Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 17 (27.4.1895)
- Date
- 1895-04-27
- Page
- Seite 270 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 270. 3 e f tt r ii tt. Nr. 17. ' vom Matter Ferdinand II. der Fürstenthron SiebeitbürgenS in Aussicht gestellt wurde, vertieft sich in die Schriften'des raddinifchen Judentums, übersetzt die Bibel, kommentiert die Psalmen und die Sprüche der Vater. In feinen Kriegsbefehlen zitiert er die Weifen des Talmuds, übersetzt das fevbardifcbe (Gebetbuch, den Mibchar Ha-Peninim Gabirols, das Mille d'Aboth Josef EhajunS, die Trchoth-Ehajjim des Nofch, macht Auszüge aus Tur- und Schnlchan-Aruch, und das alles.in ungarischer Sprache. Wahrlich, eine beispiellos dastehende Erscheinung. Allein nicht lange sollte der Glücksstern der unter Pechi's Leitung stark angewachsenen Seele leuchten. Ter mächtige .Kanzler hatte den Höbepnnkt seines Glückes erreicht, es sollte der Sturz kommen. Thne von seiner Schuld eine Achtung zu haben, wird er aus Befehl des ntistlrauisch gewordenen Fürsten Bethlen Ende Biai oder Anfangs Juni des Jabres 1021 in Großwardein verhaftet, von dort in schweren Metten in die Festung SzamoS-Ujvar gebracht, wo er mit Grausamkeit behandelt wird. Nach einer beinahe vierlbalbjäbrigen Hast wird er am 22. November 1024 gegen Bürgschaft der Stände des Landes und fast des ganzen Hochadels befreit. Bon seinen konfiszierten Gütern wird ihm nur eins, Szent- Erzsebet znrückgegeben, das er fortab nicht verlassen durste. Ter von seiner Höhe so jäh gestürzte Staatsmann zieht sich vom öffentlichen Leben zurück und sucht in der oben erwähnten wissenschaftlichen Thätigkeit Trost gegen des Schicksals Tücke. Er tritt im geheimen in Verkehr mit den sephardischen Inden, die dantals die Erlaubnis erhielten, sich in Siebenbürgen niederzulassen, tmd stellt sein Gebet- und Ritualien-Buch ttach ihrem Muster in ungarischer Sprache znsantmen. 'Nach dem Tode Bethlen's wächst ztvar sein Einfluß wieder, allein die einmal erklommene Stufe sollte er nie mehr erreichen. Es ist aber auch kaum anzunehmen, daß ihn die Macht nach den traurigen Erfahrungen, die er erlebt hatte, noch besonders angezogen hätte. Turch seine vornehmen Verwandten und durch seine vielverzweigten Verbindungen war er ein geachteter und gesuchter Parteigänger für den Fürsten Georg Rakoezi I. Sobald aber dieser habgierige Fürst feinen Thron genügend gesichert wußte, ist er mit großem Ernste zur Ausrottung der Sekten geschritten; hierbei handelte es sich für ihn in erster Reihe um die Monsiszierung des Vermögens der Sektierer. So hatte er denn ans öem Landtage zu MarlSbnrg, der im Jahre 1008 tagte, eine Mommisston entsendet, die am 1. Juli desselben Jahres in Tees zusammentrat und über alle, die sich zu keiner der gesetzlich anerkannten Religionen bekannt hatten, abnrteilen sollte. „Judenzer" und „Lästerer" wurden am festgesetzten Tage vor die Mommisston geladen und ntußten nach Monsiszierung ihres Vermögens einen Revers ausstellen, in dein sie sich verpflichteten, die „Irrlehren", die sie bislang befolgt, abzuschwören und sich einer der gesetzlich alterkannten Mirchen anznschließen. Tiefer entscheidende Schlag, der alle Sektiererei zu vertilgen bestimint war und der vielen Hunderten das Vermögen und die Freiheit gekostes hat, war eigentlich gegen die Sabbatarier und ihr geistiges überhaupt, den nach beut Tode Bethlen's wieder zu Vermögen gelangten Simon Pechi, gerichtet. Wie dieser votn .Krankenbette nach der Festung Kövas geschleppt, zum Tode verurteilt, dann wieder begnadigt wird, ttttt sein einst so glänzendes Leben in dürftigen Verhältnissen im Jahre 1040 zu schließen,^gehört zu den gemeiitsatnen Zügen aller Märtyrer. Tas Herrenhaus, das er einst besessen, und in welchem eilte Synagoge sich befand, ist heute eine Lagerstätte der Zigeuner. Seine Schriften, die er zur Verherrlichung seines Glaubensbekenntnisses versaßt, sind noch handschriftlich vorhanden, sein Moutmentar zu den Psalmen dürste in kurzer Zeit als Denkmal der nationalen Litteratur voll der ungarischen Akademie der Wissenschaften ediert werden. Seit seinem Tode zeigt uns die sabbatarische Bewegung das Bild des allmählichen Verfalles, so das; heute nur noch drei Familien sich zu ihr bekeitnen; der größte Teil derselben ist im Jahre 1808, wie schon eingangs erwähnt wurde, zuni Jndentum übergetreten und bildet hellte die Proselyten-Ge meinde zu Bozöd-Ujsalu im Szcklerstuhle Udvarhclp. Ties ist in kurzen Umrissen das Bild einer Bewegung, die beispiellos in der Geschichte der Religionen dasteht. Ein jeder, der den Mampfe der Ideen ein Interesse entgegenbringt, dürste in dieser Bewegung ein anziehendes Bild erblicken. Tas Bild objektiv dargestellt zu haben, ist das große Verdienst des Verfassers, der Licht und Schatten im richtigen Verhältnisse ausgetragen und zur Religions- und Multurgeschichte der letzten drei Jahrhunderte einen interessanten, bis nun nur wenig beachtete!; Beitrag geliefert hat. Feuilleton. tzutslkik! Eine qalizischc Erzählung von Wilhelm Feldman. Nachdruck verboten. «Fortsetzung). VII. Tags daraus, am Sabbatmorgen, faß Josef in seinem Zimmer und rezitiere in gebeugter Haltung und konzentrierten Geistes die Psalmen ans einem kleinen Buche. Ihr Sinn war ihn; nicht ganz klar, für die Poesie und Schönheit dieser erhabenen Hymnen, Klagelieder und Bitten hatte er kein richtiges Verständnis, aber er sagte sie andächtig her, im richtigen Glauben an ihre Macht und befürwortende Bedeutung beim Allerhöchsten. Tie Schlußsätze jedes Abschnittes sang er mit einer wehmütig-düstern Melodie vor sich hin, wie jene traurigen Zeiten des Mittelalters,^ in welchent diese bis jetzt unveränderten Melodien entstanden sind. Während dessen las Mlara in ihrem Alkoven mit nicht minder angestrengter Ausmerksainkeit Merunowiez'S bekanntes Pamphlet. Sie verschlang diese Worte, nahm sie in sich aus uud fühlte ein Unbehagen und ein Weh — über die Juden. Ihr geistiges Arsenal, in welchem bereits Waffen des verschiedensten Malibers gegen das Judentum ruhten, wurde jetzt um einige neue und schwere Vorwürfe reicher. Tie wichtigste Anklage betras das antisoziale Gebühren im allgemeinen uud das antipolnische insbesondere. Beispiele und Zahlen, deren Stichhaltigkeit sie doch nicht sestsiellen konnte und die ihr dennoch sehr imponierten, empörten sie bis ins Innerste. Tb wohl sie sich im Geiste schon längst vom Judentum losgesagt hatte, wurde doch ihre Brust von jedem Vorwürfe wie von einem Steine getroffen uud erdrückte jie U t