Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 17 (27.4.1895)
- Date
- 1895-04-27
- Page
- Seite 271 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 17. 3 e ( (§ u r u n. Seite 271 mit seiner Last; sie verachtete diese „elenden Geschöpfe", aber ihre Lebensweise schmerzte sie. Manchmal durchzuckte sie ein Schauer, als hatte jemand gegen ihren Bruder, welchen sie liebt und verdammen muß, sich, erhoben. Und doch konnte sie ihre Augen von dem Buche nicht abwenden. Am Morgen verzehrte sie hastig ihr Frühstück und blieb bis zur Mittagszeit allein. Zn Hause störte sie niemand, da man ihre Gewohnheiten kannte. Rnr die Mutier, bei ihrem dickleibigen Gebetbuche sitzend, murmelte von Zeit zu Zeit: Warum legt sie nicht am heutigen Sabbat ihre Ohrringe und Broche, die in der Kommode verkümmern, an? Gegen Mittag kam Josef, deit Tallis imi den Arm gehängt, mit Herrn Moses vom Gottesdienst und betrat gleich den Alkoven seiner Tochter. Sie fixierend blieb er einige Minuten aus der Schwelte stehen, sie aber bemerkte ihn nicht. Das machte Um schließlich ärgerlich. „Und Du, Klara, liest nur fortwährend", sprach er laut. Sie schaute ihn an. Sie las eben einen Abschnitt, in welchem geschildert wurde, mittelst welcher Schwindeleien sich die Juden vom Militärdienste zu befreien trachten. „Vater, hast Dlt je beim Militär gedient?" srug sie plötzlich neugierig. Joses schaute sie verwundert an. „Aber um Gotteswillen, was ist Dir denn geschehen? Ich beim Militär? Bin ich denn Schuster oder Bauer? In unserer Familie giebts keine Soldaten! Aber was interessiert denn das Dich?" Er nahm neben ihr am Sopha Platz, — sie zog sich in die Ecke zurück. „Warum bist Du bis jetzt noch nicht angekleidet, Klärchen? Hast Du vergessen, daß ich Dich bat, Du möditeft Dich heute schmuck kleiden? Du wirst heute mit uns zu Mittag speisen. Und ich bitte Dich noch einmal, sei Herrn Moses gegenüber höflich." Josef sprach das mit weicher Stimnle, sie wohlgefällig streichelnd; da fiel sein Blick auf den Titel des gelesenen Buches. Der Narne Merunowiez siel ihm auf. Dieser Feind des Judentums war ihm aus den Zeitungen bekannt. „Was liest Du da? Erlaube mir!" — Instinktiv schob Klara das Buch zur Seite, dabei eilte Art Schani fühlend, daß sie es liest. „Wozu das, Vater? ein gewöhnliches Buch, welches mir der Pfarrer gab." „Aber zeige, zeige, ich bin neugierig, was solch ein Merunowiez schreiben kann", ries Joses hitzig und griff nach dem Buche. Er durchlief das Kapitelverzeichnis, blätterte einige Seiten um und wandte sich mit gerunzelter Stirne gegen seine Tochter. „Wozu liest Du solche Albernheiten?" ries er und seine Stimme durchbebte eilt strenger Ton von Unzufriedenheit. „Ist denn das ilicht wahr?" erwiderte sie, eine sonderbare Lust verspürend, ihre dlirch das lange Lesen der Schriften Rohlings et tutti quauti erworbenen „Grundsätze" zu verteioigen. Diese kurze Antwort war für Joses genügend. Er schaute sie aufmerksam an und bemerkte zulli ersten Male daü ungewöhnliche F-nier und den Glanz ihrer Augen. Er durchschritt einmal das Zimmer und beganit plötzlich die Bücher und Brochüren zu durchstöbern. In einem Winkel bemerkte er einen ziemlich starken Band Notizen und gemachter Auszüge. Er durchsah sie aufmerksam, dabei auf seine Tochter schielend.' Sie saß gesenkten Blickes am Sopha. Ihr Herz pochte heftig. „Jetzt oder nie" — dachte sich heroisch, und unl Mut zu gewinnen, brachte sie sich alle in Büchern gelesenen analogen Situationen in Erinnerung. „Sind diese Notizen Dein?" srug Joses. — „So ist es, Vater," ries sie mit bebender Stimme. „Das ist kaum ein Bruchteil von dem, lvas ich gelesen und nachgedacht habe. Ich habe das gemacht, iveil ich Wahrheit wollte und da fand ich sie; in diesen Büchern ist ihre Quelle und in meinen Notizen ihre Frucht." In dem Maße wie sie zu sprechen sortsuhr, wurde ihre Stiutine sicherer. Man ilrerkte es, daß sie es aufrichtig meinte. „So, so", flüsterte Joses mit gedämpfter Stimme „und darin ist Dein Geheimnis? — Ehaje, Herr Moses", rief er laut, die Thüre des Alkovens öffnend, „ich bitte auf einen Moment." Die Gerufenen erschienen. Herr Moses bereitete sich zu einer feierlicheit Verbeugung vor, hatte aber keine Zeit sie auszuführen, denn Joses, seine Hand aus den Arm seiner sitzenden Tochter legend, sagte mit Nachdruck im gewöhnlichen Jargon: „Keile! In einem halben Jahre wird Deine Hochzeit mit Herrn Moses stattsinden! Ich gebe 10,000 Gulden und ihr werdet Etlch in Lemberg einen eigenen Laden eröffnen! Genug des — Müßigganges." Er sprach das ruhig, aber zum Schluffe fügte er mit gehobener Stimme hinzu: „Wenn heute nicht Schabbes wäre! . . ." Int Zimmer herrschte Stille, nur Ehaje wiederholte einige mal leise: „Gott sei Dank, Gott sei Dank!" (Fortsetzung folgt.) U)ochen-(Lhronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Der Beobachter, lieber die Entwickelung des Antisentitisnrus in den Reihen des Bundes der Landwirte macht der bisherige Dezeritent des Preßwesens beim „Bunde", Herr Dr. Gebet in der politischen Presse interessante Mitteilungen. Er schreibt: „Als ich im August 1890 das Preßdezernat des Bundes der Landwirte übernahm, bewahrte der engere Vorstand dem Antisemitismus gegenüber eine zurückhaltende Position. Es geschah dies besonders aus Rücksicht aus die Rationalliberalen, die man als Mitglieder teils befaß, teils zu gewinnen hoffte. Thatfächlich hat der Bund auch Juden unter feinen Mitgliedern. So war der jüdische Rittergutsbesitzer Herr Bernstein oft aus dein Zentralbüreau des Bundes, hatte auch Artikel für die „Korrespodenz des Bundes der Landwirte" geschrieben, die man natürlich ausnahm. Mir selbst als dem Preßdezernenten wurde eingeschürft, darauf zu achten, daß Wendungen, die einen offenkundigen Antisemitismus verrieten, aus den Artikeln besonders der „Korrespodenz" fortbleiben möchten. Es war nur ganz spmpathisch und durch das Bundesprogramm der politischen Parteilosigkeit auch geboten. Erft in der Generalversammlung vom 17. Februar 1894 kam der Antisemitismus in: Landwirtebunbe zum Durchbruch, und e» ist noch in aller Erinnerung, welche Qrgien er in der Generalversammlung vom 18. Februar dieses Jahres feierte. Der Bund that damit einen langen Schritt nach rechts". — Eine neue antisemitische Parteibegründung ist in Leipzig erfolgt. Ahlivardt und Böckel haben mit der Schaffung einer antisemitischen Sonderpartei begonnen und zusammen mit 17 anderen Delegierten aus allen Teilen Deutschlands eine anti-