Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 280 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 280. JescHurun. Nr. 18. lassen, Chase, ihre Dankbarkeitsgesühle vor Gott ergießend, entsernte sich ebenfalls, um den Abschnitt der Thora in der Jargonübersetzung zu lesen, und Klara saß noch immer unbeweglich aus derselben Stelle, die Angen gedankenlos aus den Fußboden geheftet. Dies währte ziemlich lange. . Ans dieser Lethargie erweckte sie Maryna, die Dienstmagd. „Wird das Fräulein nicht zu Mittag speisen?" „Gut, gut, laß mich in Ruh", erwiderte Klara ungedulgig, das Zimmer einigemal nachdenklich durchschreitend. Sie wars einen Blick aus den Schreibtisch; die Stelle, wo gewöhnlich ihr umfangreiches Notiz- und Tagebuch lag, war leer; Merunowiz's Broschüre in Unordnung am Fußboden zerstreut. Die Spuren der vorangegangenen Szene brachten ihr die donnernden Worte des Baters ins Gedächtnis, welche jäh nnb schrecklich ihre Lebensblüte, den Faden ihrer Träume, die Hoffnung ihrer Zukunst durchschnitten. Sie, über jedes irdische Niveau erhaben, sollte jetzt so hinuntersteigen? In ihrem Herzen und Geiste hatte sie den Schönheits- und Wahrheitsgöttinnen einen Altar errichtet, und jetzt sollte sie ihn zerstören lassen und sich an dieKette des widerwärtigen prosaischen Lebens anschmieden? „Frau Kausmännin", „Frau Moses" — ach, das ist gräßlich Und sollte sie übrigens, die eben darüber nachdachte, aus welche Weise sich aus der, durch einen Zufall der Geburt über sie herausbeschworeneu Knechtschaft zu befreien, sollte sie sich jetzt uüt einein noch stärkern Bande mit dem Judentum verbinden? Seele und Leib an einen Menschen verkaufen, der Jude, Kaufmann nnd rothaarig ist? „Nein, nie und nimmermehr! Lieber . . . Lieber sterben", flüsterte ihr ein Echo der Monologe von Romanhelden. „Lieber den Schritt unternehmen, zu welchem der Geistliche mir schon so lauge zuredet", ließ sich der Wiederhall des gestrigen Abends und ihrer eigenen bisher unentschiedenen Sympathien vernehmen. Dieses zweite Rettungsmittel erschien ihr viel praktischer und bequemer. In diesem Moment entschloß sie sich, das Elternhaus und das Judentum aus immer zu verlassen. Das persönliche Interesse kam ins Spiel und überwog die bis jetzt wankende Wagschale. In der Taufe war ihre Rettung, aber nicht das Lebensziel. Diese Gedanken durchschwirrteu beinahe ruhig ihr Köpfchen. „Es giebt kein Hebel, welches keine gute Wendung nehmen sollte", schloß sie. „Wer weiß? Dieser Schlag hätte für mich in seinen Folgen furchtbar sein können, aber unter seiner Wirkung eben reift in mir ein Gedanke, der mir Erlösung bringen kann ..." Sie verzehrte ihr Mittagmahl mit Appetit. Als ihr Maryna die übliche „Kugel" reichte, schaute Klara mitleidig aus ihre Portion. Sie schien zu sagen: „Lebe wohl, wir sehen uns heute zum letzten Male". Rach dem Mittag-Effeu machte sie endlich Toilette und dann ging sie wieder an ihre Lektüre, lieber die Ereignisse des Vormittags, welche in ihrem jungen Leben einen Durchbruch verursachten, dachte sie nicht mehr viel nach. Die Thür war zugesallen, Nur einigemal erhob sie ihre Augen vom Buche und sprach laut: „Frau Moses . . Frau Kauftnünniu . . brr!" Des Abends trat sie wie gewöhnlich einen Spaziergang an. Für gewöhnlich mied sie die Schenke, durch eine Hinterthüre ins Freie gelangend, aber jetzt war diese Thüre verschlossen. Die befragte Maryna antwortete, daß der Herr selbst die Thür abgesperrt und den Schlüssel zu sich genominen habe. Noo i:s volejis ging ttiara ins (Wsellschaftszimmer. „Wohin gehst Du, Keile?" fragte plötzlich der Vater im Jargon, sich von seinem Sitze, wo er in tiefem Nachsinnen saß, erhebend. Klara fühlte sich verletzt. — „Spazieren", staimnelte sie. „Du wirst nicht allein gehen", sprach Joses sanft. „Von heute an wird dein Fuß das Pfarrhaus nicht mehr betreten. Lange genug habe ich das geduldet. Es ist Zeit, dem ein Ende zu machen. Du bist eine Jüdin, eine einfache Jüdin!" — Eine Scham- oder Zornesröte übergoß ihr Gesicht. „Vater, ich verstehe diese Sprache nicht", ries sie. „Wir haben bisher untereinander uns des polnischen Dialektes bedient!" „Und ich bedaure das! Ich sehe die Folgen! Denke, schlage Dir alle die Albernheiten nnd Illusionen aus dem Kopfe . . Du bist und bleibst eine Jüdin". Sie preßte die Lippen zusammen und ging in ihr Zimmer zurück. Von diesem Moment war sie gleichsam in ihrem Zimmer eine Gefangene. Tags daraus verreiste zwar der Vater, mit ihr herzlich und lange über das Thema des Judentums sprechend und sich zärtlich verabschiedend; Herr Moses, der sich kühl benahm und nur beim Abschiede ihr die Hand küssen wollte, was ihm aber nicht gelang, verreiste ebenfalls. Aber Klara war nicht allein, denn der inquisitorische Blick der Mutter, welche ihr strenges und barsches Benehmen oerdoppelte, bewachte sie. Zwischen Mutter und Tochter kam es'sogar zu stürmischen Szenen. Klara war in Verzweiflung. Im Zimmer eingeschlossen langweilte sie sich und sann nach. Sie bedurfte freier Luft und allein ohne die Mutter konnte sie nicht ausgehen, konnte sich nicht mit dem Geistlichen in Verbindung setzen und ihn von ihrer Absicht benachrichtigen. Manchmal, wenn die Mutter zu schimpfen und drohen begann, überkam sie ein Schauer . . Es kamen ihr die gelesenen Schilderungen der durch Juden an Neophyten verübten Rache in den Sinn, und sie zitterte. Endlich - es war schon Dienstag Nachmittag kam Sophie zu ihr. Die kleine, runde Blondine, mit einem Stumpfnäschen und einein immerwährend lächelnden Munde, war in jeder Beziehung Klara's wahrer Kontrast. Aber noch von der Pension her hatten sie sich sehr lieb. Als Chaje die Tochter des verhaßten Geistlichen die Schwelle betreten sah, erhob sie sich zornig. Aber sie überwand sich, erinnerte sich, daß sie in manchen Stücken vom (Geistlichen abhängig sei, daß er einen großen Einfluß aus die Bauern übe und die geschäftlichen Rücksichten gewannen die Sberhand. Sich verbeugend, führte sie Sophie ins Kabinet ihrer Tochter. Die Freundinnen küßten sich, sperrten die Thüre ab und flüsterten lauge miteinander. Durch die ganze Zeit lachte Sophie nicht ein einziges Mal. Die zweistündige Konferenz schloß sie mit den Worten: „Gut, also des Abends werde ich Dir die Billets des Vaters durchs Fenster übergeben . . nnd sei vorsichtig . ." IX. Die Korrespondenz durchs Fenster zwischen dem Psarrhause und Klara wurde sehr lebhaft geführt. DaS letzte, der Gefangenen am Donnerstag spät in die Nacht überreichte Brieschen, lautete wie folgt: „Es freut mich ungemein, daß Tu endlich Deine Furchtsamkeit und Unentschlossenheit aufgegebeit hast. Also morgen um diese Zeit werde ich Dich erwarten. Du wirst diesen Drt des Schlammes und der traurigen Erinnerungen verlassen mtd die Schwelle eines neuen und, so Gott will, glücklichen Lebens betreten. Der Glaube ivird Dich genesen machen. Deine Skrupel hinsichtlich Deiner Eltern sind nitbegründet. Ich greise nicht jit