Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 17 (27.4.1895)
- Date
- 1895-04-27
- Page
- Seite 267 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. e T d? u r u n. Seite 267. die Christinnen, nur ihr Kopfputz ivar verschieden; die jüdischen Männer statten keine andere Tracht, als die einfache ihrer christlichen Mitbürger und tennzeichneten sich durch nichts anderes als durch deit gelben, trichterartig gesorntten Judenstut, diesen Hut, dein in einer Geschichte der Juden ees Mittelalters ein ganzes Kapitel müßte eingeränmt werden. Der Iudenhul fehlt nirgends. Nicht allein das Haupt des schachernden und feilschenden Inden, sondern auch das des frommen Beters vom jüdischen Stamme ist mit dieser Coiffure gezeichnet, die wastrlich nicht ihn schändet und ihrer Bestimmung gemäß nicht istm zur Entwürdigung gereicht. Die Bilder einiger betenden Inden, drei an der Zahl, finden sich in dem Miniatnrgemälde eines Machsors, welche nach dem in der Universitätsbibliothek zu .Leipzig anfbewastrten Original von Hefener-Altenek, dem Herausgeber des Prachlwerkes „Trachten des christlichen Mittelalters" gezeichnet und seiner schätzbaren Sammlung einverleibt worden sind. Das Machsor bestellt ans einer Pergament-Handschrist in zivei großen Bänden, deren ganze Ausschmückung im (Geschmack der christlichen Missalien ans derselben Periode bestandelt "ist. Es ist reichlich mit Gemälden, so wie mit vergoldeten und ornamentierten hebräischen Initialen versehen. Höchst ausfallend findet es Hesener-Alteneck, daß die orientalischen Gestchtszüye und Geberden dieser Inden karrikaturartig übertrieben sind; auch das ist ein charakterisches Zeichen jener Zeit. Der christliche Künstler, welcher dieses großartige Werk seltener Art für die Inden ansertrigte, schasst seinem etiva beschwerten Geivissen dadurch Erleichterung, daß er den istm mit schwerem Golde lohnenden Juden statt Bilder Karrikatnren lieferte. Nur am wenigstens unterscheiden sich die Trachten der ans diesem (Gemälde erscheinenden Inden von der christlichen Haustracht: dc'r eine ist in einen weißen Mantel gehüllt, welcher nach damaliger Sitte mit roten Streifen besetzt war, der andere trägt ein gelbes Unterkleid und einen trübroten Mantel. Die Zeichnung einer andern Gruppe aus dem Anfänge des 15. Jahrhunderts findet sich in der handschriftlichen Ehronik des Ulrich von Reichenthal auf dem Rathause zu Konstanz. Es find Juden im feierlichen Anszuge. An solchen Huldigungszeromonien hatten es die ^Nachkommen Israels bas ganze Mittelalter hindurch nicht fehlen lasten. Bei dem großen Teste der Besitznahme eines erwählten Papstes von dem apostolischen Stuhle mußten die Juden Roms in festlicher Deputation ihm entgegen kommen. Mit ihrem heiligsten Kleinod, dem Pentateuch, erschienen sie dann an dem Wege, wo der päpstliche Triumphzng vorüberkam : sie sangen Loblieder, boten dem Kirchensürsten, gleichsam als die Bibliothekare der christlichen Religion die Gefetzrolle dar, gewöhnlich nahm er sie an, las eine Weile darin oder stellte sich als ob er lese, reichte sie dann hinter sich und sprach einige Worte, welche in den ineisten Fällen die Herzen der um Erneuerung des Schutzes bittenden Inden wie Dolchstiche verwundeten. Diese Feierlichkeiten waren ein Borrecht der Inden in der alten Weltstadt; nur einmal war es über die in Konstanz verhängt, in die Reckte ihrer römischen Brüder einzngreisen, und zivar bei der Weihe des in ihrer Stadt während der großen Kirchenverfammlung gewählten Papstes Martin Y. Keiner feiner Borgänger und Nachfolger ist ja so feierlich geiveihl worden. Er ritt ans einem weißen Rosse, das der Kaiser Sigismund und der Kurfürst von der Pfalz, beide zu Fuß, am Zügel führten. Eine Menge von Fürsten und die ganze Kirchenversammlung bildeten den Zug. Ulrich v. Reichenthal, welcher um diese Zeit als Domherr in Konstanz lebte, war Augenzeuge dieser 1417 stattgesnndenen Feierlichkeit und beschreibt sie folgendermaßen: „Do er kam für das hus zum schlegel by saut laurenzen, und gingen im die Juden entgegen init vil großen brinenden kertzen und hetten all ihren Habit an als sy an irent langen tag Hand — und trugen ihre zehn geholt under ainent güldnen tuch mit vier ftaitgen an einem küssen, das was rot famatti tlnd hett vier zipfcl und an jeglichem zigsel zwo schellen und wenn sy den stecken in ainem knsse rürten, so lütten die Schellen, und sungen vast hebräisch linb da sy zu dem babst kamen, do knüweten sy alle nider und butten im die zehn hott und batten in, daß er inen ihr sreyhait bestätte, als sy denn von andern babften bisher gebapt hatten, do wollt dor babst der gebott nicht — aber unser her der knug (Kaiser Sigismund) empfing sy und sprach: moyses gebott sind gut und rächt, aber sy wollen sy nit verston noch rächt halten. Do redt der babst etwas heimlichs, dos nit jedermann verston kond und kart sich herumb zu den Juden und sprach lut das es meneklich Hort: Oninipotens clsns averlat velainen al) oenlis vestris nt possitits viclero Innien etemitz vite*), und segnet sy und sprach: in noinins patris et tilii et Spiritus sancti und mit von dannen* *). Den Zug erössneten die vier Vornehmsten der Gemeinde; sie trugen die Stangen des Baldachins, dessen Tuch rot gemalt war; ein weißes goldgesticktes Tuch hatte ein jeder über dem Kopse. Ihre Kleidung bestand in roten Ueberkleidern, aus welchen blaue Äermel hervorsahen. Ter die zehn Gebote trug int roten Umhang mit goldenen Schellen hatte einen grünen Mantel mit weißem Futter und goldncn Agraffen und ein grünes Unterkleid. Mehrere fchriten in grünen lieber- und roten Unterkleidern mit brennenden Kerzen voran. Die Tracht der übrigen Juden, welche sich denn Zuge augeschlossen hatten, war rot. ***) I. B. Das „chrneil." Von L. Weinberg, Lodenfelde. Ein Aufsatz über das Lernen in einer jüdisch-religiösen Zeitschrift, lieber Leser, ist etwas ganz anderes, als eine Auseinandersetzung, wie man dergleichen in pädagogischen und psychologischen Lehrbüchern findet. *) „Möge der allmächtige Gott die Binde von euren Augen nehmen, aut daß ihr das Licht des ewigen Lebens schauen könnt." **) Als KaiserKarl V. nach Prag kam, gingen ihm die Juden in einem „Aufzug" entgegen, lieber diese Feierlichkeit leien wir bei Hormayer (Archiv für Geographie nnd Historie, 1S11, 3. (»33): „darüber sind an die drei Hundert Juden gekommen mit eineni gar schönen Pannier nnd ihrer Lade, oder den zehn Geboten und dem Talmud (?). Voraus gingen die Rabbiner und was der Synagoge angehörig; hernach die Aeltesten und Witwer in schwarzen langen Mänteln und Lappen; dann die Jünglinge nnd Knaben in weißen Sfittdn mit Gold schön geschmückt, >vie sie das an ihren Testen tragen. Hieraus kamen die jungen Ehemänner in ihren Tales . . ." Aach dieser Beschreibung sollte man annehmen, das der damalige Lurus doch noch größer war als der gegenwärtige. Tenn bei solcher Gelegenheit würden unsere Männer sämtlich nur im schwarzen Anzug erscheine,,. Allerdings Zst der Luxus in den Anzügen -- namentlich bei den Trauen im Steigen, aber nur gegen die Einfachheit hu vorig,n Tahrhnndert. Tas Mittelalter und die darauf iolgenge Keit sröhnlcn dem Luxus außerordentlich, wie die immer erneueten Gesetze dagegen, die „Kleiderordnung" erweisen.