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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-27 · 17 (27.4.1895) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
17 (27.4.1895)
Date
1895-04-27
Page
Seite 272 (sequence 12)
Language
German
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Seite 272. JescHururr. Nr. 17. semitische Volkspartei gebildet. Diese Partei wird also einen Gegensatz bilden zur deutsch-sozialen Reformpartei. Es kommt allerdings daraus an, ob es Ahlwardt und Böckel gelingen wird, aus der Heerde ihrer ehemaligen Freunde viele Schafe für den neuen antisemitischen Stall zu gewinnen. *1i Ein neues Projekt des Baron Hirsch. Nach dem „Woschod" trägt sich Baron Hirsch mir der Absicht, aus dem Boden der Insel Kreta, den er zum großen Teile erworben, Kolonien mit jüdischen Ansiedlern zu gründen. Den Grundstock dieser Kolonien soll die Bevölkerung der bestehenden Ansiedlungen in Argentinien bilden, welche — nachdem Baron Hirsch auf sein argentinisches Projekt endgiltig verzichtet hat — nach Europa zurückbefördert werden soll. Das russische Blatt glossiert die Absichten bei Pariser Philanthropen in eigentümlicher Weise, indem es hinzusügt, die Kolonisten aus Kreta würden von den übrigen Rationalitäten unabhängig sein und könnten nnt der Zeit ein selbständiges Gemeinwesen unter dein Protektorate Englands bilden. * eJüdische Aerzte aus Deutschland im Orient. Bon den Männern der Wissenschaft waren es zuerst deutsche Aerzte, die als Sendboten der abendländischen Bildung ein segensreiches Wirken im Orient entfalteten. Als infolge der europäisierenden Reformen des Sultans Abdul Medschid in den Fünfziger - Jahren eine weitverzweigte Verschwörung der Alttürken-Partei, in welche selbst Mitglieder des kaiserlichen Hauses verflochten waren, in Konstantinopel im Anzuge war, brachten die Wiener Zeitungen die alarmierende Kunde, daß der Padischah vergiftet und seine resormatorische Regierung in einer Nacht gestürzt worden sei. Zum Glück bestätigte sich diese Nachricht nicht; aus den späteren infolge der Untersuchungen herausgekommenen Daten ist die Thatsache der Verschwörung festgestellt. Sie wurde nicht ausgesührt, sie scheiterte an der Biederkeit des kaiserlich türkischen Leibarztes Dr. Spitzer aus Wien. Neben anderen Benesizien waren ihm drei Millionen angeboten. Nur wer die damaligen Verhältnisse im Orient kennt, wird die Lage, in der sich Dr. Spitzer befand, zu würdigen wissen. Ob er die That vollbrachte oder nicht, es wax gleich gefährlich. Dr. Spitzer war nicht einen Augenblick über die zu ergreifende Partei unschlüssig. Er rettete den Sultan und mit ihm die künftige Zivilisation des Orients. Abdul Medschiö sorgte mit väterlicher Huld nach Entlarvung der Verschworenen dafür, daß sein Retter zun: Gesandtschastsrat in Wien ernannt wurde, da er sich nicht getraute, ihn in Konftantinopel vor geheimer Rache erfolgreich schützen zu können. Die liberale Partei in Wien, mit der er verkehrte, hielt große Stücke aus den kleinen schmächtigen Mann, in dem noch die Nachwelt den öeutschen Einfluß im Orient segnen wird. — In Jerusalem übt heute der Chefarzt des Rothfchild'fchen Hospitals Dr. d'Arbela einen segensreichen Einfluß aus. Von den jüdischen Aerzten, welche im türkischen Staatsdienst stehen, wird ein offizieller Uebertritt zum Islam heute nicht mehr gefordert. Ein deutscher Arzt, Dr. Rosenseld, der, aus Tilsit gebürtig, weil er das Abiturientenexamen an einer Realschule abgelegt hatte, seine Studien in Zürich vollendete, wirkte bis vor wenigen Jahren in höherer Stellung in Zana in Südarabien.. Es ist ihm mehrfach möglich gewesen, die trostlose Lage seiner Glaubensgenossen in Pemen zu verbessern. Er lebt jetzt in Tilsit und erzählt, daß eine große Zahl jüdischer Aerzte in der Türkei in hohen Stellungen thätig sind und daß sie dort durch ihre Beziehungen zu hohen Würdenträgern erheblichen Einssuß ausüben. *f. Abdul Hamid und die Juden. Seit Jahren schwebt ein Streit zwischen den tut Stadtteile Phanar in Konstantinopcl lebenden Griechen und Juden, der nunmehr vor Beginn des Passahsestes von: Sultan Abdul Hamid zu gunsten der Juden entschieden worden ist. Die Juden im Phanar hatten vor Jahren eine Schule für Waisenkinder errichtet, die sich allgemeine Sympathien zu erwerben wußte. Die unduldsamen Griechen verlangten, daß die jüdische Schule in einen anderen Stadtteil verlegt werden soll, mit der Motivierung, daß für dieselbe innerhalb des den Griechen von der Pforte angewiesenen Territoriums zur Errichtung von Kirchen, Schulen, Spitälern re. kein Platz sei. Die Juden beriefen sich auf eine ausdrückliche Erlaubnis der Pforte, im Phanar unbeschränkt gemeinnützige Anstalten errichten zu dürfen. Sultan Abdul Hamid entschied, daß die Juden im Phanar unbeschränkt und unbehindert Anstalten für Unterrichts- und Wohlthätigkeitszwecke errichten dürfen. Dieser Beschluß wurde bereits dem Vorstande der jüd. Gemeinde und der Leitung der griechischen Kolonie mitgeteilt. Gleichzeitig spendete der Sultan 10,000 Francs für die Armen jüdischer Konfession, um dadurch sein besonderes Wohlwollen für die Juden zu dokumentieren. *n Die Juden in China. Sir Moses Montefiore, der überall im Sinne der Humanität zu wirken bestrebt gewesen, hatte sein Interesse auch den in China lebenden Juden zugewandt und in Gemeinschaft mit einem Mitgliede des Londoner Hauses Rothschild eine Expedition ausgerüstet, die sich nnt der Auffindung jüdischer Gemeinden in China, deren Gebräuche und der Feststellung etwaiger Hilssbedürftigkeit beschäftigen sollten. Das Ergebnis der eingehenden Forschungsreise war ungefähr folgendes: Esleben gegen 80 000 Juden in China, und zwar zumeist in der nächst dem Pangtse-Kiang liegenden Provinz Hunan, deren Gesamt- Einwohnerzahl aus ca. W Millionen geschätzt wird. Die Juden sind äußerlich von den Chinesen nicht zu unterscheiden; ihre Lebensweise ist in: großen und ganzen die der in der genannten Provinz stark vertretenen Muhammedaner, welche sich mit dem Ranien Mossessin: belegen, eine Bezeichnung, die augenfälligen (?) Anklang an Moses enthält. Ferner wurde sestgestellt, daß sie uralte, aus Leder geschriebene, hebräische Gebete besitzen. Da China keinerlei Glaubenszwang kennt und dort jeder nach seiner Faoon selig werden kann, so leben die chinesischen Juden unbehelligt von oben und unten und sind keiner Verfolgung ihres Glaubens wegen ausgesetzt. Mit vielen Millionen anderer Chinesen teilen sie aber das Los der drückendsten Arinnt, das, wenn ich recht berichte bin, noch bis aus den heutigen Tag von England aus durch Unterstützungen in etwas gemildert wird. Wer sich genauer über die Verhältnisse zu orientieren wünscht, dürste'weitere Aufschlüsse in London bei Herrn Josef Sebag- Montefiore, den: englischen Parlamentsmitglied:' Sainuel Montagu, bei Sir Albert Saffoon und wahrscheinlich auch bei Lord Rothschild erhalten können. Auch der in Shanghai lebende gelehrte Missionar Dr. Faber, ein Deutscher, und vielleicht auch der frühere deutsche Gesandte in Peking, der jetzt in Wiesbaden lebende Herr M. v. Brandt, dürsten Auskunft zu erteilen imstande sein. Gemeinde, Synagoge und Schule. * Berliner Nachrichten. Der Zentralverein n":r die Interessen der jüdischen Gemeinde hat am 18. d. M. den Bezirk 0. und N.O. und an: 22. den Bezirk W.

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