Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 18 (3.5.1895)
- Date
- 1895-05-03
- Page
- Seite 278 (sequence 6)
- Language
- German
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zieht, für die Aufnahme aller Juden zu klein, erklären fie gar nicht widerlegen zu wollen, da fie gar nicht die Zusammenziehung aller Juden auf einen Fleck Erde anstreden, sondern nur für das auch dann noch zum größten Teile in der Zerstreuung verbleibende jüdische Volk eine völkerrechtliche Basis schaffen wollen. Dagegen wissen die Zionisten viele Gründe anzuführen, welche geradezu für Palästina und nur für dieses sprechen. Sie beginnen damit, daß sie auf die mit deu seit zwölf Jahren dort gegründeten Kolonien gemachten günstigen Erfahrungen verweisen. Tie palästinischen Ansiedlungen feien trotz der überstandenen Kinderkrankheiten nunmehr in ihrem Bestände gesichert, während amerikanische Versuche trotz anfänglicher Prosperität sehlschlagen. So sei ja auch das große argentinische Kolonisationswerk des Baron Hirsch, der damit den amerikanischen Gedanken, freilich ohne nationale Aspirationen ausgenommen hatte, uunmehr als in feinen Hauptabsichten definitiv gescheitert zu betrachten. Außer dein Ersahrungsmomente machen die Zionisten auch liüd) mehrere theoretische Gründe für Palästina geltend. Die Juden seien Semiten und gehören in semitische Umgebung, wo sie, als Halbarier durch zweitausendjährigen Umgang, die große Kulturausgabe der Kultivierung des Morgenlandes und der Versöhnung der arischen mit der semitischen Rasse besser als jedes andere Volk lösen könnten. Auch sei nur in Palästina unter dem Eindrücke der großen geschichtlichen Traditionen und bei dem Mangel der Kulturauswüchse des Westens eine vollständige nationale Genesung ohne Recidive möglich; nur hier sei die Summe von Ausdauer auszubringen, welche ein Schachervolk braucht, um ein Ackerbauvolk zu werden. In Amerika, wo der moderne Großkapitalismus in seiner ganzen Brutalität wüte, sei dieser Genesungs- und Umwandlungsprozcß nicht möglich. . Der. Großkapitalismus spielt übrigens in der Palästina- Kolonisation selbst eine große Rolle. Ein Teil der Kolonien ist nämlich dinch einen Großkapitalisten comme il' taut, den Baron Edmund Rothschild in Paris, gegründet. Die Kolonisation hat ihn schon sehr viel Geld gekostet, und dieser Uinstand ist es auch, welche die innerhalb der zionistischen Partei an vielen .Crteii vorhandenen sozialistischen Neigungen zügelt, und selbst jenen Teil der Kolonisten, der durch die russisch-revolutionäre Schule gegangen ist, zwingt, sich die von dein „Protektor" in den Ansiedlungen eingerichtete Feudalivirtschast gefallen zu lassen. Die Zahl der in den neuen jüdischen Kolonien Palästinas Angesiedelten beträgt gegenwärtig über 4000. Dazu kommen die durch die nationale Bewegung in die Städte Jerusalem und Jaffa geführten Einwanderer. Alle diese „Jungen" find eine Art Pioniere moderner Weltanschauungen und Bestrebungen gegenüber den von früher her ansässigen Juden, einem körperlich, geistig und sittlich verkommenen, fanatischen Menschenschläge, der voll spstemisierten Bettelgaben lebt, welche voll sromlnen Glaubensgenossen des Auslaildes cinluiifcu. Die neuen Ansiedlungen — mehr als zwanzig — find ebenso aus eine höhere materielle Lebensführung bedacht, als sie für die geistige Ausbildung ihrer Einwohner sorgeil. Selcht die durch Vereine unb Genossenschaften, also mit verhältnismäßig geringen Rütteln gegründeten Kolonieil, zeichnen sich durch Drdnung lind Reinlichkeit aus lind rveiseli die allernotwendigsten WohlsahrtSeiilrichtuilgeil, Spital, Schule, Synagoge ans. In den Rothschild'schen Kolonieil findet sich sogar des Guten zu viel, wie beispielsweise aus nachstehender, einer zionistischen Broschüre aus bctit Jahre 1893 entnommener Beschreibung der Kolonie Lichron Jakob ergiebt. „Sichroil Jakob bietet ein geradezu überrascheildes Bild. Die Häuser sind nett, in jedes Haus führt ein Auslausbrunnen, welcher reines, durch Dampskrast gehobenes T.uelllvaffer liefert', über die Felder breitet sich ein Bewässerungsnetz, die Straßen sind zum Teile gepflastert und durchaus seitlich mit Bäuluen bepflanzt. Die Umgebung der Kolonie ist reizvoll, mit Reben bepflanzte Hügel sehen aus dieselbe hinab. . . . Voll den gemeinnützigen Aiistalten der Koloilie silld zu erwähnen: die schöne Synagoge, das Krankenhaus, die Knabenschule, die Mädchenschule, das Bad, der öffentliche (Karten, eiidlich das eillstöckige Venvaltuilgshaus." Bei allen Maßnahmen, namentlich den aus die (Geistesbildung bezüglichen, wird der nationale Endzweck nicht außer Acht gelassen. An der Spitze des geistigen Gebens der „Jungen" steht eine Anzahl energischer und begeisterter, zuni Teile auch sehr begabter Männer, die die nationale Richtung angeben. Tie Schuleil erhallen den hebräischen Eharakter, indem die hebräische Sprache zur Unterrichtssprache gemacht wird. In dieser Hinsicht ragt -die große Knaben- und Mädchenschule in Jaffa hervor, der demnächst ein hebräisches Gymnasium angegliedert werden soll. Ja, es ist sogar schon der Gedanke einer hebräischen Universität in Palästina ausgetaucht. Das Kampsorgan der Rationalen in Palästina ist „Hazwi"; eine hebräische Wochenschrift, deren Redakteur Ben-Jehuda vor einem Jahre wegen Hochverrats angeklagt war. Die dem schneidigen, radikalen Schriftsteller aufsässigen fanatischen Rabbiner Jerusalems denunzierten ihn nämlich bei der schon längst gegen die Kolonisatioii uiißtrauischen Regierung — hat dieselbe ja schon zwei allerdings konsequent gehandhabte Verbote der jüdischen Einwanderung erlassen —, daß er in einem Artikel seiner Zeitung die Juden Palästinas zilin bewaffneten Ausstande ansgesordert habe. Die Denunzianten konnten, da sie selbst als autoritative Dolmetscher betrachtet werden, durch falsche Uebersetzung leicht die Berechtigung ihrer Anklage Nachweisen. Ben-Jehuda wurde von der ersten Instanz in Jerusalem zu einjährigem Kerker verurteilt, vor denl Appellgericht in Beirut aber sreigesprochen. Mit diesem düstern Bilde aus dem alten Palästina wollen wir unsere Mitteiluiigen über jene Bewegung schließen, welche ein neues Palästina schassen >vill. Wir haben sie, über die infolge einer nicht unbegreiflichen Idiosynkrasie der mitteleuropäischen liberalen, den Antisemitisinus bekämpfenden Presse sonst so wenig im Publikum bekannt ist, in den verschiedensten Formen gesehen: Als nationale Ideologie mit aristokratischem Zuschnitte in England, als nationale Wohlsahrtsbeivegnng in Rußland und Rumänien, als Juden christentum, als national-demokratische Dpposition mit konservativ -orlhodorei» Beigeschmack in Deutschland, als puren Bourgeois -'Rationalismus in Westösterreich, als wzialiitisch angehauchte politische Rationalvarrei in Galizien. Immer und überall aber bleibt ihr Hauptziel: Ahasvers Ruhebedürsnis durch ein eigenes Heinl zu befriedigen.