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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-04-27 · 17 (27.4.1895) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
17 (27.4.1895)
Date
1895-04-27
Page
Seite 265 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17. 3 e f 4 u r « n. Seite 265. der jüdischen Litteratur der vor- oder nachrabbinischen Periode besitzen; ebenso ist es unnütz zu untersuchen, aus welchen Quellen sie ihre abfälligen Urteile über den Talmud geschöpft haben. Ich begnüge mich damit,^auf die Beschlüsfe des siebengliedrigen Arcopags über die Sprachenlehre, Litteratur und Theologie des Judentums hinznweisen, welche einfach lächerlich oder drollig genannt werden müßten, wenn sie keine traurigen Folgen nach sich zögen. Im Sinne dieser Beschlüsse hat Graf Deljanow an die Kuratoren der Wehrbezirke der Süd- und Nordwest-Gouvernenu'nts das schon genannte Rundschreiben gerichtet. Motiviert wird dieses Verbot, daß das Kultusministerium zu der Ucberzeugung gelangt sei, daß der Talmud Lehren enthalte, welche für Staat und Kirche gefährlich seien, und daß die hebräischen Werke, wie die von Kordon, Schulmann, Lebensohn re., geeignet seien, die Unzufriedenheit der jüdischen Massen wachzurusen. Es ist wohl überflüssig, hier für das viclgeschmühte Denkmal jüdischer Gelehrsamkeit, für den Talmud, einzntreten. Ich möchte jedoch auf die unlautere Quelle Hinweisen, aus welcher das .tfomite fein abfälliges Urteil über den Talmud geschöpft hat. Ein Aceisenbeamter ans dem Gouvernement Radom hat im vorigen Jahre in der hier erscheinenden Monatsschrift „Nabljudatelj" (Beobachter) eine Reihe von Artikeln publiziert, in welchen er nachzuweisen bestrebt war, daß der Talmud ein in jeder Hinsicht für Staat und Kirche gefährliches Werk sei. Man staunte in Rußland darüber, daß ein Beamter der Branntweinverwaltung so viel Kenntnisse des Talmuds entwickelt habe. Der Verfasser des Pamphlets gegen den Talmud hatte sich indessen mit fremden Federn geschmückt: er hatte die Hetzschriften Rohling's einfach übersetzt und für seine eigenen Erzeugnisse ausgegeben. Und diese von der gelehrten Welt als Fälschungen gebrandmarkten Erzeugnisse Rohling's wurden von den sieben Weisen aus dem russischen Kultusministerium dazu benützt, um gegen den Talmud und die hebräische Litteratur loszuziehen! Ebenso verhält es sich mit dem Verbote der hebräischen Werke der eingangs genannten jüdischen Autoren. So bestehen z. B. die Werke Schulmann's aus trefflichen Ucbersetzungen der Romane von Sue und der Novellen von Zschokke, für welche der Uebersetzer vom Zaren Alexander II. mehrmals Auszeichnungen erhalten hatte, da die damalige Regierung der Ansicht war, daß derlei Bücher für die Aufklärung der jüdischen Massen von Vorteil sind. Aber dem Grafen Deljauow handelt es sich gar nicht um den Inhalt und den Wert dieser Werke; ihm ist es nur darum zu thun, seiner Judenversolgungssucht Ausdruck zu geben, und er benützt jede Gelegenheit, um die Juden zu chikauiereu. Da in unserem Lande noch immer „Gott hoch und der Zar fern" ist, so scheint nach wie vor nicht allein jeder hohe Würdenträger, sondern auch jeder niedere Beamte sich eus. Richteramt über die Inden anmaßen zu dürfen. Tie ruffischen Juden werden darum auch in Zukunft ihrer Erbtugend sich nicht entäußern dürfen, die Tugend nämlich: zu dulden und zu schweigen, deuu der Kurs, scheint es, bleibt der alte! Die Dnistische Deniegiing. Von Matthias Acher. III. Während nun aber die englischen Missionare wohl auch aus ihrer anglikanischen Zionsschwärmerei heraus die nationale Wiederherstellung Israels auf christlich-religiöser Grundlage preisen, dürfte bei den deutsch-protestantischen Missionaren blos ein taktisches Manöver im Interesse der Judenmission vorliegen. Denn im deutschen Volke — in dem sich infolge des Macht gebliebenen Katholizismus der Bibelzug der Engländer nicht entwickeln konnte, und wo die BevölkerungS- und wirtschaftlichen Voraussetzungen in der Judensrage zum Anti- und Philosemitismus geführt haben, — konnte sich eine. Disposition für die Idee einer jüdischen Wiedergeburt nicht herausbilden. Diese Unempfänglichkeit der deutschen Christen für zionistische Ideale mag nun auch mit Veranlassung sein, daß dieselben auch unter den deutschen Juden verhältnismäßig wenig Anklang finden, wiewohl schon frühzeitig in den deutschaeschriebenen Wochenblättern „Der Kolonist" (Kattowitz 1883 und 1884) und „Serubabel" (Berlin 188.5, 1886 und 1887) versucht wurde, den Widerstand der deutschen Judenheit zu besiegen. Für dieselbe liegt eben keine absolute Nötigung zum Zionismus vor. Weder ihre gesellschaftlich-politische, noch ihre wirtschaftliche Lage ist auch nur entfernt so trübe, wie die ihrer russischen Glaubensgenossen. Die kleine zionistische Gruppe deutscher Juden, welche ihr Programm teils aus Rußland, teils aus Qesterreich bezogen hat imb seit einiger Zeit sich bemerkbar macht, wird von den jüdischen Zeitschriften, sowohl den „reformerischen" als den „orthodoxen" aus das heftigste bekämpft. Ten einen ist der Zionismus Abart der Orthodoxie, den anderen Abart des Rcsormjudentums. Thatsächlich scheint er in Deutschland mehr der Qrthodoxie zuzuneigen, wiewohl diese Spmapathie kaum aus Religiosität, vielmehr auf taktische Gründe und instiktive kleinbürgerliche Gesinnung zurückzusühren sein wird. Für das Kolonisationswerk speziell haben die deutschen Zionisten einen Verband „Esra" mit dem Zentralsitze in Berlin, der jährlich mehrere tausend Mark nach Palästina schickt; für parteipolitische Thätigkeit den Verein „Jung-Jsrael" in Berlin und für die Agitation die Monatsschrift „Zion". Tie Besprechung des deutschen führt uns zu der des österreichischen Zionismus, welcher aber strenge in einen westösterreichischen und galizischen zu trennen ist. Der westösterreichische Zionismus spielte in der Geschichte der ganzen Bewegung eine bedeutende Rolle, wenn er es auch bis heute noch nicht zu größerer Entfaltung bringen konnte. In Wien wurde schon im Herbste 1882 von drei Studenten ein nationaljüdischer Studentenverein gegründet, dein der bereits erwähnte Peter Smolensky den Rainen „Kadimah“ gab, was sowohl „vorwärts" als „ostwärts" bedeutet. Die „Kadimah“ war die Schule, aus welcher fast sämtliche Agitatoren der Partei in Qesterreich hervorgingen. Einer der Gründer des Vereins schuf das erste zionistisch-politische Blatt, eine Halbmonatsschrift, welche er nach einer Broschüre des russischen Zionisten Dr. L. Pinsker, die lange das beste Material zur Agitation unter deutsch sprechenden Juden abgab, „Selbst-Emanzipation" nannte. Dieses Qrgan hat vor einem Jahre zu erscheinen aufgehört. Dagegen ist das Vereinsleben reicher geworden. Wien hat neben der ..Kadimah“ noch zwei nationaljüdische Studentenvereine „Unitas“ und

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