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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-27 · 17 (27.4.1895) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
17 (27.4.1895)
Date
1895-04-27
Page
Seite 269 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 17. JescHurirn. Seite 2(>9. Dir Snlitmtnrirr. Vom Robb. Tr. (Goldschmidt, Mißlilz, Bon Lehrkanzeln und akademischen Vorlesungen tönt uns ost die Behauptung entgegen, daß in der Geschichte der Menschheit Wirkung und' Gegenwirkung in strenger Gesetzmäßigkeit aus einander solgen. Tie pragmatische Geschichtssorschung gefallt sich darin, die sogenannten verborgenen Kräfte, welche die Vergangenheit und (Gegenwart beherrschen, zn entdecken. Diese Philosophie a posteriori zerbricht sich dann den Kops darüber, ob ein geschichtliches Ereignis kommen mußte, weil die einzelnen Grundbedingungen dafür vorhanden waren, oder ob die geschichtliche Entwickelung diese Erscheinungen mit sich gebracht hat, eine Frage, deren Lösung so schwer ist wie jene, ob eine Brücke das rechte Ufer mit dem linken verbindet oder umgekehrt. Allein, in zahllosen Fällen steht diese (Geschichtsforschung den einzelnen Erscheinungen machtlos gegenüber; in solchen Fällen bleibt sie trotz ihrer großen Geistesschärfe uns die Aufklärung schuldig. Ein solches unlösbares Rätsel ist eine kaum beachtete Thatsache, die sich vor siebenundzwanzig Jahren in einem kleinen, vom großen Verkehre des alltäglichen Lebens abseits gelegenen Torfe des romantischen Siebenbürgen zugetragen hat. Aus die bloße 'Nachricht hin, daß das ungarische Parlament die bürgerliche (Gleichberechtigung der Juden zum Gesetze erhoben hat, bekennen sich die Ueberreste der Sabbatarier zum Judentume. Ueber diese ganze Bewegung, wie auch über die fast drei Jahrhunderte lang dauernde vorbereitende Gührung derselben giebt uns das Buch des mit dieser Frage gründlich vertrauten Pester Rabbiners Dr. Samuel Kohn*) Nne genügende Aufklärung. Es lohnt der Mühe, dem gelehrten Verfasser in seinen Darstellungen zu solgen, denn die Bewegung, die er uns darstellt, hat einem Ideal gegolten, und Ideale verdienen immer, wenn auch nicht unsere Bewunderung, so doch unsere Aufiilerksamkeit. Um die ersten Keime der sabbatarischen Bewegung eiudecken zu können, müssen nur um vierthalb Jahrhunderte zurückgreisen und die große Gährung, die die Reformation in allen Ländern, wohin sie gedrungen, hervorgerufen hat, uns vergegenwärtigen. Dieselbe Umwälzung, welche' das Christentum auf dem Gebiete der Architektur hervorgerufen, zeigt uns die Reformation ^Luthers auf rein geistigem Felde. Die alte Form des alten griechisch-römischen Tempels, deren Anlage, weil nur zur Aufnahme der dienftthuenden Priester bestimmt, räumlich beschränkt und enge war, mußte einer neuen, zur Ausnahme der zum Gottesdienste herbeigezogenen großen Volksmasse bestimmten Form, weichen. Die -alte, Brasilika benannte Markthalle Roms war der Grlindtppus der ersten Kirchen, und dadurch ivurde der Gottesdienst verallgenleinert und auf _ die große Masse des Volkes ausgedehnt. Eine gleiche Erscheinung bietet unS die Beivegung der Reformation. Die Bibel, bislang nur im Dienste der Geistlichkeit, wird durch die deutsche Uebersetzung Luthers Gemeingut deS ganzen Volkes. Mit Bewunderung steht der einfache schlichte Mann, dem das Buch der Bücher bisher ein mit sieben Siegeln verschlossenes Geheimnis war, eine neue ungeahnte Welt sich eröffnen, er lieht den großen Schatz geistiger Thätigkeit nstt *) Tie SaaOatarier in Siebenbürgen. Fhre (Geschichte, Littemtnr nnd Toginntik. Ein Beitrag 31, Religions- und Gultnrgeschichtc der lepttn drei Falirhnnderte- Budapest-Leipzig 1894. 8". seinen Augen und erkennt aut einmal, daß er durch lange Fahrhunderte am (Gängelbande der Pfaffen geführt wurde. Der Wellenschlag dieser Bewegung verbreitet sich über ganz Europa und in dem von Gebirgsketten umringten Siebenbürgen stauen sich feine Wellen und gehen desto höher. Die letzte Konseguenz aus den kühnen Worten Luthers und Calvins zieht die unitarische Kirche, die im Szeklerlande entstanden ist. Die toleranten Gesetze, welche die freie Religionsübung in Siebenbürgen ermöglichten, standen damals in ganz Europa einzig da. Ein jeder durste das Evangeliuin nach seiner Auffassung verkünden, Zwangsmittel sollten zur Bekehrung des Volkes nicht angewendet werden, „sintemalen ihr Gewissen dabei nicht beruhigt ist". Johannes Blandrata, der Führer der Unitarier in Polen, befreundet sich mit Franz Davidis, dem Hosprediger des Fürsten Joh. Sigm. von Siebenbürgen und begeistert ihn für die Sache des UnitariSmus. War nun das starre Trinitätsdogma in Siebenbürgen geschwächt und der Autorität des neuen Testamentes die des alten entgegengesetzt, so waren alle Grundbedingungen gegeben für eine Sekte, die zum alten Testament und späterhin zum Judentume zurückkehreu sollte. Diese Sekte ist die der Sabbatarier, die in den drei Epochen ihrer Entwicklung sich allmählich dem Judentume nähert, um endlich in demselben völlig aufzugehen. Trotz der härtesten Verfolgungen, die sie zu erdulden hatten, hingen sie mit der Festigkeit der Ueberzeugung an ihrem Glauben und ertrugen die härtesten Verfolgungen für denselben. Der Mann, der die Lehren des Franz Davidis weiter entwickelte und somit als Begründer des Sabbatariertums betrachtet werden kann, ist Andreas Eössi, ein hochadeliger, begüterter Szekler. In seinen! Leben hat ihn das Schicksal schwer heimgesucht; er verlor frühzeitig seine Frau und seine Kinder. Am Abend seines Lebens lag er gelähmt darnieder, und in einsamen Stunden vertiefte er sich in die Lehren der Bibel. Er gelangte zu der Erkenntnis, daß die gewaltsam unterdrückten Lehren der heiligen Schrift die einzig wahren, aber noch immer nicht vollkommen wahren sind. So legte sich der einsam schlichte Mann ein ganzes Religionssystem zurecht. Sein durch keine theologische Bildung überbürdeter Geist hat die Wahrheiten, die er erkannt, desto Heller begriffen und desto deutlicher dargestellt. Er rühmt sich dessen, daß er weder Rhetorik noch „der Heiden viele Sprachen" studiert, daß er keine Theologie getrieben hat, denn nicht darin besteht das wahre Heil: -Tie Weisheit, die von (Gott uns ward, genügt uns, Wir brauchen nicht der Menschen blöde Weisheit." Die Anhänger seiner Lehre waren die Bewohner seiner Herrschastsgüter, die mit ihrem Herrn zugleich den jüdischen Ruhetag in Ehren hielten. Das war die erste auffallende Neuerung des neuen ReligionsstifterS und darum erhielten sie den Namen Sabbatarier. Eössi hatte einen Adoptivsohn, den späteren Kanzler von Siebenbürgen, Simon P«chi, der mit dem Besitztümern seines Pflegevaters auch sein geistiges Erbe übernahm, der der neuen Sekte eine solide Basis verschafft, ein einheitliches Gepräge gegeben und es dem Judentum nähergebracht hat. Allein diese Thätigkeit Pechi'S, die allerdings unsere Aufmerksamkeit verdient, wird gänzlich verdunkelt von einen! Umstande, der in der ganzen Geschichte der Menschheit beispiellos dafteht, Simon Prchi, der Kanzler Siebenbürgens, der als Vertrauter seines Fürsten in die Ereignisse des dreißigjährigen Krieges entscheidend eingegriffen hat, der Man"., dein bei den Hainburger Unterhandlungen

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