Hans meiner Ellern verlassen zu müssen! Lebet wohl und seid glücklich. Klara." Als sie mit diesen Worten zu Ende war, ließ sich am Fenster ein leichtes Pochen vernehmen . . . (Fortsetzung folgt.) Wochen-(Lhronik. . Bürgerliche Berhältnisse. * Der Beobachter. In einer unserer letzten Nnminern berichteten wir über ein Gesuch mehrerer Handelskammern, bei der Zulassung russischer und galizischer Juden, welche als Kommissionäre ec. im Jntresse des Handels stnentbehrlich seien, von dem bisherigen Verfahren, wonach eine Prüfung von Fall zu Fall stattzusinden hatte, abzuweichen. Die Negierung hatte ans dies Gesuch einen abschlägigeit Bescheid erteilt. Sie scheint im Gegenteil geneigt zu sein, in der Behandlung dieser Ausländer eine Verschärfung eintreten zu lassen. Wenigstens lesen wir in der „Tanz. Ztg." eiirr Mitteilung ans THorn, die diese Ansicht rechtfertigt. Dem genannten Blatte wird geschrieben: Bekanntlich müssen die galizische'n und russischen Holzkommissionüre jüdischen Glaubens, wenn sie sich int Weichselgebiet während der Flößereiperiode anshalten wollen, sich die Erlaubnis hierzu von dein Herrn Qber-Präsideuteu erwirken, widrigenfalls sie jeden Augenblick Ausweisung zu gewärtigen haben. Die Erlaubnisscheine wurden schon in den letzten Jahren erst nach sorgfältiger Prüfung der Verhältnisse der betreffenden Kommissionäre erteilt. Sie mußten ihre Ehrlichkeit, ihre Zuverlässigkeit Nachweisen. Wie ich erfahre, ist für die diesjährige Flößereiperiode vielen Koinmissionären, die schon in früheren Jahren hier als solche gewirkt haben, die Aufenthaltsberechtigung nicht erteilt worden. Denunziationen preußischer Kommissionäre gegen die auswärtigen tiud Anzeigen der letzteren gegen einander urögeu wohl öfter den Anlaß zti der Versagung des Aufenthaltsscheines gegeben haben. — Am 1/. April hielt der „Verein zur Förderung des Deutschtums" in Graudenz eine Versammlung ab, in der ein Mitglied nach einem Bericht der antisemitisch-agrarischen „Deutsch. Tagesztg." äußerte, daß in letzter Zeit infolge des immer heftiger in verschiedenen Bezirken auftretendeu, mit Verrufserklärungen vorgehenden Antisemitismus z. B. viele