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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-27 · 17 (27.4.1895) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
17 (27.4.1895)
Date
1895-04-27
Page
Seite 268 (sequence 8)
Language
German
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Seite 268. JescHurun. Nr. 17. In der That können Zeitschriften, welche mehr oder weniger Tagesfragen behandeln und welche Stimmung für oder gegen dies und jenes machen wollen, niemals Lehrbücher erschein Die religiösen Zeitschriften vollends stehen in einem gewissen Gegensatz zu den rein pädagogischen. Die Einseitigkeit, welche Fachschriften anhastet, soll durch religiöse Betrachtungsweise gemildert und gehoben werden. Der Pädagoge von Fach wird sich durch dieselbe manchmal geniert siihlen, jedoch bei ruhiger Betrachtung wird er gerade durch den höheren Standpunkt, der ihm gewiesen, neue Berufssreudigkeit, ein erhöhtes Zielbewußtsein schöpfen. Was versteht der Pädagoge unter „Lernen?" Kant nennt das Lernen ein Nachahmen. Da nun z. B. die Philosophie als ausgearbeitete Theorie niemals nachgeahmt werden kann, so könne man auch nicht Philosophie „lernen." Ich vermeide absichtlich den Ausdruck „studieren." Denn dieses Wort, von dem lateinischen stuckere, d. h. befleißigen, abgeleitet, hat einen ganz unbestimmten Sinn. Und obwohl manch Einer wunder was sich wichtig zu machen glaubt, wenn er das große Wort ausspricht: Ich studiere, so sagt dies gerade alles und auch nichts. Im Volksmunde, welcher sehr häufig das richtige trifft, bezeichnet darum auch „eine studierte Rede", „ein studiertes Wesen" etwas Unnatürliches, nicht aus dem Herzen, aus der Natur entspringendes, das wohl für den Augenblick imponieren mag, auf die Dauer aber keine Wirkung ausüben kann. Kehren wir zum einfachen Lernen zurück. Gelernt werden Kenntnisse und Fertigkeiten. Solche Doktrinen, deren augenscheinliche Gewißheit festfteht, oder deren Grad der Evidenz sich wissenschaftlich feststellen ließ, können gedächtnismäßig angeeignet werden. Tie diesen Doktrinen entsprechenden Fertigkeiten können eingeübt werden. Beides ist ein Lernen. So verhält es sich z. B. mit der Mathematik, auch mit den Naturwissenschaften, überhaupt mit den exakten Fächern. Bei den nicht exakten Fächern, bei Sprache und Geschichte wird immer ein Muster vorausgesetzt, dein der Lehrling gerecht werden soll. Die Sprache ist etwas gegebenes. Aber es giebt verschiedene Sprachidiome und es fragt sich: Welche soll mnstergiltig sein? Die Grammatik, soserit sie sich nicht aus wenig besagende Definitionen beschränken soll, ist nicht vorwiegend eine Lehre darüber, wie die Sprache ist (die Volkssprache ist häufig sehr ungrammatisch), sondern sie giebt Regeln, wie die Sprache sein soll. Tie geschichtlichen Ereignisse, solche, die man vorzugsweise historische nennt, üben aus die Zeitgenossen einen mächtigen Einfluß aus. Es bilden sich zunächst die verschiedensten Beurteilungeil des Geschehenen, die vom Parteistandpunkt gar sehr beeinflußt sind. Im Lause der Zeiten klären sich die Anschauungen. Der Fluß der Meinungen erstarrt; dann ist der Geschichtsstoff schulreif. Da aber die Parteien nicht so rasch aussterben, so ist ein völlig unparteiischer Geschichtsunterricht noch heutigen Tages ein unerreichtes Ideal. Namentlich kann deswegen die allerneneste Geschichte gar nicht anders, als vom Parteistandpunkte gelehrt werden. — Der Lehrling nun hat sich dem ihm gebotenen Muster anzupassen. Die Schulen werden ilnmer ihr Hauptaugenmerk darauf richten, daß die Schüler das ihnen Dargebotene getreu wiedergeben. Daraus dringen die Examina. Ein Schüler, der dieser Ausgabe nicht genügt, hat das Examen nicht bestanden. Hier erzeugt sich leicht ein Uebelstand, daß an die Stelle des Selbstdenkens ein passiver, mechanischer Gehorsam als der Tugenden höchste gepriesen ivird. Nanlhafte Prädagogen wollen diesem Uebelstande entgegenarbeiten. Sie wollen keine „chinesischen" Zustände. Dittes betont das „Denken" im Gegensätze zum „Lernen". Allein der Erfolg dieser Prädagogen nach dieser Richtung ist nur gering. Denn auch der sreistnnigste Pädagoge wird abweichende Anschauungeil bekämpfen, und wirb sie erst recht nicht gelten lassen, weiln diese von unreifen und unfertigen Personen, wie dies nun einmal Schüler stets sind, vertreten werden. Die Schaffung des Mnsterstoffes ist ein historisches Erzeugnis. Jahrhunderte haben daran gearbeitet. Nicht etwa „aus der Schule für die Schule", sondern das Leben hat den Stoff geschaffen, ihn schließlich der Schule übergeben, damit die Schule wieder fürs Leben arbeite. — Die Methodik allein kann den Stofs nicht schassen, umgekehrt muß sie sich dem Stoffe anpassen. Jln gewöhnlichen Leben nennt mail auch wohl ein Lernen, wenn jemand zu einer Kenntnis und Fertigkeit gelangt, die er nachweislich vordem nicht besessen. Alan sagt dann, er hat es gelernt. Allein die Psychologie untersucht die geistigen Vorgänge, die vonl Nichtkönnen ginn Können führen. Namentlich besaßt sich Herbart mit dieser Frage. Anstatt nun dessen Lehre gehörig zu verdauen, sind manche schon recht glücklich, wenn sie nur tapfer mit Herbart'schen Ausdrücken um sich werfen können. Sie niachen dessen Lehre zur Karrikatur, indein sie dessen Regeln überall, wo es paßt nnb wo es nicht paßt, zur Anwendung bringen wollen. Ich habe mal eineil Vortrag eines christlichen Lehrers über die „Apperception" mit ailgehört. Man konnte sicher sein, daß in jedem zweiten Satze das Wort Apperception vorkam. Schließlich wurde mir vor der ganzen Apperception „nließ unb moß" (r,x,2 und L'.reb). Sollen wir denn, statt einen gesunden Menschen zu erzeugen, einen Homoneulus ä la Goethe schaffen? — Hier könnte man sagen: Etwas iveniger Psychologie wäre psychologischer! - Auch im jüdischen Jbionle spricht nmn vonl „Lernen." Da ist aber von vornherein alles künstliche Unterrichtsverfahren ausgeschlossen. Wenn der Lehrer an der Hand eines Buches über Moral und Sitte, über Gesetze und Gebräuche, oder über agadische Themata einen Vortrag hält, so sagt man, er „lernt". Kann er dies in befriedigender Weife, so sagt man, er kann „lernen". Manch einer giebt guteil Schulunterricht und kann doch nicht „lernen". Das kommt daher, er ist in dem Unterrichtsverfahren gut einexerziert, aber es gebricht ihm an selbständiger Denkkraft. In diesem jüdischen Sinne bedeutet Lernen ein Verstehenkönnen irgend eines Autors, ein Eindringen in dessen Intentionen, sowohl in sprachlicher als sachlicher Beziehung. Der „lernende" Lehrer ist Dolmetscher und Interpret. Er muß also wie jeder Dolmetscher nlindestens zwei Idiome beherrschen. Durch die Klarheit und Anschaulichkeit seiner Sprache übt er auch ohne künstliches Verfahren einen anregenden, wirkungsvollen Eindruck ans den reiferen, wißbegierigen Zuhörer. Da aber leider solche Zuhörer so selten wie weiße Raben lind, und da die nd nrr, die Krastschwüchnng, dank dem heutigen Materialismus leider so große Dinlensionen angenommen hat, so ist zu ermessen, wie viel heutigen Tages ein „lernender" Lehrer durch sein „Lernen" (welches etwa den akademischen Vorlesungen entspricht) ivirkeil kann, lind daß es ihrn ilicht zu verdenken ist, wenn er nach gethaner Arbeit das Blich zuklappt und sich ganz und jar lvieder als Sch ul-Lehrer fühlt.

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