Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 17 (27.4.1895)
- Date
- 1895-04-27
- Page
- Seite 273 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 17. 3 e | 4 u t ii n. Seile 278 imb S.AV. zu der diesjährigen ordentlichen Generalversammlung einberufen. Geleitet wurden die Versammlungen im Osten von dem Vorsitzenden Herrn Repräsentanten Leichtentritt und im Westen von dem Vorsitzenden des Gesamtvereins Herrn Repräsentanten Jul. Oppenheim. Die Tagesordnung war in beiden Bezirken dieselbe: 1. Bericht über hies. Gemeindeangelegenheiten, Ausgaben und bisherige Thätigkeit des Vereins mit anschließender allgemeiner Diskussion, 2. Ergänzungswahlen. Im Osten referierte Herr Leichtentritt über die Entwickelung der humanitären Anstalten in Berlin, und im Westen Herr Repräsentant Martin Simon über den Etat der jüdischen Gemeinde. Beiden Rednern dankte die Versammlung für ihre objektiven, instruierenden Referate. — Daß ivir in Berlin mitten in der Wahlbewegung stehen, bewies die Diskussion in beiden Versammlungen, die mit großer Verve und Wärme geführt wurde, und deren Kehrreinr stets lautete: Die Gemeindeverwaltung recte der Vorstand der jüd. Gemeinde Berlin hat in beit letzten drei Jahrzehnten nicht das gethan, was er thun sollte. Während man sich im Osten hierüber einig war, erstand in der Bersamnllung im Westen dem Vorstand ein eifriger Verteidiger in der Person des Herrn Hirsch aus der mit 7000 Mk. jährl. subventionierten Gemeinde Charlottenburg. Es sei nicht richtig, wenn man für die Versumpfung allen jüdischen Gebens in Berlin den Vorstand verantwortlich mache; schuld" seien nur wir, die Eltern u. f. w. u. s. w. Daß diesen Ausführnilgen widersprochen und daß sie widerlegt wurden, ist ja wohl selbstverständlich, — selbstverständlich besonders angesichts der Thatsache, daß in beiden Versammlungen die Gründer und beredten Wortführer des Zentralvereins anwesend waren und daß auch der jüngste und — wir dürfen es sagen — bestgehaßte und meist gefürchtete Rufer im Streit, der politische Leiter des „Börsen-Couriers", Herr Klausner, in beiden Versammlungen erschienen war, um seinen den Lesern dieses Blattes bekannten Standpunkt zu vertreten. Es würde den Raum eines kurze,: Berichtes bei weitem überschreiten, wollten wir den Gang der Debatte, die in beiden Fällen fast bis Mitternacht dauerte, auch nur andeuten. Wir wollen darum nur noch die Thalsache registrieren, daß die Mitglieder des Zentralvereins guten Mutes in den Wahlkampf ziehen, in der Erwartung, daß alle Männer in Berlin, die nicht wollen, daß das Judentum aus dem Herzen des Heranwachsenden Geschlechts gänzlich entschwinde; die nicht wollen, daß das geistige Band, welches uns mit der jüdischen Gesamtheit verbindet, gewaltsam durchschnitten; die nicht wollen, daß das offizielle Judentum bis zur Unkenntlichkeit verstünunelt, oder seiner jüdischen Eigenart entkleidet werde, — kurz, daß alle Männer in Berlin, die dies und manches andere nicht wollen, sich um das Banner des Zentralverems scharen und mit ihm ziehen werden zum Kampfe, zum Siege! Die W i ss e n s ch a f t l i ch e Vereinigung j ü bischer Schulmänner zu Berlin, die sich jüngst gebildet hat und bereits ihren Zielen mit großer Schaffensfreudigkeit nachstrebt, hält die nächste wissenschaftliche Sitzung Sonnabend, den 4. Mai, abends 8:!/4 Uhr im „Hotel Münchener Hof," Spandauerstraße 1118 ab. In der Sitzung wird Herr Lehrer Traubenberg über das Thema: „Eine Lücke in der jüdischen llnterrichtslitteratur" referieren. Alle diejenigen, die den Bestrebungen der Vereinigung sympathisch gegenüberstehen, sind freundlichst willkommen. * g. Rach dein uns vorliegenden Jahresbericht für 1894 des „Vereins zur Förderung des Handwerks unter den Juden" in Posen hat der Verein zur Förderung der Handwerkslehrlinge verausgabt: in baren Unterstützungen 839 M., für Bekleidung 108,50 Mark, zusammen also 1002,50 Mk. Am 1. Januar 1894 betrug die Zahl der vom Vereiu unterstützten Lehrlinge 11; es schieden aus 2, dazu kamen 5 junge Leute; es verblieben somit am Jahresschluß 14 Lehrlinge, davon waren beschäftigt je 8 als Schneider und als Schuhmacher, je 2 als Steinmetz und als Uhrmacher, je 1 als Litograph, Tapezier, Bäcker und Fleischer. Dem Reservefonds wurde, entsprechend den Vereinssatzungen, der Betrag von 493 Mark zugeführt. Die Mitgliederzahl ist im Berichtjahre von 468 auf 478 augewachsen, und die Beiträge von 1928,85 Mark auf 2014,85 Mark. An . Spenden erhielt der Verein von Freunden seiner Bestrebungen 388 Mark gegen 233 im Vorjahre. * e Am 17. d. Al. fand in Köln eine außerordentliche (Generalversammlung des „Vereins der Rabbiner und jüdischen Lehrer in Rheinland und Westfalen" statt. Es wurde Bericht erstattet über die bisherige Wirksamkeit des Vereins, ein Vortrag: die jüd. Lehrer im Mittelalter, gehalten, der Ausruf des D. I. G. B. zur Bildung eines Verbandes besprochen, wie das Verhältnis zur Unterstützungskasse voir Lehrern Rheinlands unb Westfalens, und ein Antrag: der Verein erweitert seinen Wirkungskreis auf die an Rheinland und Westfalen angrenzenden Bezirke und ändert dementsprechend seinen Namen. * 6 Die Erziehungsanstalt in Ahlem. Der Vorstand der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem bei Hannover, deren Zweck es ist, in ihren Zöglingen die Liebe zur Bodenkultur neu zu erwecken und sie für die Berufe, aus deuen sich der Mittelstand in der Hauptsache zufammensetzt, zu iuteressieren, versendet soeben einen Aufruf zu gunsteu der Anstalt. Die Zöglinge dieser Anstalt teilen sich in zwei Kategorien: 1) in Schüler; dieselben, im Alter von 6 bis 14 Jahren, genießen den Unterricht einer guten Volksschule von tüchtigen Lehrkräften, einem Fach- und zwei Elementarlehrern, und 2) in Lehrlinge; diese, gegenwärtig 21 an der Zahl, während die Anstalt 20 Schüler zählt, stehen genau in demselben Verhältnis, wie jeder Lehrling zu seinen: Meister. Rur eineu besondereu Vorzug haben die Lehrlinge, nämlich daß sie wirkliche Lehrlinge sind, und daß sie ihre Zeit ausschließlich mit der Vorbereitung für den von ihnen erwählten Berufszweig unter fortgesetzter Anleitung und Beaufsichtigung der angestellten fachlichen Kräfte zubringen. Anstatt daß sie, wie es so vielfach der Fall ist, zu allerlei häuslichen Arbeiten und dergl. herangezogen werden. Dem Fortbildungsunterricht wird vonseiten der Anstaltsleitung besondere Fürsorge gewidmet. Auf die Berufswahl der Kinder wird keinerlei Einfluß ausgeübt. Indes trügt die ganze Anstaltsanlage, zu der ein Areal von 50 Morgen Land gehört, ein entschieden ländliches Gepräge, und bei der, auf dieser großen Besitzung der Landwirtschaft, der Gärtnerei und Baunckultur geschenkten großen Pflege ist es selbstverständlich, daß sich in den Herzen der Kinder alsbald eine Vorliebe für den ländlichen Beruf herausbildet. Wer aber von den Knaben einen: handwerklichen Berus sich zuwenden will, uurd in dieser Neigung keineswegs behindert, und zwar um so weuiger, als Tischlerei, Schlosserei und Schneiderei schon jetzt mit dem ganzen Betrieb verbunden sind. So ist