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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · p. Seite 274

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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Seite 274. ZeslHurun. Nr. 18. Hut nun einmal mit seinem allen Gott einen Blind für ewige Zeiten geschlossen, und wenn auch mancher jüdische Kaufmann seine Wechsel protestieren laßt, so honoriert er stets die Unterschrift, die seine Ahnen ihrem Wott gehen. Er bleibt ihm treu, seihst wenn jener ihn ausgegebcn zu haben scheint, sich von ihm abgemendet, ihn seinen Feinden preisgiebt. Er läßt sich durch solche Widerwärtigkeiten durchaus nicht heirren, sondern harrt treu aus, bis ihn wieder ans den düsteren Wolken des Unheils die goldene Lonne der Verheißung anlächelt. Er harrt aus aus seinem Posten ritid dersertiert nicht. Und wie es auch in der tapfersten, bestdisziplinierten Armee Feiglinge giebt, Ueberlätffer, Verräter, so gab es und giebt es solche in der großen Legion des Judentnins. Doch das sind nur vereinzelte Abtrünnige, und selbst auch diese wenigen Deserteure haben nie ganz die Verbindung mit ihren früheren LtammeSgenossen abgebrochen; sie bewahren ihre Liebe uild Dreue, selbst wenn sie die höchsten Stufen der hierarchischen Leiter erklomnien. Und wenn sie auch manchmal ihre einstigen Brüder verfolgen mit ihrem Haß, so thun sie eS nicht aus Schlechtigkeit, sondern aus innerer Wut, daß sie nicht mehr zu dein alten Bunde gehören. Diese Ausbrüche der Intoleranz sind nicht Folge intensiven Haffes, sondern Resultate verschmähter Liebe. Der Jude hat einen instinktiven Abscheu, einen innerlichen Widerivillen gegen den Abtrünnigen und macht aus dieser seiner Antipathie keilt Hehl. Das ist ein großer Fehler. Nun, was sagen Sie, my dear Sir, zu diesem Volke, dem Sie nun jeglichen Idealismus absprechen? Meine innigste Ueberzeugung ist, daß die Juden die idealste Rasse der Welt sind. Wer nur einiger Dropsen Wasser wegen so duldet und erträgt, wie der Jude, der solcher Folter und Marter, solchen Versolgungeit und Dualen, solchem Haß und solcher Verachtung sich aussetzt, während er durch etliche Warte, durch einige Dropsen Wasser diese unerträgliche Bürde von sich abschütteln könnte, der isi ideal veranlagt; dem steht das Ideal höher als die Wirklichkeit, dem kann und darf ich meine Hochachtung nicht versageit... Die Reue Preußische Kreuzzugs - Predigerin kommt in einem „Das Iudentuin und die gelehrten Berussarten" überschriebenen Artikel aus, curch eine Mischung von Wahrheit und Lüge zusannnengestellten Voraussetzungen zu seltsamen Schlußfolgerungen, die zwar nicht mehr neu sind, es aber verdienen, auch der nicht-blaublütigen Oeffentlichkeit nicht vorenthalten zu werden, da es trotz der Behanptnngeit der .Kreuzzeitung auch jenseits der Grenzpfähle der „Gebnrtsariftokralie" noch Menschen giebt. Daß selbst da, wo sie Honig verzapft, der Stachel nicht fehlt, ist bei den Gesinnungen dieses Blattes selbstveritändlich; wir sprechen natürlich nicht van der — sit verdat verbo — religiösen Weltanschauung dieser Zeitung, sondern von ihrer Rassen-Eigentüinlichkeit. Sie hat nichts dagegen, daß die Juden Medizin studieren, denn als tüchtige Aerzte können sie auch der Menschheit als Juden dienen und werden es infolge des ihnen „angebornen Erwerbsbetriebes mit der Praxis nicht leicht nehmen" — wir sind uns nicht klar, ob letztere Behauptung ein Kompliment für die jüdischen, oder eine hinterlistige Unverschämtheit gegen die nichtjüdischen Aerzte hedentet, ob das heißen soll, daß nur jüdische Aerzte und Professoren große Honorare nehmen, die christlichen aber lediglich ans - nicht allzu erhaben entwickelter - Hninanitätsdnselei „arbeiten". Diese Annahme würde uns an diesem Platze, wo jahraus, jahrein der göttlichste Blödsinn ohne Beweisführung fabriziert wird, gar nicht einmal Wunder nehmen. Mit dieser gnädigen Zulassung zum ärztlichen Berufe — welche durch die Bemerkungen, daß es dein bochgeneigten Publikum überlassen bleibe, sich dagegen privatim am erfolgreichsten zu wehren — ist die Ri oral und die Menschenliebe des das christliche Symbol mißbrauchenden Blattes erschöpft, und es geht zum schweren Geschütz über, woran ö wir sehen, daß obige Auslassung nur dazu da ivar, um an seine guten Absichten glauben zu machen. Die Zulassung der Inden zur Richterkarriere — der einzigen erreichbaren — ist das Pentagraunna, das der Kreuzzeitnng Pein tnacht, und sie gesteht es mit ungewohnter Dfsenheit ein, daß ihr Ideal die Wiederaufhebung der Indenamanzipation sei. Da dies aber „ängstlichen Gemütern" zil radikal erscheinen dürste, so verschmäht ihre — Rassen- — nicht religiöse — Moral es nicht, einige Hinterlhürchen zu öffnen, um der Spielverderberin Verfassung eine Rase 511 drehen. Wenn durch Aufhebung der Ernennung von Richtern nach AneienitätS-Verbältnissen Recht zu Unrecht wird, bann wird auch die Eidesnot mit einennnale ein Ende haben! Da sie die Eidesnot nicht bei j üdifchen Verbrechern haben will, fragen wir: Wie kommt es, daß die Inhaber einer „bessern" Moral eden durch diese gegen Falscheide iticht besser geschützt sind? Soll ein neuer Krenzzng gegen die mohammedanischen Völkerschaften deswegen in Szene gesetzt werden, damit die unter ihnen wohnenden christlichen Rotbürger auch dtirch christliche Richter gegen — sich selbst geschützt werden? Wir wollen ihr zugeben, daß es tiesbedauerlich sei, daß die jüdischen Abiturienten kein Zeugnis der religiösen Reife zur Uitiversitüt mitbringen, und daß es unverzeihlich ist, daß an den Anstalten, an welchen jüdischer Religionsunterricht gegen eine lächerlich-geringe Remuneration, für welche kein christlicher Geistlicher zu haben wäre, erteilt wird, kein Mensch sich tun denselben küutniert, .... int Jargon der Kreuzztg. heißt das: „Tie maßgebendeRolle auf den Gymnasien spielen" . . Zu welcher Schlußfolgerung muß aber ein verständiger Mensch angesichts dieses himmelschreienden UebelstandeS kommen? Natürlich zum Verlangen, daß diese Lässigkeit und Gleichgiltigkeit des Staates einer ernsten Stellungnahme zu dieser hochwichtigen Frage weichen ntüsse. Anders jedoch die Kreuzzeitung. Man kann ihr doch, wenn ihre Kreise bedroht werden, keine Blödigkeit, ja, keinen Mangel an Frechheit gegeit beit Racker Staat, der nicht ihren Willen thut, vorwerfen; hier wäre eine unwiderbringliche Gelegenheit gewesen, den Staat solgenderntaßen zu apostrophieren: Du, Staat, hast dich einer groben Pflichtvernachlässigung schuldig geiriacht, indem du eine Anzahl von Jünglingen zum Studium zulässest — auch in der Medizin und allen anderen Berufszweigen ist die Religion nicht schädlich — ohne ihren religiösen Unterricht veranlaßt, beaufsichtigt und von den Erfolgen dich überzeugt zu haben. Es ist also in deinen Anorditungen etwas faul, und wenn du von uns den Stützen voit Dhron und Altar, den Krücken von Recht und Gerechtigkeit — weitere Heeresfolge erwartest, so erwarten wir, daß du dich ehestens aus deine Pflicht besinnest, widrigenfalls wir Dir dieserhalb im Abgeordnetenhanse, wo wir die Majorität haben, das Leben sauer machen werden!

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