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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 275 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. AescHrrrrrn. Seite 275, l'aci wäre (U'ob gewesen, aber mir hätten den ebrlicben Menschen sehen wollen, der diese (Grobheit getadelt hätte; dieser Ausweg ist aber zu einfach nnd menschlich, als daß er der Kreuzztg. in den Kram passen sollte. Das Bild, welches sich nach den Herzensergüssen derselben vor unseren Augen entrollt, sieht folgendermaßen aus: Der kaufmännische Beruf soll dein Huden durch den von der .... Nächstenliebe diktierten Ruf „kauft nicht bei Inden" und durch andere Erfahrungen unmöglich gemacht werden. Die Bauern werden gegen die Juden aufgehetzt, die'Landwirtschaft segelt in der Hochflut des Antisemitismus, wodurch die Juden natürlich am allerwenigsten zttin Ackerbau — ihrer ursprünglichen Beschäftigung, bis sie ihm durch christliche Staatsgesetze untersagt nnd verleidet wurde - sich hingezogen fühlen können. Einen jüdischen .Knaben bei einem Handwerker in der t'ebre unterznbringen, hält schwerer, — als einen Kreuzzeitungs-Redaktenr zitin Philofemiten nmzukrentpeln, und daß die Handwerker seit dem unseligen Innungs- und Zunftwesen nichts gelernt nnd nichts vergessen haben, das bewiesen die großntäuligen Don Ouixoterien auf dem VIII. deutschen Handmerkertage, der jüngst zu Halle abgehalten lvnrde. Die Konkurrenz in der Presse ist der Kreuzztg. ans Selbstekhaltnngstrieb auch nicht erwünscht. Die Beamtenkarrieren in allen Zweigen der Berwaltnng — Post, Steuer, Militär, Forstfach n. s. w. --- waren den Inden stets verschlossen, wenn sie nicht kurzweg das berühmte Einlaßbillet sich lösten. Dieses Billet hat eine wunderwirkende Kraft, denn es „verbessert" die Moral von einem Tage zu andern, und befähigt den Inhaber, sogar der Nachfolger des untadelhaften Kanzlers leist zu werden. Wir wollen nicht verfehlen, hier auf einen Fall hinzuweisen, der vor kaum zwei Monaten sich ereignete. Schauplatz : eine Gymnasialstadt im Südweften der Monarchie, Adresse steht zur Verfügung. Da hat ein junger Mann bis zur Oberprima seinen — jüdischen Religionsunterricht genossen, stets gegen den Antisemitismus gekämpft, ja er verlangte sogar einmal von den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr d. A." die öffentliche Brandmarknng eines Spielwarengeschäftes, welches unbewußt ein Marionetten- Theater verkaufte, dem ein Tertbuch beigesügt war, in welchem ein Jude eine etwas unrühmliche Rolle spielte. Wir ivissen nicht, war es der Aerger über die Nichterfüllung dieser Bitte, oder etwas anderes, was den Wechsel veranlaßte, kurz der junge Mann wurde 14 Tage vor seinem Abiturienteneramen - - im Beisein der herbeigeeilten jüdischen Mutter — evangelisch getauft, und er figuriert im Schulprogramm als „evangelisch"; ja die Verbesserung seiner Moral hatte sogar rückwirkende Kraft, denn er wurde auch auf den: Zeugnis zum einjährigen Dienst als guter Christ bezeichnet, und es steht ihm jetzt nichts mehr im Wege, Korpsstudet, Minister, ja sogar Reservelieutenant zu werden.- I" es geschehen noch Wunder in der Welt! Was soll aber ans den Juden werden, an denen ein solch hohes Wunder sich nicht vollziehtV Ein Wunder kann doch nicht erzwungen werden, wie die fromme Kreuzztg. wohl weiß, denn sonst wären wir schon mit Volksschulgesetz, Kanitzisnlits, Bimetallismus und anderem .... ismns beglückt. Gewaltsam taufen V Das würde die Konkurrenz noch verschlimmern. — Sie durch eine „heilige" Jngnifition „liebevoll" bekehren? Rach den bekannten Vorgängen im judenfreien nnd nmcherreichen Spanien läßt der Erfolg dieser Maßregel viel zu wünschen übrig. Sie aus dem lande jagen? Ja, welche „Thal" würde dann die Kreuzzeitungsritter daran erinnern, daß sie . . . „Christen" seien? Wir wissen, daß die Krenzzeitnng weniger Rasseltals Religions-Antisemitismus treibt — wenn sie dies auch infolge der letzten ReichsgerichtSentfcheidnng, zuweilen durch die Umstände gedrängt, bestreiten dürfte -; von welchem Standpunkt aus will sie den Raubmord eiues Gustav Eichinger beurteilen, welcher germanischen Urfpruchs, vom Judentum weiter nichts gelernt, hat, als ein Judenmädchen zu heiraten und unglücklich zu machen? Die Krenzzeitnng schließt mit der schmeichelhaften Befürchtung, daß 50 Mill. Christen gegenüber y* Mill. Juden in Gefahr sind, ihre Widerstandskraft zu verlieren, und wir thun es mit der Bitte, daß wenn uns unsere staatsbürgerlichen R e ch t e genommen werden, daß uns auch das von Hunderten von Inden in Würdigung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten für die Einheit Deutschlands vergossene Blut wiedergegeben werde. Pflichten ohne Rechte sind im modernen Staatsleben ein Unding, und wer uns ein teuererworbenes Gut wieder abnimmt, hat doch wenigstens die verdammte Pflicht, uns den Kaufpreis wiederzuerstatten. Wir hoffen, daß die Erwartungen der Krenzzeitnng sich niemals erfüllen; wir hoffen aber nicht, sie durch Vernnnftgründe auf den rechten Weg zurückzuführen, jedoch: D<>v8.in 6t haec olim meminisse juvabit! De. ]U. Der Zentralem». Bon M. A. Klausner. Der Zentralverein für die Interessen der jüdischen (Gemeinde in Berlin hat im März nnd April die fünf von seinen Statuten vorgeschriebenen Frühjahrs - Bezirksversammlungen abgehalten. Die Teilnahme war, nach der Zahl der erschienenen Mitglieder zu urteilen, nicht geradezu überwältigend, gab aber immerhin Zeugnis dafür, daß das Interesse an Gemeindeangelegenheiten nicht völlig erstorben ist. Wer genauer beobachtete, mochte vielleicht wahrnehmen, daß das regere Interesse nur zurückhielt, weil es ihm an der erwähnten Anregung fehlte und die gebotene nicht ganz ausreichte. Vielleicht habe ich mich geirrt, als ich diese Wahrnehmung zu machen glaubte, denn unter allen Umständen war bei mir der Wunsch vorhanden, der der Vater des Gedankens fein konnte. Der Verein, der mir bisher fremd war, hat auf mich den besten Eindruck gemacht. Tie Verhandlungen waren geschickt geleitet, die Debattierenden zeigten fast ausnahmslos eine das Dnrchfchnittsmaß übersteigende Redegewandtheit, die Vorträge enthielten fachliche Belehrungen, denen verdienter Dank gezollt wurde. Es liegt in der Natur der Lache, daß Abwechselung eigentlich allein in den Vorträgen geboten wurde, die verschiedene Themata behandelten: die Kranken- und Wohlthätigkeitseinrichtungen, die Unterrichtsaitstalten, das Budget der Gemeinde und den Synagogenbau. lebhaftere Erörterungen knüpften meines Erinnerns an die Fragen des Religionsunterrichts und des Synagogenbaues. In allen Versammlungen kehrte, wie billig, der Bericht über die Vereinsthätigkeit wieder. Die Vorstandsmitglieder rühmten mit Fug, was der Verein seit seinem Entstehen erreicht hat. Ihm V

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