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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · p. Seite 276

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 276 (sequence 4)
Language
German
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Seite 27t! JefcHururr. Nr. 18 fit es zu danken, das, der grobe Unsng ansgehört bat, der die Befriedigung des Bedürfnisses nach gottesdienstlichen Veranstaltungen an den hohen Feiertagen zum (Gegenstände des (Gelderwerbes machte und, ivas das schlimmste war, bei der Auswahl der Räumlichkeiten eine erschreckende Unempfindlichkeit gegen alle Schicklichkeitsrücksichten zeigte. Ihm ist es zu danken, daß die erforderlichen Veranstaltungen von Genwindewegen in die Hand genommen wurden; ihpi ist es ferner zu danken, daß die (Gemeindeverwaltung eine Religionsfchnle neu einrichtete und daß ein Spnagogennenbau ernstlich wenigstens geplant wird; seinen Bemühungen endlich ist es zuzuschreiben, daß in zwei auseinander folgenden Wahlen eine Anzahl Männer in die Repräsentantenversammlnng geschickt, worden sind, denen es gelungen ist, in dem Gemeindevorstand einige Zweifel an seiner Unfehlbarkeit und namentlich an seiner unfehlbaren Sicherheit zu wecken. Diese Erfolge sind dankenswert; sie lassen es begreiflich erscheinen, daß ihre Urheber ans dem eingeschlagenen Wege sortznschreiten wünschen und es als eine Unbehaglichkeit empfinden, wenn ihnen zugenintet wird, in ungleich schnellerem Tempo vorzugehen und hierbei die große Menge der Gemeinde mitglieder mit sich sortznreißen. Ich habe diese Zumutung gestellt und wundere mich keineswegs, daß ich bei den ihrer Verantwortlichkeit sich bewußten Führern des Vereins keine unbedingte Neigung gesunden habe, sich sofort ans ein den seilherigeit (Gepflogenheiten so völlig widerstreitendes Regime einzurichten. Dnrch's Veben gehend mit bescheidenem Wunsch, ist es ihnen natürlich, im leichten Jener mit dem Salamander zu wohnen. Sie haben in geräuschloser Thütigkeit Rühmliches erreicht und sind nicht sogleich entschlossen, das Errungene auf's Spiel zu setzen. Das Zögern macht ihnen Ehre, denn es ist konsequent. Wären sie von vornherein der Meinung gewesen, daß eine entschlossene Haltung ratsam sei, so hätten sie ans mich nicht erst gewartet. Sie nehmen Rücksichten ans die Zusammensetzung ihrer (Gefolgschaft, die nicht einheitlich ist, sondern nur unter einer bestechenden Devise sich vereinigt hat, welche allen seither Benachteiligten ideellen Nutzen verspricht, unter der Devise nämlich: gleiches Recht für alle religiösen Richtungen in der Gemeinde. Sie besorgen, daß man sie mit einer bestimmten Richlnitg identifizieren möchte, ivenn ne eine andere bestimmte Richtung, die bisher allein maßgebend gewesen ist, mit Entschiedenheit bekämpfen. Solches feine Diplomatifieren aber ist mir zu fein, und ich hoffe, daß es mir gelingen wird, die weiter des Vereins sämtlich dahin zu bekehren, daß unbedingte Offenheit auch hier die beste Politik ist. Was der Zentralverein erreicht hat, ist gut, ober es ist winzig gering im Vergleich zu dem, was erreicht werden muß; wird an den Rettnngsapparaten in dem gemütlichen Tempo weilergearbeitet, so erleben unsere Kindeskinder die Fertigstellung nicht, und die Berliner Indenheit ist ansgestorben, ehe ihre religiösen Wohnungen gebaut sind. Tie Rot, in der die Indenheit Berlins sich befindet, erfordert schweren Kamps, der nicht mit Verbeugungen und Komplimenten geführt werden kann. Es geht nicht an, die Kräfte an Nebendinge zu verzetteln, und es ist hohe Zeit, der (Gewöhnung zu entsagen, als wäre die (Gemeinde Berlin nicht zu leisten imstande, was jede kleinste Gemeinde im Reich als selbstverständlich ohne Mnrren prästiert. Mit dieser (Gewöhnung, die überall Schwierigkeiten sieht, muß aufgeräumt iverden, und nicht minder mit denen, die an solcher Gewöhnung durchaus festhalten wollen. Das mag hart erscheinen, aber es ist niemals so hart, wie die Not, die nicht anders gewendet iverden kann als durch die notrvendigen Mittel. Darum ist es auch nicht zulässig, neuen Wein in alte Schläuche zu füllen und etwa zu erwarten, daß die Männer, die lange Jahre hindurch an ihren vornehmsten Obliegenheiten stnmps vorbeigegangen sind, nun den Beweis erbringen iverden, daß möglich sei, was ne immer als unmöglich ansgegeben haben, daß sie durch ihre eigenen Anstrengungen ihre ganze Vergangenheit selbst desavouieren. Ich liebe den Frieden wie irgend Einer. Aber ein Frieden ohne Befriedigung verdient seinen Namen nicht, und wer von Frieden spricht so lange der Feind im ZMnde steht, der empfiehlt mit heuchlerisch beschönigender Bezeichnung die ivürdelose Unterwerfung. Darum macht auch das Friedensgewinfel der Allgemeinen Zeitung des Judentums, an der nichts jüdisch ist als ihr Deutsch, ans mich nicht den beabsichtigten Eindruck. Ich habe Helle Freude an der alten jüdischen'Gemeindeversassung, die uns erhalten geblieben ist und die dem .Wien die Entscheidung läßt über die Einrichtungen des religiösen Gebens. Doch das Uebergewicht des Kaientnms, das ich für heilsam erachte, ist nicht identisch mit der Herrschaft dkr Ignoranz, so wohlmeinend und so selbstgefällig diese sein mag. Vorbehaltlos erkenne ich an, daß die Männer, denen das Ehrenamt übertragen wird, als Repräsentanten der (Gemeinde deren (Geschäfte zu führen, schivere Opfer an Zeit und Mühe bringen. Doch ist es verkehrt, wollte man sagen, daß ne für diese Opfer an Zeit und Mühe Dank zu beanspruchen hätten- Vielmehr bildet der Aufwand an Zeit und Mübe den Tank für die Ehre, die mit der vertrauenden Wahl ihnen erwiesen worden ist. Wer dieses Verhältnis verkennt, der begiebt sich als Wähler feines Rechts und als (Gewählter seiner Pflicht. Es giebt keilte (Gemeinde, die ohne gute Budgetordnnng ansztikommen verntöchte. Darum jedoch stehen Geldrücksichten nicht voran, und die Sorge, was wohl die Höchstbestenerlen sagen oder thnn möchten, darf nicht bestimmend sein. Seinen reichen Mitgliedern verdankt das Judentum Haß und Neid und Verfolgung im reichen Maße - das »vollen wir brüderlich und ohne Murren als eine Schickung tragen aber es darf ihnen, die vielfach abschiedsbereit dastehen und zuweilen blos deshalb nicht schon gegangen sind, »veil. sie an anderer Stelle keinen freundlichen Empfang vermuten, nicht auch noch die innere Verarmung verdanken. Die jüdische Gemeinde Berlin kann eine große Anzahl ihrer reichen Mitglieder verlieren, und sie ist immer noch reicher als der Durchschnitt der deutschen Gemeinden. Wir lmben also hier nicht einmal die Entschuldigung der Not, ivenn wir um der Wenigen nullen daraus verzichten, uns die Einrichtungen zu schassen, die uns vor dem traurigen und im Falle des eigenen Verschuldens schmählichen Schicksal dev Untergangs beivahren würden. Jahrtausende reicht unsere Geschichte zurück, die in allem p'eid das stolzeste Kapitel in der Geschichte der Menschheit ist. An dem gewaltigen Baume der Indenheit bilden die deutschen Inden einen stattlichen Zweig. Wer wagt es, diesen Zweig verdorren, seine Blätter welken zu machend — Hier in Berlin ist das Mögliche geschehen, so klägliches Ziel

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