Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-05-03 · 18 (3.5.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
18 (3.5.1895)
Date
1895-05-03
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4794838-9608360-9608569--0406-9608570
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Io. is. Jahrgang i v. llgenrerne Herausgeber. Jk. Levin, Berlin. 35orfttt,Mai 1895. Bezugspreis: vierteljährl. 2 Wk. Erscheint an jedem A,eitag. Bezugspreis für das Ausland.' Wk. 2,SO. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Iiedaktion und Vertag: Hr. Kamöurgerstr. 21. Anzeigen, die Zeile 25 Bl-, nehmen alle Annoncen-Lxpeditionen sowie unser Bureau entgegen. —>—i—i—^—— . MW' 1 Jitliali: Der Idealismus der Juden- Ärenzzeituugslogik- Vou Dr. M- Der Zentral verein- Von Al- A- Klausner- Berliner Briese- I- Tie zionistische Bewegung. Von Matthias Acher. „Die jnd- Lpeisegesetze" von Rabb- Tr- Wienerchntgleist. Von Wilhelm Feldman. Wochen-(5hronik. — Kalender. — Brief- und F-ragekasten. — Anzeigen. Dn Idealismus der Juden. Als Baron Hirsch die Erlaubnis der russischen Regierung zur Auswanderung russischer Juden nach Argentinien erlangen wollte, schickte er bekanntlich den Engländer Mr. White nach Rusiland. Dieser erhielt, als er von einem russischen General Auskunft über den Eharakter der Inden begehrte, folgende Antwort: „Ich hatte während meiner langen administrativen und militärischen Laufbahn, sowohl in den süd- und nordwestlichen Gebieten als auch in Besiarabien und Neurußland Gelegenheit, die Inden näher kennen zu lernen und ohne mich zu den Philofemiten zu zählen, muß ich Ihnen sagen, daß mir dir russischen Juden ebenso viel Mitleid als Achtung einflößen. Ich habe noch nie ein Volk gesehen, welches trotz des entsetzlichen Druckes, dem es seit Jahrhunderten ausgesetzt gewesen, so ideal veranlagt geblieben, als eben der Jude. „Ideal veranlagt, General!" rief hier Mr. White ans, „ist das nicht zu viel gesagt? Jüdischer Schachergeist und jüdischer Idealismus - wie reimt sich das?" „Ja, ideal veranlagt sind die Juden," sagte der General mit starker Betonung, „und ich bin bereit, diese Behauptung nicht nur zu verfechten, sondern Ihnen auch die unwiderlegbarsten Beweise von deren Richtigkeit zu liefern." „Darauf bin ich sehr begierig," erwiderte mit leichtem Spotte der Brite. Darauf erwiderte der General: „Wie nennen Sie ein Volk, das seit Jahrhunderten dem furchtbarsten Drucke ausgesetzt gewesen, das die unerhörtesten Verfolgungen erlitten, welches mau bestrebt war, mit Feuer und Schwert auszurotten, welches man der elementarsten, menschlichen Rechte beraubte, dessen Menschenwürde man mit Füßen trat, das man in seinen heiligsten Gefühlen verletzte, und welches trotzdem standhaft und treu ausgeharrt, nicht zum Verräter wurde an seiner Religion, an seinem Gotte? Denn die wenigen Abtrünnigen abgerechnet, die sich durch weltliche Vorteile verlocken ließen, ihren Glauben abzuschwören, hat das Gros des jüdischen Volkes ausgeharrt trotz aller Verlockungen. Und es genügten doch einige Tropfen Wasser, um den rechtlosen Juden zu einem vollberechtigten Christen umzuwanoeln, um aus dem Paria einen Braminen, aus dem Heloten einen Patrizier zu machen. Einige Tropfen Wasser — und aufgehört haben alle Verfolgungen; sperrmeit öffnen sich die Thore des Ghetto, ausgenommen wird der .Konvertite in die Reihen der Bürger. Nicht mehr braucht er den niedrigsten Handlanger der heiligen Hermandad zu fürchten, daß er ihn beim .Fragen ergreife und ihm die ewige Frage zudonnere: Jude wo ist Dein Paß? . . . Einige Tropfen Wasser und alle Beschränkungen haben aufgehört, frei kann er das weite russische Reich durchziehen, die Schranken sind gefallen, Handel, Industrie und Gewerbe stehen ihm offen. Auch die Tempel der Wissenschaft öffnen ihre Hallen vor ihm, vor seiner 'Nachkommenschaft. Gymnasien und Realschulen, Akademien und Universitäten, .Konservatorien und Forstkorps, Theaterschulen, Technologische Institute, in die er bis dahin nur verstohlen, einzeln oder gar nicht eindringen konnte, sind ihm zugänglich gemacht. Er kann in die Oper, das Ballet, den dramatischen Musentempel frei und offen dringen, er kann Sänger, Schauspieler und Tänzer werden, alles was er bis dahin nur maskiert, seine Rationalität, seinen Glauben verleugnend, werden durfte. Er kann in die Armee treten, in die Beamtenhierarchie, kann die höchsten Stufen erklimmen (wie es auch manchem Renegaten gelungen) und — er bleibt in der Tiefe, im Dunkeln, gehaßt und verfolgt, gleich dem wilden Tiere gehetzt, rechtlos und erwerbslos, selbst der homöopathischen Rechte beraubt, die ihm selbst das Gesetz, diese so unbarmherzige Stiefmutter, gewährt, fast vogelfrei erklärt, Sklave eines jeden niederen Polizeiagenten. Und es bedürfte doch nur etlicher Tropfen Wasser, um aus dem gehetzten Wilde einen vollberechtigten Bürger zu machen. Einige Tropfen Wasser . . . und er darf Platz nehmen an dem Bankett des Lebens, darf schmausen und genießen. Und selbst dieses kleine Opfer will der Jude nicht bringen; er, der sonst doch nicht sonderlich wählerisch in den Mitteln ist, um das augestrebte Ziel zu erreichen, kann nicht schlüssig werden, diese kleine .Konzession zu machen; er, der so „gierig auf Geldgewinn" ist, kann für so wenig so viel kaufen, und verschmäht es; er, der „verkörperte Materialismus", der „fanatische Anhänger des Mammon", will fein Gewissen nicht um alle Schätze der Erde verkaufen; er schachert mit allem, nur nicht mit seinem Glauben; er hausiert mit alten Hosen, abgelegten Westen, schwindsüchtigen Fracken, lebensmüden Stiefeln und verzweifelten Hüten, aber seinen Gott verkauft er nicht, dem bleibt er treu, obgleich ihn derselbe nicht immer' mit Glacehandschuhen anfaßt. Thut nichts, er

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.